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, manche Stellen aus Otiliens Brief an Joduno und die meisten dunkeln Stellen in den Reden Werdos gegen Godwi verstehen, denn Werdo Senne ist niemand anders als dieser Joseph. Er erkennt in Godwi den Sohn Mariens, und dies bewegt ihn so heftig.

Achtundzwanzigstes Kapitel

"Gott sei Dank," sagte ich zu Godwi, "nun bin ich mit den Papieren fertig, und es ist nun die Reihe an Ihnen zu erzählen, was Sie wissen" –

"Ich spreche von dem meisten nicht gern," erwiderte Godwi, "was ich von meinem Vater weiss, und es ist das einzigemal, dass mir es Mühe kostet, Ihnen bei Ihrem buch zu helfen; Sie werden mir daher verzeihen, wenn ich mich sehr kurz fasse; überhaupt schreiben Sie ja meine und nicht meines Vaters geschichte; ich will Ihnen also nur einiges aus dem Leben meines Vaters, ehe er nach Deutschland kam, erzählen, und etwas von Josephs fernern Schicksalen, damit ich nachher frei bin, und Ihnen die wenigen Schritte noch aufschreiben kann, die ich von da, wo Sie mich im ersten Bande liessen, bis hierhin tat, von dem steinernen Bilde der Mutter bis hierher an Violettens Grabmal. Der Weg scheint lang von dem Denkmale einer Mutter bis zu dem eines Freudenmädchens; er ist es nicht, aber er umfasst dennoch mein Gemüt. Sie haben im ersten Bande das Lied von der Marmorfrau, mit dem das Buch hätte anfangen müssen, hätten Sie die geschichte meines Lebens, das ist meiner Empfindungen, schreiben wollen, und mit dem, was Sie von Violetten sangen, mussten Sie aufhören. –

In diesem Marmorbilde lag all mein Schmerz gefangen, ich lag wie das Kind in den kalten Armen des Bildes: was in dem Teiche sich bewegt, das ist dasselbe immer wieder, nur im beweglichen Leben gesehen; aber was dort über den grünen büsche in die Höhe strebt, das ist meine Freiheit; in Marien lag der Schmerz und die Liebe gefangen, in Violetten ward das Leben frei. –

Doch ich will die fatalen Geschichten, die nicht zwischen diesen zwei schönen Polen, diesem Aufgang und Untergang, liegen, schnell erzählen, damit Sie, lieber Freund, mit meiner geschichte fertig werden, und wir miteinander eine bessere lebendige des eignen Lebens anfangen können.

Mein Vater war früh elternlos und sein eigner Herr, leidenschaftlich und voll Entusiasmus. Aber reich und frei gab er seinem Entusiasmus keinen Zweck. Er ergriff alles mit ihm, was ihm in die hände kam, die ganze Welt brannte ihm in einem reinen Feuer, so oft er sie auf einem neuen Punkte berührte, aber nur seine leidenschaft berührte sie. Er liebte früh, und ward bewundert, nie geliebt; es konnte sich kein Wesen an ihn hängen, denn er sprach im Arm der Liebe vom Universum, wo er es hätte sein sollen.

Die armen Geschöpfe, die er fallen liess, wenn sie sich an seine Brust gelegt hatten und er, des Mädchens vergessend, die arme nach der Weiblichkeit ausstreckte, fielen unsanft, und mussten schmerzlich empfinden, dass er sie nur dann wieder erheben konnte, wenn er seine arme eben zufällig nach dem Elend ausstreckte. –

So ward ihm nichts, was ihn erquickte, denn der wird sich nie an einem kühlen Bronnen im einsamen schattichten Tale menschlich erfreuen, der immer die idee der alten Philosophen im kopf hat, dass das wasser das Erste und Höchste sei, von dem alles komme, zu dem alles kehre. –

Er war daher sehr unglücklich, denn er sehnte sich nach Liebe und Freundschaft, aber nicht nach Menschen. – Es blieben ihm wenig Freunde, aber er hatte immer eine Menge; er war nie ohne eine Geliebte, aber er hatte immer eine verlorendie armen unbefangenen Weiber sehnten sich nach dem Höchsten, wenn er einige Wochen hohe Worte vor ihnen gesprochen und alles, wovon sie lebten, klein gemacht hatte; sie sehnten sich nach dem Höchsten, aber er zerbrach ihnen alle tiefere Sprossen der Leiter: da gaben sie sich hin, um mit ihm das Höchste zu erringen, aber sie gaben ihm ihr Höchstes hiner machte sich ein Gedicht aus der Sache, sprach von der Göttlichkeit der Liebe so göttlich, dass die Menschen zu Idealen der Kunst zu werden strebten und die Bildsäulen sich begattet hätten, wenn sie es wie jene gehört hätten. –

Wer ihn nehmen konnte wie ein Element, wie einen Sommer, dem konnte er wohltun, denn man konnte ihn durch mancherlei Arten von Verehrung dazu bringen, dies oder jenes Wetter zu erschaffen; wer ihn aber nahm wie ein angewandtes Feuer, oder einen Gärtner, und sich von ihm in der Landwirtschaft unterrichten liess, der konnte mit Weib und Kind verhungern. –

Er wickelte sich bald mit sehr grossmütigen Gefühlen von den Menschen los, und kam nach Oxford, um zu studieren: dort ergab er sich dem Skeptizismus, und sein Entusiasmus, den er doch nun nicht mehr ablegen konnte, ward zu einem entsetzlichen, viel bösern Ding, zum schwärmenden Spotte. –

Er zweifelte an allem; doch schien dieses, durch seinen Entusiasmus gemildert, lauter Bescheidenheit, und alle Menschen waren so lange von ihm entzückt, bis sie sich selbst an ihn verloren; dann nahm er ihre von ihm begeisterten Körper in den Arm, hob sie zum Himmel, opferte sie der ganzen natur, schlachtete sie mit seinem Spotte, mit der Träne der Rührung, dass es ihm verliehen sei, sie