sagen sollen; der Mensch, der vorgreift, tut vergebliche Arbeit, solange die Welt noch von selbst geht." Wie edel war es von ihm, dass er abbrach, denn ich glaube doch, ich hatte zuviel gesagt; was meinst du, Otilie?
Mit Josten hat er es verdorben, deswegen will er fort, er soll aber erst mit deinem Vater und dir bekannt werden; dir ist er wohl nicht gefährlich, denn er ist viel zu kindisch lustig. Lebe wohl und freue dich, bald wirst du mich sehen.
Joduno
Godwis Antwort auf Römers ersten Brief
Ihr Menschen hinter euren Pulten nennt doch alles, was ausser der Poststrasse liegt, Abenteuer. Ich kam in das Schloss eines Landedelmanns; bin ich deswegen ein Abenteurer? Ich finde seine Tochter, ein gutes natürliches Mädchen, liebenswürdig, ich fand Molly, ein schönes, kluges und freies Weib, bezaubernd: was tue ich denn mehr als meinen Gefühlen, meinen gerechten Gefühlen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Ich liebe das Schöne um meinet- und seinetwillen, bin froh und heiter; soll, muss das nicht jeder gute Mensch ganz sein? Du bist ein listiger Feind, du weisst meine Stimmung zu benutzen, und forderst mich zu einem Kampfe auf, indem du meine Günstlinge angreifst, und weisst, dass ich in diesem Augenblicke nur mit den Waffen der Liebe streiten kann. Ich bin mit Rosen gefesselt, meine arme können sich noch sanft zur Umarmung ausbreiten, und meine Seele sucht, im Blicke über die sanften Gesichtsbeugungen Jodunos hingleitend, den Umriss ihrer Seele, und tändelt schüchtern um die Falten ihres Gewandes, die noch üppigere Formen verraten.
O Römer! in welchem Auserwählten wohnt die Seele, die das Sinnliche in eben dem schönen geist vergisst; es tut mir weh, es vernichtet mich, wenn ich fühle, dass ich die Majestät, den Schatten und die Kühlung der Eiche nicht geniessen kann, ohne ihren Stamm, ihre Äste und ihre Blätter zu denken; ich fühle mich trotz meiner sogenannten Bildung so wenig mehr als die Tiere, und alles, was ich tue, so wenig wert, so wenig davon gehört nur mir allein. O mein Stolz, mein armer Stolz! Nun sieh doch, Römer, sieh, welchen Kampf, ich zeige dir alle meine Blössen, entdecke dir mein Misstrauen in mich selbst, und wage es dennoch, dir manches meiner sogenannten Philosophie hinzustellen, die freilich nicht fest, aber rasch, glänzend und lockend ist. Mit allen den schönen Sachen pfleg ich mich zu trösten, wenn der Gedanke an dich mir in den Weg kommt – mein Stolz wird rege, du lächelst so unerträglich, alles, was ich sage, nennst du Phantasien, Brausen des gärenden Mostes.
bleibe nur immer auf deiner geehrten Mittelstrasse, schneckenförmig und schneckenlangsam windet sie sich, wie die Langeweile durch eure Freundschaft, um die Berge und Täler eurer Laufbahn. Menschen, die sie wanderten, haben nie die Adern erzhaltiger Gebirge, nie das heilsame Kraut der Täler gefunden. Sie hören das Geschrei der Krähen am Rabenstein, der an diesem Weg seiner Genossen steht, den Gesang der bürgerlichen Gerechtigkeit. Philomele nistet nicht an den Heerstrassen, sie hören das Gewimmer des Postorns, Warnung dem Beschränkten im Hohlwege. Sehr bequem. Hast du je auf der Mittelstrasse die Vortrefflichen gefunden, die nur Revolutionen und Originalität aufstellten? – Grosses Schauspiel des Vesuvs, der glühende Felsen auswirft, um die fruchtbaren Felder seines Fusses zu erleuchten; er vernichtet Städte und Dörfer, die Jahrhunderte ängstlich zusammengestoppelt haben, aber erweckt in Momenten eine Welt von schlafender Grösse in unserm Busen in unserer Seele erwacht im Widerscheine seiner Glut das Erhabene, emsig regen sich unsere hände zur tätigen sorge der Erhaltung, und durch das Gefühl des Ungeheuren und seinen Begriff sinken eine grosse Menge von Schrecken für uns zur Kleinigkeit herab, die Wichtigkeiten ausser uns sterben, und so wird der Mut geboren und so flieht der Schlaf, der Tod im Leben, das ihr andern Menschen schlaft. Lass mir, lieber Junge, das, was mir vielleicht gerade angemessen ist, weil du es weder auf den Rheinischen Fuss noch auf Toisen, weder auf den vierundzwanzig noch auf den zweiundzwanzig Gulden-Fuss reduzieren kannst. Du kennst mich schon lange, und wenn du mich messen willst, so siehst du nach dem an den Türpfosten unserer Familienstube eingeschnittenen Masse. Jetzt siehst du mich nicht mehr, und kannst nur meinen Schatten messen; täusche dich nicht, mein Schatten wird noch oft wechseln, weil noch oft die Sonne des Lebens in einer andern Richtung über mir stehen wird. Ich bin noch immer ein sehr vorzüglicher Mensch und möchte des Wortspiels halber sagen, dass ich ebenso wenig reduziert bin, als du mich reduzieren kannst.
Du glaubst mich wohl so recht in meiner Sphäre, in wohltätiger Ruhe und Trägheit versunken, die du bedauerst, weil du zu gut bist, mir sie zu beneiden, und zu mutwillig, mir sie zu gönnen. Nein, schläfrig war ich nie, ich will fort über die Alpen des Lebens glimmen, wo grenzenlose Aussichten die gebundene Allgemeinheit in meinem Busen lösen, wo mir euer Sonnenadler zur Schwalbe wird, die mit ihrer silbernen Brust an der Erde streift – später sehe ich die Sonne am Abend und früher am Morgen, ich kann dann euren bürgerlichen Kalendertag weit mit dem Tage meines Geistes überreichen, und wenn ihr glaubt, ich lebe aus dem Stegreif, so werde ich euer metrisches Leben, ohne