1801_Bretano_008_128.txt

Handwerk zum Erbarmen,

Wo zwei geübte Langeweilen weilen

Und Pflicht und Notdurft teilen,

Darfst du dich nicht ergebenheilig Leben!

Dein Bild nicht in des Haushalts Linnen weben.

O könntest ruhig du dein Sterben leben,

Die Andern nicht erkennen,

Die alles Lebens eine Hälfte fassen,

Sich stille wandelnd hohes Ansehn geben

Und hin und wieder rennen,

Als wäre ohne sie die Welt gelassen.

Ach wohl! sie ist verlassen,

Das Leben ist zur Selbstbetrachtung worden,

Die Liebe zu ermorden,

Und forscht die Schönheit tötend nach Gesetzen,

Die Liebe und die Schönheit zu ersetzen.

Sie wähnen gar, die Liebe sei verloren,

Weil sie sich selbst vermissen

Das Leben in Verzeichnisse schon bringen,

Als würde fernerhin nicht mehr geboren,

Als bräch aus Finsternissen

Der Tod herauf, die Mutter zu verschlingen.

Mit solchen Wunderdingen

Vermeinen sie die längst verlornen Grenzen

Der Liebe zu ergänzen,

Und ordnen uns und stellen nach den Flammen

Dem tod in Systeme uns zusammen.

Wie schöner Sieg! Wir können hier nicht sterben,

Denn hier war uns kein Leben,

Ein Frühling nur, wir sind es selbst gewesen,

Erblühen und Verglühenkein Verderben

Kann unser Bild entweben,

Nur Opfer kann der Liebe Fessel lösen,

O freudiges Genesen!

Erhebe, sanfte Königin, den Schleier

Dem reinen Himmelsfeuer;

Will liebend nicht das Leben dich erringen,

So lass vom stillen Gotte dich umschlingen.

Wie glüht der Mittag heiss, in tiefem Schweigen

Eröffnet sie den Schleier,

Der Liebe Heiligtum muss sie entüllen,

Und zu dem Trone glühe Strahlen steigen,

Des stillen Gottes Freier,

Die wachen Schmerzen tötend ihr zu stillen.

Sie reicht dem mächtgen Willen

Die Liebe hin, und löset ihre Krone

Und breitet auf dem Trone

Die duftenden Gewänder, an den Gluten

Des Bräutigams sich opfernd zu verbluten.

Mir ist das schöne Opfer bald verglommen,

Es wallt das letzte Düften

Dem lichten Gott, der mit der Krone fliehet,

Er wand sie mir, er hat sie hingenommen,

Und in den reinen Lüften

Das bunte Leben mit ihm heimwärts ziehet,

Mein stiller Abend glühet,

Und wo des hohen Glanzes reine Wellen

In heissem Purpur schwellen,

Da brechen sich der sehnsucht letzte Wogen,

Und ist der Streit der Liebe hingezogen."

O Nacht! so voller Liebe,

Ergiesse deine dunkle Flut der Bangen,

Umfange ihr Verlangen,

Lass kühlend um die kämpfenden Gestalten

Das stille Meer der ewgen Liebe walten!

Godwi zog nun den Vorhang des Nachtstückes in die Höhe. Das Bild nahm die eine Wand der kleinen stube ganz ein, wir sassen gegenüber auf einem Sopha. –

Der ganze Moment des Bildes war heftige Spannung, Männer mit schwarzen Mänteln ringsum, immer dunkler gegen den Rand. Mitten unter dem Baume ragt eine Fackel heraus, welche grelle Lichter über die hagern plumpen Gesichter der Leichenmänner wirft; von ihren Hüten fallen schwarze Flöre, welche schön durchsichtig dem hellen Scheine eine Halbtinte entgegensetzen. Etwas entfernt von den fackeln, doch allein in ganzer Beleuchtung, lehnt der Jüngling ohnmächtig im arme eines Dieners, sein Kopf sinkt abwärts, so dass er von oben beleuchtet wird; er hat schöne blonde Locken, und einen edlen Gesichtsschnitt; der Bediente zieht ihm das Halstuch ab, und hat ihm die Kleider geöffnet, ein grüner Mantel fällt von seinen Schultern, und antwortet dem Grüne des Baumes, der durch die Fackel von unten erleuchtet wird; in dem Baume sieht man den Italiäner dunkel sitzen. Im Ganzen sind keine heftigen Farben, nur starker Kontrast von Dunkel und Licht.

Es war, wie dumpfes Murren in den dunkelsten Stellen, um die Flamme der Fackel einige lauten Schreie, um den Jüngling stille Bangigkeit, und er selbst leises Atmen und Seufzen. – Man meinte, es müsse sich nun bald ändern, sie müssten bald auseinandergehn. Godwi liess den Vorhang wieder fallen, und ich sagte: "Gut, es war Zeit, lange konnten die vielen Menschen nicht hier in der kleinen stube sein, der Atem ward mir schwer." Wir verliessen den Saal, und ich besuchte Georg, den Diener, der sehr krank war.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Fortsetzung der geschichte der beiden Schwestern

Marie und der Vater waren sehr stille auf ihrer Fahrt nach dem Gute der Gräfin; sie waren lange nicht im Freien gewesen, ihre Gemüter waren gleich ruhig, sie hatten sich nichts mitzuteilen, und es war ihnen beiden, als wären sie allein; doch fühlten sie eben durch dieses stillschweigende doppelte Dasein ineinander dies Alleinsein nicht. –

(Dies mag wohl das eigentliche Wesen der Freundschaft sein, das so selten lebt, ohne wirkliche Vermischungblosses stilles wohltätiges Gefühl der schönen Umgebung, das Nebeneinanderströmen harmonischer Töne. Der Freund kann nichts, als unser Selbstgefühl aufheben, in dem er das seinige verliert, und sich wohl befindet. Wo man die Freundschaft selbst fühlt, gibt einer oder der andere zu viel oder zu wenig, und hat die Sache ihr Ende. Sie ist blosse Verstärkung des Daseins, und Verminderung des Selbstgefühls im allgemeinen Medium des Lebens; aus den Einzelnen macht sie eine Summe, stellt sie dem Mächtigen entgegen, und macht den Begriff Volk allein ehrwürdig, im Gegensatze des Begriffes Herrscher, Weiser, Dichter. – Sie setzt in der höchsten Unschuld keine notwendigkeit der eignen Gattung voraus, der natürliche gesunde Mensch ist ebenso Freund mit dem Licht und dem Dunkel, den grünen Bäumen, seinen Werkzeugen, Werken und Gedanken, als seinem menschlichen Freunde; ja die Freundschaft mit dem Menschen insbesondere ist Folge der verlornen