1801_Bretano_008_115.txt

ist recht hübsch, dass grade welche vorbeiflogen", sagte Godwi; "doch wollen wir jetzt das Bild Mariens betrachten, ehe es dunkel wird."

Godwi entüllte ein anderes Bild, und sagte scherzhaft:

"Nehmen Sie den Hut hübsch höflich in die Hand, stauben Sie die Schuhe ab, und sein Sie artig, wir wollen zu einem lieben Mädchen gehen. Welcher Kontrast? Dies ist Marie, Annonciatens Schwester. Welche Ruhe, welcher Frieden; man schweigt, sie atmen zu hören, und wünscht, dass die Taube in ihrem Schoss den Flügel senke, um sie aufmerksam zu machen. Wehet denn kein Lüftchen durch das enge Fenster? dass die Lilie sich bewege und dem Mädchen sage, wir seien da, damit sie uns mit den lieben Augen erblicke, die sie so fleissig auf den Stickrahmen niedersenkt; nur die Lilie darf zusehen, wie sie Blumen stickt, sie senkt den Kelch stille zu ihr, und tut wie die vertraute Freundin. Wie die Sonnenstrahlen so nachbarlich zu dem kleinen Fenster hereinsehen; wenn die Sonne sinkt, so sieht sie uns wohl an, indem sie dem Glanze ausweicht; oder wird sie nach dem Bilde des jungen Mannes schauen, das an der Wand hängt, und so recht behaglich und mit Ansprüchen da zu hängen scheint? Ich beneide ihn, er ist sicher mit des Mädchens Vater einverstanden, und die Sache geht den einfachen Weg. Lebe wohl, Marie, wir wollen nicht vor dich treten, da wir deiner begehren müssen, denn du bist schon einem gegeben, der dir genug ist." Hier liess Godwi den Vorhang fallen.

"Dies ist ein Mädchen," sagte ich, "zu dessen Vater auch der zügelloseste Mensch sagen könnte: Mein Herr, da ich in den Stand der heiligen Ehe zu treten gesonnen bin usw. Ich habe noch nirgends ein häusliches Gemälde im Ideal gesehen, dies ist es, Friede. Und dieses ist Ihre Mutter?"

"Dies ist sie; ziehen Sie von diesem Bilde bis zum steinernen Bilde eine Linie, so haben Sie das Unglück meiner Mutter ermessen."

Hier verliessen wir die stube, und gleich darauf den Bildersaal, nachdem Godwi zuvor ein ruhiges Abendlied auf der kleinen Orgel gespielt hatte, die noch in der Kirche von ihrer ersten Bestimmung her übriggeblieben war. Die Töne der Orgel gingen feierlich wie ein betender Geisterzug um die stummen steinernen Bewohner des Hauses herum, und schienen sie zu trösten. Ich trat dann an Godwis Seite gerührt in den Garten, und es tat mir im Herzen wohl, wieder im Freien zu sein; es war ein freundlicher Abend, und wir freuten uns, noch den ganzen Park durchgehen zu müssen, ehe wir in das Landhaus kamen.

An der tür kam uns Haber entgegen, den ich sogleich um seine Übersetzung fragte, aber er klagte über seine Zerstreuteit, und dass einer der Pächter unter seinem Fenster geschlachtet habe, und dass das Geschrei des sterbenden Tieres dem italiänischen Ton und Wortspielen sehr entgegen sei

"Sie haben also die Wette verloren, denn ich habe es übersetzt, und wir wollen nun bald an die Aufführung des Liedes gehen, Sie müssen die Laura vorstellen, und ich den Hiazintschreiben Sie sich die Rolle ab, nach Tisch, wenn die Lämpchen am Himmel angesteckt sind, und Luna uns souffliert, müssen Sie vom Fenster herunter mir den Korb geben, ich will die Laute erst in Ordnung bringen, und ein wenig dazu klimpern."

Haber wollte nicht daran, und entschuldigte sich, besonders mit seiner schwachen stimme.

"Desto besser," sagte Godwi, "Sie können dann noch einen Vers anhängen, in dem Sie ihn ausschimpfen, dass er Ihnen einen Schnupfen zugezogen hat. Doch ich will sehen, ob die Laute angekommen ist."

Einundzwanzigstes Kapitel

Georg, der stille Diener, brachte mir die Laute, er hatte sie selbst aus dem Jagdhause geholt, wo sie, wie er sagte, noch von Kordelien her in einem Winkel gestanden habe.

Es war ein schönes grosses Instrument, und die gotischen Schnirkel, welche die Resonanzöffnung verschlossen, waren fein mit Gold und Elfenbein durchzogen. Eine recht freundliche idee war, dass durch dieses Gitter alle Töne in Gestalt kleiner Engelsköpfe heraussahen, als seien sie wie himmlische Kinder hineingebannt, und sängen liebliche Lieder durch das Gitter; sie öffneten nach der Reihe die Lippen recht kräftig und immer feiner, wie auch ihre Gesichter die Höhe und Tiefe des Tons durch das Alter ausdrückten. Der Steg stellte eine Äolsharfe vor, hinter der eine lauschende Jungfrau auf den Arm gestützt in schlafender Stellung lag.

Ich brachte die saiten mit Vergnügen in Ordnung, und ergötzte mich an dem ruhigen vollen Tone des Instruments. Ich war mit ihm in den Garten gegangen, denn meine ersten Akkorde opferte ich wie eine Libation eurem Angedenken, schwesterliche Seelen! Ich hatte lange nicht gespielt, und es war mir, als erwache ein entschlummertes Götterbild in mir, und breite mit Wollust die arme wieder wirkend und schaffend aus. Es war schon dunkel, und die Töne schienen die Dämmerung zu heben. Ich sang das herrliche katolische Mutter-Gottes-Lied:

Ave maris stella etc.

Meerstern, ich dich grüsse usw.

Dann ging ich zurück, und wir schickten uns nach Tische an, Habern seine Busse bestehen zu lassen. Die Sache ward recht lustig, er kam oben ans Fenster in ein Bettuch gewickelt, als jage ich ihn aus dem Schlafe, und wir sangen wechselsweise