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, und der Mutter ewig ungetreu eine Menge unehelicher Kinder habe; nimmer komme ich zu einer honetten Haushaltung in meiner Seele."

Godwi zog den Vorhang wieder in die Höhe, und ich nahm mich recht zusammen:

"Abend-Dämmerung, rechts sinkt die Sonne, links dunkler Vorgrund, ein kleiner Hügel mit fetten grossblättrichten Gewächsen, auf dem sich eine Rebenhütte erhebt. Annonciata, ungefähr vierzehn Jahre alt, sitzt unter dem Rebendache, weiss gekleidet, das schwarze Lockenhaar wallend, ihr Gewand mehr als malerisch, wirklich bürgerlich nachlässig; ihr blick ruht in der Minute, wo sich der Himmel und die Abendröte durchdringen; um ihre Stirne schlingt sich Orangenblüte, sie umfasst mit beiden Händen ein Körbchen voll roter Früchte, das auf ihrem Schosse steht, so dass sie die jungen keuschen Brüste etwas in die Höhe drängt, und der Flor sich liebevoll öffnet. Sie sitzt ohne Schamhaftigkeit, keine Spur von Zucht; sie will nichts, sie wird gewollt; das Leben verlangt sie; von allen Seiten glüht Liebe und Lust zu ihr hin; alle Blätter giessen ihre hoffenden Flammen über sie aus; die Blumen geöffnet blicken ihr in die Augen, und die Kräuter schmiegen sich um ihre Füsse; die Sonne will nicht sinken, und das schwellende Herz der Nacht sinkt schwerer voll Lust nieder, sie will zu ihr herab. Die Ferne dringt zu ihr herüber, und die Nähe lehnt sich dieser siegreich und stolz entgegen. Sie selbst atmet nur, sie ist nicht gefangen in diesem wunderbaren Kampfe der Liebe; in ihrem Herzen ist Andacht, und ihr Antlitz ist Gebet. Neben ihr steht eine Urne, in welcher Aloe blüht; auf dem steinernen Geländer einer Treppe und vor der Urne sitzt ein Pfau, der den goldnen glühenden Hals der Sonne nachrufend ausstreckt, aus seinem sinkenden Schweife blicken köstliche Augen von Saphir und Gold nach den Sternen, die still am Himmel heraufblühen."

"Dies Bild", fuhr Godwi fort, "ist mit einer wunderbaren Resignation gemalt, man kann es nicht recht geduldig ansehen; der Maler tat auch gar nichts für den Betrachter."

"Ja," versetzte ich, "Annonciata nur allein kann es betrachten, und wir nur Annonciaten, denn alles ist nur für sie gemalt, oder vielmehr sie malt es in jedem Augenblicke. Wenn ich bedenke, dass diese milde Glut der Sonne, der schwermütige Himmel und die freundlichen Sterne, dass die ganze rührende Melodie des Bildes nur die aufgelöste Annonciata ist, und Annonciata nichts als die menschliche Gestalt dieser Umgebung, so erkläre ich deutlich in mir ein Gefühl, das mich in der natur begleitet; sie beunruhiget mich, es ist mir, als könne ich sie nicht betrachten, als belausche ich sie nur in einem stillen treibenden Geschäfte der Wandlung, und es gibt wenige Gegenden, die nicht einen andern Menschen als mich bedürften."

"Nur der allgemeinste Mensch," sagte Godwi, "nur ein Mensch, der gross, glücklich und gesund ist, kann ohne Druck den ganzen Umfang der Naturanschauungen ertragen. Jeder Einzelne hat seine eigne natur, vor der er gleich einem höheren Bilde steht, welches mit Rührung auf seine geschichte zurücksieht. Ich empfinde mit Freuden, wie ich seit einiger Zeit mehrere Arten der Aussicht liebe, die mich sonst verwundeten, und dies ist mir eine Erfahrung, welche mir eine Erweiterung meiner selbst versichert."

"Mir ist noch nicht so," sagte ich, "ich kenne nur eine Aussicht bis jetzt, und habe noch keine Landschaft gesehen, die mir wohl tat, als diese, und wäre meine Gestalt von meinem Gemüte ganz durchdrungen, könnte ich überhaupt jemals mich selbst vorstellen, so hätte in diese Landschaft ein Maler keine Figur als die meinige stellen dürfen, um nicht aus der Haltung zu fallen."

"Wo ist diese Aussicht?" fragte Godwi, "wenn Sie sie nicht wie eine Geliebte verbergen."

"Am Rhein, auf einer herrlichen Stelle."

"Gut, so habe ich sie wahrscheinlich auch gehabt, und es sind wirklich Gesichtspunkte am Rhein, die ich nicht auszusprechen wage."

"Ich sass höher als der höchste Berg der Gegend, auf der Spitze eines jungen Baumes, den eine mutige Hand in die höchsten Trümmern eines zerstörten Turmes gepflanzt hatte; über Untiefen von Wald, die wie Katarakte und stürmende Heere unter meinem Blicke auf und nieder stürzten, brauste der herrliche Fluss des üppigen Friedens und der trotzigen Ruhe. Ringsum weit die Städte und Flecken hingesäet, viele tausend Blicke auf meinen Standpunkt gerichtet, in tiefer Einsamkeit, Vor- und Nachwelt um mich aufgelöst in ein unendliches Gefühl des Daseins. Ich hatte ein trauriges Herz voll verschmähter Liebe da hinaufgetragen, so recht gar nichts da oben erwartet, und ging mit einer sehr breiten Resignation durch den Wald. Aber der Mensch ist so enge in sich selbst gefangen, dass er sich meistens selbst verzehrt, wo er die Welt verzehren sollte. Ich weinte, als sich die Aussicht mir erschloss, vor Scham, und fühlte, wie meine Tränen gelinde auf der Wange trockneten, und sich meine Seele wie der Duft einer Blume zum Himmel hob; mein Körper wuchs in den Stamm, der mich trug, und meine arme streckten sich wie Zweige in die Luft: da war mir wohl, und ich sah den Zugvögeln nach, die neben mir vorüberreisten, wie Freunden, die noch nicht zur Ruhe gekommen sind, und wünschte ihnen glückliche Reise."

"Es