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Unschuld, es liegt ein Zusammentreten gegen die natur, etwas Feindseliges und Boshaftes in der blossen Freundschaft mit seiner Gattung, und sie folget dem Verluste der Eigentümlichkeit und der Kraft des Einzelnen, der die natur nicht mehr zwingen kann und eine Menge gegen die grösste Einheit bilden will, um sich ihr entgegenzustemmen. –

Zwischen zwei Menschen, von denen einer sich die Welt nimmt, und der andre sich der Welt gibt, kann sie nie stattfinden, denn in ihr kann sich keiner geben und kann keiner nehmen, sie ist blosses Dasein ohne Tätigkeit. – Sie ist daher bloss im Frühling und Winter des Lebens, im Spiel und der Ruhewo uns der Zweck beherrscht, kann sie nicht sein.)

Am Abend kamen sie dem schloss näher, und ihre Begierde, Annonciaten zu sehen, war grösser; Marie hatte lange nach dem milden Lichte des himmels gesehen, und sagte zu ihrem Vater, mit Tränen in den Augen:

"Wo mag jetzt Joseph sein? Es ist mir oft, als wäre er doch gar zu weit von uns, als würde er nicht wiederkommen. – Annonciaten verstehe ich jetzt viel mehr, Vater! und es ist mir, als habe sich eine stille Ähnlichkeit mit ihr in mir gebildetich kann es nur nicht so sagen, ich bin nicht so stark" –

"Warte nur, bis Joseph wieder kommt," sagte Wellner – "Du sehnst dich nach ihm" –

"Wohl sehne ich mich nach ihm, aber es ist noch mehr; mit ihm ist es nicht allWie wohl Annonciata sein wird? Vater, sie hat uns lange nicht gesehen, ihr Herz, ist so gut, sie wird recht gerührt sein, uns wiederzusehen."

Unter solchen Worten fuhren sie den Schlosshof hinein. Es machte ihnen ein alter Diener auf, und sie wunderten sich, dass in dem haus der reichen Gräfin so wenig Geräusch war.

Der Alte führte sie langsam die Treppen hinauf, es war ihnen unheimlich zu Mute. Man brachte sie in das Zimmer der Gräfin; – diese sass allein bei einem Lichte auf dem Sopha, und als sie Wellnern und Marien hereintreten sah, schrie sie laut auf, – "o Gott, o Gott!" – und sank ohnmächtig auf die Kissen, – Marie kam ihr zu Hilfe, ein Kammermädchen trat herein und vereinigte sich mit ihr, und Wellner stand in einer grossen Angst an das Fenster gelehnt –.

Als sich die Gräfin zu erholen anfing, bat das Kammermädchen Wellnern und Marien, in das Vorzimmer zu treten

Hier waren sie stille, ohne ein Wort zu sprechen, Marie setzte sich nieder, und konnte vor Schreck nicht weinen –. Eine kleine Weile drauf brachte man sie in eine stube, wo sie die Nacht zubringen möchten; Wellner fragte nach seiner Tochter, und die Dienerin verliess mit dem schmerzlichen Ausruf die stube: "Ach das ist es, dass Gott erbarm, das ist es!"

Wellnern war es nun gewiss, dass sein Kind gestorben sei, Marie war untröstlich, und wurde sehr krank in der Nacht; eine Wärterin und Wellner blieben bei ihr, der Arzt wurde aus der Stadt geholt. –

Die Wärterin erzählte Wellnern, dass Annonciata nun schon zehn Tage verloren sei; man wisse nicht, wo sie hingekommen sei; sie sei abends in den Garten, wie gewöhnlich, allein gegangen, aber nicht wiedergekommen; und wie man den Teich abgelassen habe, aus der Vermutung, sie sei hineingefallen; wie alle Leute der Gräfin nun zum zweitenmal abgereist seien, da sie das erstemal keine Nachricht erhalten hätten.

Die Gräfin sprach den folgenden Tag mit Wellnern, und beruhigte sich, da er sie gern schuldlos erkannte. Sie konnten keine andre idee fassen, als Annonciata sei geraubt, weil sie bei jeder andern Art von Entweichung sicher einigen Trost für die Zurückbleibenden dagelassen hätte.

So war dieser traurige Abend

Alle Nachforschungen wurden verstärkt, ein ganzes Jahr hindurch emsig fortgesetzt, aber umsonst

Wellner grämte sich sehr über diesen Verlust, und Marie ward immer stiller und schwermütiger; sie stand oft abends an ihrem Fenster allein, wo sie sonst mit Annonciaten gestanden, und fühlte nun alles, was ihr jene damals gesagt hatte.

Von Joseph fehlten schon elf Monate die Briefe: der Vater wusste gar nicht, was er Marien sagen sollte, wenn sie nach Briefen fragte. Diesen beiden Menschen war alles zerstöret, was sie mit der Zukunft verband, und sie erschraken vor jedem Stundenschlag.

Marie war wohl noch trauriger als Wellner, doch versteckte sie ihren Schmerz, und suchte ihn zu erheitern –. Annonciaten wiederzufinden, gaben sie die Hoffnung beinahe aufund auch der Gedanke an Joseph ward schon dunkler und trauriger –. Wenn Wellner in den Handlungsbüchern blätterte, und sah, wo er geschrieben hatte, kamen ihm oft die Tränen in die Augen. –

Es war nun schon beinahe andertalb Jahre, dass Joseph nicht geschrieben hatte, als Godwi5, ein Engländer, der Sohn einer reichen Handlung, nach dem Wohnort Wellners kam. Er war ein schöner feiner Mann, von seiner Familie mit einem Kredite empfohlen, der beinah Wellners Vermögen überstieg, und dabei sehr einfach und erst bei aller seiner Freimütigkeit; er gefiel diesem sehr wohl, und auch er befand sich gut bei Wellnern und Marien, und brachte seine meiste Zeit bei ihnen zu. –

Er wusste sich bald ihres Vertrauens zu bemeistern, und zog nach einiger Zeit ganz ins Haus