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sie unter jeden Umständen dieses Landes auf, und lebte in der Neuen Welt.

Dies gab ihrer Phantasie ein bestimmtes Übergewicht über ihre Ruhe, und neigte sie zu einem anderen sehnsüchtigen Dasein hin. Wellner bemerkte mit Verdruss diese Veränderung, die doch bloss eine höhere Entfaltung war, denn sie ward so mannichfacher, und machte auf ihrer Gedankenreise viele merkwürdige Entdeckungen für ihre Liebe. Sie lernte nun erst wissen, dass sie liebe, berechtigte sich dazu, und beschützte sich dies Recht.

Da ihre Einsamkeit aber immer tiefer ward, und es sehr lange her war, dass Annonciata geschrieben hatte, so entschloss sich Wellner, mit ihr nach dem Gute der Gräfin zu reisen.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Als ich so weit geschrieben hatte, führte mich Godwi nach dem Bildersaal, wir traten vor ein grosses Gemälde, er zog den Vorhang in die Höhe, und wir sahen es stille an; es stellte Wallpurgis und die Blumen vor, und war von dem nämlichen Künstler, der das Bild Annonciatens gemalt hatte, in demselben Stil, doch mystischer gearbeitet, so wie jenes Allegorie des Lebens, so dieses Hindeuten auf den Tod. Jenes Bild hatte mich heftig bewegt, und in diesem löste ich mich auf.

"Vor diesem Bilde", sagte ich zu Godwi, "kann ein liebes Mädchen ruhig sterben. Alles schwindet, es ist, als vergehe es unter meinen Augen. Die Farben sind beweglich, sie fliehen alle gegen die ferne Glut des himmels, und scheinen schon im Nachklang zu wallen. Ich habe nicht gedacht, dass der Abend so könne gefesselt werden, wie er hier aus den dunklen Gewölben der Bäume dringt. Seine geheimnisreichen Seelen schleichen über den dicht belaubten Boden, fliessen mit leisen Schimmern an den schlanken Blumen hinab und hinauf, aus deren Kelchen zarte Geister an der grössten holdesten Blume des ganzen Bildes, dem stillen liebe- und lebenmüden Mädchen, hinaufsteigen. Es herrscht um das Mädchen eine wunderbare Haltung des Lichtes, die Farben werden gleichsam zu verschiedenen Form-Atomen, und scheinen nur im Lichte zu schwimmen, besonders wo die Blumen ihr näherstehen, gegen ihren Busen wird es schon einiger, um ihre Wangen und Lippen verschwimmt es ganz, und aus ihren Augen strömt wieder völlige Einheit des Lichts, doch ein anderes, unbeschreiblicheres. Ihre Stirn und ihre Locken aber brennen in den Flammen des sinkenden Tages, der von oben durch die geöffnete grüne Pforte der Bäume niederbricht, ringsum die Zweige in grüne Glut setzt, und den grossen Früchten, die schwer aus ihnen niederblicken, feurige Blicke gibt."

"Ich habe vergessen," sagte Godwi, "Ihnen zu sagen, dass diese Gemälde von Franzesko Firmenti sind, dessen traurige Schicksale im ersten Bande Ihres Romans Seite 165 sein Bruder Antonio an meinen Vater schreibt, der ihn wieder gefunden hatte; es ist derselbe, von dem Römer Seite 50 schreibt, dass er seine Stelle ersetze und mit meinem Vater viel allein sei. Ehe er sich in die Handlungsgeschäfte einliess, an denen er seinen Geist wieder systematisieren wollte, hat er hier auf dem Gute diese Bilder gemalt. Es war damals eine begeisterte Melancholie in seiner Seele, in der sich seine Verrückteit gelöst hatte. Doch wir werden mehr von ihm hören.

Alle seine Bilder haben einen eignen Charakter, und zwar den, dass sie eigentlich nicht sind, sondern ewig werden, und dies entsteht durch eine Manier, in dem er das Licht der Pflanzen, des himmels und des Fleisches in verschiedene Haltungen setzt, obschon nur eine Beleuchtung stattfindet. In Bildern dieser Art macht dieses oft einen glücklichen Effekt."

"Ja," fuhr ich fort, "es ist auffallend, denn eben hierdurch entsteht diese Bewegung, ich möchte sagen, dieses leise Wogen der Farben über das Ganze, das Auge wird vor seinen Bildern ein feines Gehör, das die Schwingungen der einzelnen Töne durch den vollen Akkord hört, und ich möchte seine Malerei rhytmisch und deklamatorisch nennen: es ist, als wallen die Wellen sanfter Jamben durch das Gemälde.

Es ist wunderbar dargestellt und gemalt, was ich für unmöglich hielt, ein Bild, das nicht historisch ist, keinen Moment erfüllt, sondern die fortdaurende stille Bewegung eines dichten Gemütes vorstellt. Ich sehe, dass das Mädchen spricht, obschon ihre Lippen nur leise geöffnet sind; ich sehe, dass sie sich den Blumen vergleicht, und die Blumen sich, denn nur auf ihren Lippen, in ihren Augen wird sie Jungfrau; ihr schlanker Leib hebt sich in leidendem Streben wie eine Pflanze, ihre arme gleichen zarten Zweigen, ihre Brüste drängenden sehnenden Knospen, welche gelinde vorstreben, und um die sich die samtenen Blätter lebendiger regen. Über diesem Trone des milden Herrschens wallt ihr Antlitz wie Duft; auf den Lippen wird alles ein stiller Erguss; die Augen sind reflektierendes holdseliges Sinnen, und das Haupt ergiesst sich mit den Locken in das flammende Element des himmels. Alles, was sie empfindet, steht in dem Lichtgrade, in dem ihre Empfindung selbst steht und es beleuchtet.

Aber ich werde nimmer fertig, das Bild wächst unter meinen Augen, und hänge ich an den Formen des Mädchens, und suche sie zu enträtseln, so rufen mich die Blumen, als sollte ich sie hinaufheben, an ihr keusches begehrendes Herz; gehe ich nieder, um die stummen Kinder zu brechen, so werde ich zur Biene, und schwebe über ihren Kelchen, deren Süssigkeit sie selbst nie leeren, dann zieht mich wieder der feurige Himmel hinauf, und meine