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er niemals das werden sieht, was er bezweckt. So warst du und Joseph immer traurig um mich, und ihr würdet noch viel trauriger geworden sein, wenn ich nicht die Hälfte des Verdrusses in mich genommen hätte, und obschon ich dadurch eure Einwirkung auf mich scheinbar wirkender machte, so erlag ich doch oft sichtbar dieser doppelten Tätigkeit des Selbstbildens und Sichbildenlassens, so dass dieser Betrug, den ihr in mir bemerktet, euch wieder kränkte.

Sei versichert, lieber Vater, dass alles aus mir werden wird, was aus mir werden kann, denn ich bin ernstaft und unbefangen. Was man erkennen kann, erwäge ich und gebe ich mir mit Sorgfalt und Verstand, und alles, was über den Menschen schwimmt, wie die Luft über der Pflanze, gibt mir das Leben: ich bin fromm und andächtig, es zu empfangen, denn fromm ist der, der das Schöne und Reine mit Liebe sucht und emsig betet, wenn er vor der natur und schönen Werken steht, und andächtig ist der, welcher über seinem Denken nicht ein trennendes Ende fühlt, sondern einen leisen Übergang in die unendliche Liebe. Die Andacht ist ein gelinder Rausch, der unsre geschlossene Gestalt von allen Seiten eröffnet, und uns unsere Verwandtschaft zeigt mit vielem, das wir nie sahen, noch wussten. So sind die halben Töne in der Musik, und die milden Farben des Übergangs in der Malerei, und die Wellenlinie in der Gestalt fromme Züge, denn alle sie stehen an der göttlichen Pforte des Überganges. – So auch ist mein ganzes Herz ein frommes Herz, denn ich stehe zwischen meinem Leben und Wallpurgis Tod – o! lasse mich diesem Herzen ruhig folgen.

Ich fühle auch schon, wie ich mich ins Leben zurückwende, und bald ganz froh sein werde. Sicher hat dir die Gräfin schon geschrieben, wie mein Mut wohl oft zum Mutwillen wächstdass ich durch den Tod eines lieben Mädchens so geworden bin, ist nicht wunderbar, denn durch ihn habe ich erfahren, was ich erdulden mussich bin in meiner Jugend schon mit meinem tod verbunden, und stiftete Freundschaft und Vertraulichkeit mit ihm, damit er einst wie mein Spielgeselle zu mir komme, wenn er kommt.

Lasse mich bei der Gräfin; die arme Frau hat niemand auf der Welt, und sie liebt mich.

Es ist vor einigen Tagen ein italiänischer Lautenist hierhergekommen, und hat vor der Gräfin gespielt. Sie wünschte, dass ich es lerne, und der Mann bleibt nun einige Wochen hier, mir Unterricht zu geben. Die Gräfin hat mir eine schöne Laute dazu geschenkt, und ich werde dir einmal viel Freude damit machen.

Ich lese der Gräfin viel aus dem Shakespeare vor, und finde es sehr nützlich, denn es härtet mich gegen meine Empfindlichkeit ab. – Ich fürchte mich ordentlich vor seinen Personen, und vor denen immer am meisten, die ich besonders liebe. Wenn ich abends allein im Garten gehe, gehe ich oft schnell oder langsam, und möchte beides zugleich, denn irgend ein Wesen aus diesen Gedichten geht mir entgegen, und verfolgt mich. In vielen einzelnen finde ich mich wieder, und erkenne eine ganze Welt in ihnen.

Könnte ich das nur zusammenstellen und richtig aussprechen, so würden Begriffe und Erfahrungen draus werden. Nun aber bleibt es immer Empfindung, denn die ganze natur um mich her wirkt eben so auf mich, und noch stärker, jede ihrer Erscheinungen strömt mit diesen Empfindungen zusammen, und dadurch scheinen sie mir so drückend werden zu können. Jede Beleuchtung des himmels und jede berührendere Zusammenstellung von Landschaft erhält für mich ein phantastischeres Leben, indem sie sich mit diesen Männern und Frauen Shakespeares verwebt, und nicht mehr allein wie ein hingebotener Genuss daliegt, sondern in eine Art von Handlung, von dramatischem Leben tritt.

Sogar meine Empfindungen selbst bestehen so, ja selbst in diesem Briefe sind Anklänge dieser Hinneigung zu einem blossen allgemeinen Verkehr mit allem, was lebt, und einer völligen Unfähigkeit, mich bestimmt zu einem einzelnen Wesen zu wenden.

Lieber Vater, ich hoffte nicht, dass es dich schmerzen wird, dies so aufrichtig von mir zu hören, denn es ist mir sehr wohl, indem ich es schreibe, auch will ich nur immer an dich schreiben, du kannst dann Marien vorlesen, was dir gut dünkt, dass sie es wisse.

Lebe herzlich wohl.

Annonciata

Obschon für Wellner viel Unverständliches und Fantastisches in diesem Briefe war, so rührte ihn doch das Vertrauen Annonciatens, und er entschloss sich, sie noch bei der Gräfin zu lassen.

Der Italiäner war weggereist, ohne Abschied zu nehmen, das verdross Wellnern, und es tat ihm nun doppelt wohl, keiner Verbindungen mehr zu bedürfen, da er mit Mariens Glück auf dem Reinen war, und auch Annonciata glücklich und zufrieden schien.

Sein Leben mit Marien währte so einige Monate fort, in einer einsamen Stille. Dann und wann unterbrachen es die Briefe Josephs, die der Vater mit Marien freundlich teilte. Annonciatens Briefe wurden seltener, kürzer, und hatten weniger Verhältnis zueinander, in einigen war sie helle Glut, in andern schien sie zu verlöschen, und dann schrieb sie wieder ruhig und getröstet.

Von Joseph erhielt Marie den letzten Brief aus England, in dem er seine Überfahrt nach Amerika meldete. Dieser Brief war sehr rührend, und Marie war lange nicht zu trösten. Sie beschäftigte sich nachher meistens mit Bildern aus diesem Weltteil, sie las ihrem Vater nichts als Reisebeschreibungen durch Amerika vor. Ihren Geliebten suchte