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. Marie war ihm gut, und er liebte sie schon sehrdoch war es nicht zum Geständnis gekommen, weil er zu oft Zeuge ihrer schmerzlichen Erinnerung an Joseph gewesen war. –

In Wellnern regte sich oft das Gefühl, dass er nicht mehr lange leben würde, dann sah er mit Trauer auf Marien, und sehnte sich heftiger nach Josephenaber dieser blieb aus, und alle Nachricht von ihm.

Manchmal, wenn er sah, wie Godwi sich um Marien bewegte, fasste er den Mut, an die Möglichkeit zu glauben, der reiche Engländer nähere sich seinem kind mit ehrlicher Liebe, leichter aber hielt er es für Freundlichkeit oder Sitte.

Er ward nun täglich stumpfer, und hatte wenig Freude mehr an seinem Geschäfte. Bald aber erhielt sein Glück den heftigsten Stoss, mehrere fehlgeschlagene Operationen und ein grosser Banqueroutt machten ihn unzahlbar, – er war in der grössten Verzweiflungund beinahe auf dem Wege, sich sein Leben zu nehmen. Diese Gemütsstimmung empfand Marie schmerzlich: sie hatte schon einige Tage bemerkt, dass er sehr traurig war, ihr auswich, und wenig bei Tische ass. Die Verschlossenheit ihres Vaters gegen sie bei einem sichtbaren Leiden war ihr sehr drückend; sie hatte es nie erfahren, und konnte nur glauben, sie selbst sei schuld daran, sie müsse ihn sehr gekränkt haben, dass er nicht einmal mit ihr sprechen könne. Wenn sie auch alles überdachte, so konnte sie nichts in ihren Handlungen finden, bis sie endlich vermutete, ihrem Vater missfalle ihre unbefangene Vertraulichkeit mit Godwi, und er denke Böses von ihr.

Dieses bewog sie zu einer Kälte gegen den Engländer, welche er sehr unverständlich fand. Zwei Tage war diese allgemeine Spannung im haus –, als es endlich zu einer Erklärung kam.

Wellner, Godwi und Marie sassen abends zu Tische, alle stumm und traurig. Gegen das Ende konnte Marie es nicht mehr verbergen. Wellner hatte sie sehr wehmütig angesehen, sie konnte ihren Schmerz nicht mehr halten, die Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie verliess laut weinend die stube. Wellner folgte ihr mit den Ausrufungen "Gott, Gott! du armes Kind!" in die Nebenstube. Godwi sass nun allein an dem Tische, spielte mit dem Messer, und fühlte jene fatale Ruhe der Selbstverachtung, um die sich schöner Schmerz bewegt –, er sang ohne zu wissen die Worte: God save te king, und setzte mit einem fürchterlichen Bewusstsein die Worte: and damn me, dazu. –

Er stand auf, ging schnell nach der tür, und blieb starr vor ihr stehen, als er Mariens Worte hörte: –

"O lieber, lieber Vater, ich liebe ihn nicht, ich liebe Godwi nicht, o denkt nichts Böses von mir –"

Er hörte erstaunt folgendes Gespräch, und in seinem Herzen waren viele schmerzliche Anklänge, die wir bald verstehen werden

"Liebe Marie, das ist es nicht, was mich ängstigt; o wie konnte ich deinem armen Herzen diesen Schmerz lassen!"

"Wir sind sehr unglücklich, lieber Vater, Annonciata ist verloren, Joseph ist verloren, ach und euer Vertrauen ist verloren, ach mein Vater, gebt mein Einziges nicht so hin!"

"Das ist es nicht, Mädchen, das nicht, (hier hob er hart und kalt die stimme) aber ich bin ein Bettler, bald, bald, und du die Tochter eines ehrlosen Bettlers." – Der Engländer bebte, und ward ruhiger, eine Zeitlang hörte er nicht mehr sprechen, – dann erhob Marie ruhiger die stimme

"Lieber Vater, nur das, o das ist es nicht, ich verstehe es vielleicht nicht, aber das wird uns nicht unglücklich machen. – Leben, – das bisschen Leben wollen wir gewinnen, und nach uns wird doch niemand kommen, der von uns begehrt; wir werden allein sein, und lebt nur ruhig, sterbt ruhig, ich will ruhig nach euch sterben." –

Godwi verliess die stube, und ging nach seinem Zimmer, wo er alles empfand, was ein Mensch leidet, dem das Leben durch innere Fülle und äusseren Überfluss lange so leicht als Tugend und Laster war, und der mit wenigem geretteten Selbstgefühl in die geschichte einfacher liebender Menschen tritt, ohne doch von diesen eigentlich als ein Wesen anerkannt zu werden, das wirklich teil an ihnen hat.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Der Godwi, den ich hier nannte, ist unsers Godwis Vater. Ich las diesem vor, was ich schrieb, und er gab mir einige Blätter seines Vaters, die er in der Zeit seines Lebens bei Wellner, und auch an jenem Abend niedergeschrieben hatte: sie könnten eigentlich alle an diesem Abend, geschrieben sein, weil sich an ihm alles sammelte, was er damals empfand. Diese Blätter sind lauter Bruchstücke von Erinnerungen aus seinem Leben, die ihm zu Empfindungen wurden, und die sein Sohn historisch selbst nicht genau kannte. –

Ich setze davon das Merkwürdigste hieher, um seine geschichte aus seinen Empfindungen den Lesern vermutlich zu machen. – Es wird ihnen um so leichter werden, dieses zu tun, als es sehr viele Menschen gibt, denen alles leicht und das Bedürfnis dringend war. Ich lasse diese Fragmente ungefähr so folgen, wie sie mir in der Zeit gefolgt zu sein scheinen –. "Ich möchte oft lachen und weinen über meine sogenannte Ungeschicklichkeit im Leben, die doch nichts als eine wunderbare Überzeugung bleibt, dass alle Geschicklichkeit lächerlich istich bleibe immer