einem alten Aberglauben, dass einer von dreizehnen, welche miteinander essen, sterben müsse, diesen Retter von Tod und Hunger wie den Messias erwarteten.
Der Italiäner empfing diesen am Tor, und bezahlte ihn so gut für einen Botengang, den er ihn eine halbe Stunde weit machen liess, dass er ihm seinen schwarzen Mantel hingab, und sich sogleich auf den Weg machte. Er aber hüllte sich in den Mantel, und ging zu den übrigen hin. Diese machten ihm Vorwürfe über sein Ausbleiben, er schwieg; sie fuhren fort, ihren Unwillen zu äussern, und er, stumm zu sein; dann setzten sie sich nieder, um zu essen. Es war dunkel, sie hatten nur eine Lampe, welche an der entgegengesetzten Seite des Tisches an einen tiefen Ast des Baumes gehängt war, der neben dem Tische stand, und der Italiäner sass völlig im Schatten.
Da der Becher herumging, und die Reihe an ihn kam, zu trinken, war er weggeschlichen, ohne dass man ihn bemerkt hatte. Die Leichenmänner stutzen hierüber nicht wenig, denn sie waren nun wieder zu dreizehn, und einer stand deswegen auf, ihren Kameraden zu suchen und zu prügeln. Die Zurückgebliebenen aber liessen es sich indessen recht gut schmecken.
Als der dreizehnte weg war, setzte sich der Italiäner wieder hin, und da sie ihn bemerkten, fingen sie an sich zu zählen, indem sie ihre Namen hintereinander her nannten, und als die Reihe an ihn kam, warf er mit einer Erdscholle die Lampe vom Baum, und schrie laut: eccomi. – Die Leute erschracken hierüber so sehr, dass sie auseinander liefen, um ihren Kameraden zu rufen, er aber nahm die grosse Leichenbrezel, kletterte, indem er sie um den Hals hängte, den Baum hinauf, und erwartete den Ausgang.
Bald kamen die Leute mit grossem Lärm zurück, sie hatten einen Fremden in ihrer Mitte, der sich lebhaft verteidigte. Da sie sich dem Tische genähert hatten, und einer ausrief, dass die Leichenbrezel auch fort sei, fragte der Fremde, wer gestorben sei, und als er den Namen Wallpurgens hörte, sank er an die Erde. Nun kam der Hausmeister mit fackeln gelaufen, auch Wellner, Joseph und Marie kamen herbei, der Italiäner aber stieg bestürzt vom Baume, und ging nach der Kutsche, welche schon angespannt war, liess die andern rufen, und sie fuhren weg.
Joseph erzählte, dass er in der Verwirrung gehört habe, der junge Mensch sei der Mann, um dessenwillen Wallpurgis gestorben sei; er habe sie besuchen wollen, und von ihrem tod noch nichts gewusst, und als er zur Hintertüre des Gartens hereingekommen, sei er auf so eine lärmende Weise von den Leichenmännern empfangen und von ihrem tod unterrichtet worden, dass er fast vor Schreck gestorben sei; doch habe er sich nicht zurückhalten lassen, und sei gleich weitergeritten. Der Italiäner sagte nichts, und der ganze Tag hatte sich traurig und polternd geendigt.
Den folgenden Morgen trennten sich Joseph und Marie unter vielen Schmerzen, sie und der Vater begleiteten ihn bis an den Hafen, und da das Schiff schon weit weg war, und sie nicht mehr ihre winkenden Schnupftücher sehen konnten, bedeckten Marie und der ferne Joseph sich die Augen und wendeten sich.
Sie und der Vater waren beide sehr niedergeschlagen durch die ganze letztere Zeit, und die Munterkeit des Italiäners ward ihnen unangenehm. An Annonciaten und die Gräfin schrieben sie mehrmal, um sie zu bewegen, zurückzukommen, aber die letzte bat dringend, ihr Annonciaten zu lassen, und eröffnete zugleich ihren Willen, das Mädchen an Kindesstatt anzunehmen, wenn er seine Einwilligung dazu geben wolle. Sie schrieb:
"Annonciata soll nichts davon wissen, es würde ihren gereizten Sinn vielleicht kränken; aber lassen Sie es uns im Stillen über sie verhängen."
Von dem Mädchen lag folgender Brief dabei.
Lieber Vater!
Deine Sorgen um mich sind nun meine einzigen Sorgen – Wallpurgis ist tot, und ich bin ruhig. Jemand so sterben sehen, gibt Ruhe, denn ein solcher Tod ist gastfrei, und wer zugegen ist, geniesst alles mit: ich bin mit ihr ruhig geworden. Du sollst deswegen auch nicht mehr um meinen Zustand bekümmert sein, denn alles, was Bangigkeit und Unruhe in mir war, ist mit ihr hinübergegangen, und sie wirft einen stillen Abglanz ihrer Seligkeit in mein Herz zurück; sie war immer ein freundliches, teilendes Wesen, und hat sich auch im Himmel nicht verändert. Es ist mir, wenn ich an sie denke, als stehe sie vor mir, empfange meine Gedanken, und gebe sie mir in einen stillen wohltätigen Strom von Ruhe gelöst zurück.
Du kannst es nicht glauben, lieber Vater, was das für eine Empfindung ist; mit allem bin ich versöhnt, und kann so glücklich hier im Garten herumgehen, denn in jeder Blume liegt mir das ganze Leben. Ich will deswegen recht offen mit dir reden, denn ich bin nun so, dass ich nichts mehr zu verbergen brauche, da auch in dieser Einigkeit meiner Seele jenes Verbergen ein Ende nahm: ob ich denke oder spreche, das ist einerlei.
Ich weiss, wie du mich liebst, und wie du immer um mich besorgt bist. Die Erziehung ist etwas, was der Erzieher immer weiss, und ein Gemüt ist etwas, was er nicht weiss; da er aber doch mit der sorgenden schönen Liebe, die ihn treibt, erziehen muss, so wird er sehr traurig, wenn