ich fühle, wie es sich in meinem Herzen regt, und wie sich meine Gedanken ausbreiten in einer andern Welt, auf welche die Blume nur hinweist, und dann verwelkt. Doch ist mein Herz stolz auf dieses Zeugnis eines höhern Zusammenhangs, und ich will mich seiner als eines edleren Gedankens erfreuen, wenn mich keiner lieben sollte."
Gestern war sie mit mir im Garten, sie sprach kein Wort, und setzte sich mit mir mitten unter die Blumen. Es war rührend zu sehen, wie sie leise mit den müden Augen über sie hinblickte, bei einzelnen sinnend verweilte, und keine Träne in ihr Auge kam.
Da ich sie fragte, warum sie so nachdenklich sei, sprach sie lange, und erklärte mir ihre Gedanken; es war ihr schon oft so bei den Blumen gewesen, und sie gab mir nachher ihr Tagebuch, wo sie folgendes hineingeschrieben hatte:
"Ich weiss nicht, woher es kommt, aber es ist wunderbar, was ich vieles empfinde, wenn ich so über die mancherlei Blumen hinsehe. Mein Denken verliert sich dann, in jedem Kelche ertrinken einige Begriffe von mir, und ich fühle mich leichter als vorher, und willenloser müde. Manchmal sehe ich meinem Gedanken ordentlich zu, wie er sich auf dem sanften rand der Lilie kindisch schaukelt; aber bald ängstigt ihn die Welt um ihn herum, es ist ihm, als wären alle Bäume und Berge, ja alles, die ganze Erde eine Kette von gebundnen Ewigkeiten, und er hält sich bange am samtnen Blumenblatte fest. Dann fühle ich, wie er die Blicke aufwärtshebt, und sich nicht mehr erhalten kann; es ist ihm, als stürze er in den Abgrund der Höhe, über ihm schwimmt das öde Meer des Rausches, der noch in keiner Traube war, und der Liebe, die noch in keinem Körper webte, und dieses Meeres Wogen brausen ohne Ton, und Gestaltenstrudel ohne Umriss wühlen in ihm. Aus allen Tiefen streckten glänzende Polypen ihre arme nach dem Gedanken aus, und wo sich die wilden Wogen trennten, war es, als stürzten blitzende Pfeile nach ihm herüber, die ihm das Innre mit süssem tod impften, und näher, wo das Meer ihm um die Locken spielte, da trennt es sich, und öffnet sich ihm ein heller Schacht durch den öden wühlenden Kampf, in den er gelinde hinabsinkt. Von allen Seiten drängen blühende Gestalten aus des Schachtes Wänden, und alle grüssen ihn wie einen Freund von Ewigkeit, und jede reicht die arme nach ihm aus, und er ruht in aller Armen, auch will ihm jede der Gestalten einen ewgen Weg zeigen; doch weilt er nicht, und sinkt hinabgezogen in dichterischer Wollust immer tiefer, bis dass er in dem grund ruht. Er schaut nun aufwärts durch den Schacht, und alle die Gestalten sieht er wie zwei Säulen emporsteigen, zwei herrliche Bäume, auf deren einem holde Mädchen wie Blüten und Früchte auseinander dringen, und auf dem andern Jünglinge; und wie die beiden tausendarmichten Leben ineinander rauschen, verschwinden ihm die Blicke, er fühlt um sich ein wunderbares Weben, das höher ist als alle die Gestalten, die nun ein einziger Baum vor ihm zu werden scheinen, und er fühlt, wie sich des Baumes Wurzeln unter ihm regen, und umarmt bange den lebendigen Stamm, damit ihr geheimnisvolles Treiben ihn nicht verschlinge, und blickt er aufwärts, so betet er, und blickt er nieder, so schwindet er in dem Gewirre der Wurzeln, die wie lichte Schlangen um ihn wühlen, und schafft, und wo er schuf, dringen goldne Blitze aufwärts, klingend schiessen sie in die Höhe, und leuchten an dem herrlichen Stamme bis zu dem Gipfel empor, der in der Glut sich wieder in die beiden ersten Leben löst. Da fühlt er sich nicht mehr, die leuchtenden Schlangen der Wurzeln umschlingen ihn, und eine freundlicher und dringender schmiegt sich um seine Brust, flösst aus dem wollüstig gewundnen Leben, das sie in tausend Lüsten um ihn windet, den süssen Tod verwandelnd ihm in die Lippen – da sah ich ihn nicht mehr, hinab blickte ich in den Kelch der Blume, wo er im stillen tod lag, und der Auferstehung harrte, welche goldne Bienen singen werden."
So sprach sie, und fuhr fort:
"Sieh, Annonciata, und als ich weiter blickte, so war ich immer weniger, denn an jedem Kelche musste ich ein Kind meiner Seele zurücklassen als ein Opfer des Todes. Als ich bei einer Blume niederblickte dem traurigsten Gedanken nach, denn er hatte alle andere überlebt, so war mir, als sähe ich mich selbst im Kelch der Blume liegen, eine andere Blume blickte nieder in mein zartes Grab, in das sie kühle Tränen träufelte, und ich empfand Erinnerung über den Rand der Blume hinüber wie Ahndung in mir weben."
Da Wallpurgis so gesprochen hatte, war sie sehr schwach, und ich trug sie in meinen Armen nach ihrer stube. Ich konnte nicht begreifen, dass sie bald nun nicht mehr sein würde, jetzt noch in meinen Armen warm liebend und denkend, und bald alles das vorüber, – schon die leuchtende Schlange der Wurzel sich um sie schlingend, ihre blassen zarten Lippen schon offen dem süssen verwandelnden tod.
Da ich in der stube war, legte ich sie nieder, und fühlte mich zu ihren Lippen gezogen, ich wollte sie küssen, aber sie erschrack heftig dabei und drängte mich mit den Worten zurück:
"O lebe! lebe!