Verbrechen, aber grosse Verirrungen umfasste, bis auf eine Handlung, die zwar auch ein Kind seiner leidenschaft, doch bestimmter bösartig war; diese hatte den Scheiterhaufen angezündet, auf dem er hier in ewiger Reue brennend lebte. Jetzt ist er ruhig.
Meines Vaters Bisarrerie war die schöne Bisarrerie, das Böse, welches nie gut gemacht werden kann, schön zu machen; seine idee war, das Gute sei in der Zeit, und das Schöne im Raum, und die Möglichkeit des Ersatzes einer verderbten Jugend sei, ihr in reiferen Jahren Gestalt zu geben. Er sagte, jede Handlung wird zu einem Denkstein, der mich beschuldigt, und den ich nimmer umwälzen kann; aber ich kann diesen Stein zwingen, zu einem schönen Bilde der Handlung zu werden, die er bezeichnet."
"Die idee Ihres Vaters ist gross, und man sollte nie sagen: ich will es wieder gut machen; denn dies bleibt nur Vorsatz, und ist das Wort der Reue; man sollte sagen: ich will es schön machen. Auch liegt unstreitig in dem Gedanken, dass Böses und Gutes in der Zeit liege, viel Tröstliches; wir dürfen dann nur unsere Handlungen als Folgen denken, so haben wir blosses Leben."
"Jeder Mensch," sagte Godwi, "der in sich selbst gross werden will, sollte in sich den Stoff und den Geist auffinden. Alles, was in ihm bloss geschichte wäre, müsste ihm Stoff zu Idealen seiner selbst werden. So bliebe ihm der grösste teil seiner Jugend unverloren, und ein herrlicher Gewinn. Er hätte dann in sich eine eigne Welt der Kunst und natur, und büsste er auch alle seine Sinne ein, so könnte er doch in sich fortbilden, denn in ihm läge ein Universum, und er könnte sich lieben und anbeten.
Mein Vater tat dieses mit einer grossen Anstrengung, auch kam er dadurch immer mehr und mehr zur Ruhe. Doch fing er zu spät an, und hatte seine Unbefangenheit schon zu sehr verloren. So erschuf er diese Bilder mehr in phantastischer Busse als in Liebe zu sich. Endlich ward es ihm zur selbstischen Gewohnheit, ja zur Bequemlichkeit, und hätte sich sein Geschick nicht gelöst, so würde es ihm zum Laster geworden sein, denn er erhob der notwendigkeit halber, eine Form zu erfüllen, oft seine kleinsten Fehler zu Verbrechen, und seine ganze schöne leidenschaft war auf dem kürzesten Wege, Pietisterei oder Pedanterei zu werden. Doch wir wollen uns zu dem Unsrigen wenden."
Wir traten zur rechten Seite des Saales in eine stube, an deren Wänden mehrere verhüllte Gemälde hingen. Godwi blieb vor einem stehen, zog den Vorhang in die Höhe, und sprach:
"Hier ist Annonciata, die Jungfrau, einer Umgebung, dem Spiegel ihrer Seele, gegenüber."
Das Bild war warm und voll Allegorie, der ganze Ausdruck leise vordringend, und von allen Punkten gleichmässig ausströmend; es war mir, als walle eine laue leichte Luft von den Farben auf mein Herz, und ich stand mehrere Minuten voll leichtatmender Lust; doch stieg meine Empfindung mit der Dauer, und das Gemälde schien fortschreitend erhöht.
"Es wehet wie aus warmen Tälern zu mir herauf," sprach ich, "mir ist wohl, ich werde mild berührt, und in mir erhebt sich ein körperlicher Reiz, der unbestimmt und doch allgemein ist. In Stunden, in denen ich liebte und nicht fühlte, wie ich leise auf wolkichten Träumen hinabzog in ein anderes Wesen, wo die Ströme lieblicher unausgesprochener Rede schneller flossen, und die gestaltlose Flut der Seele fromm von dem schweigenden Mädchen empfangen wurde – wo die Liebe schon verstummte, und keinen einzelnen Sinn mehr hatte; wo meine Brust schon hörte und mein Auge küsste, wo mir die stille Woge ihres Busens begegnete, und ich so trunken war in dem Widerspruche der milden Annäherung, da war es mir so. – Doch nimmer weilt solches Leben – wohin, wohin gleitet die sehnende Fahrt? o Heimat! fliehe ich dich, eile ich dir entgegen? – wie löst sich aller Besitz! ist die Welt mein, und bin ich ein Bettler? wo ist mein Vaterland, wo ist meine Liebe? – ach! bist du nicht für die Erde? Annonciata! wer löst dir die Zauberei des Frühlings, wer löst dir dein Herz? das in sehnsucht bricht; will keine Sonne kommen? die tiefen dunkeln Augen der Gedanken zu öffnen, die aus deinem Herzen steigen, und ist dein Busen eine Wiege der Kinder, die hier nicht leben dürfen? Schmerz, Schmerz! brennendes Verlangen, wer bricht dir das Siegel im Herzen, und welchem bist du gesendet? du dunkler Edelstein im Diademe der weissagenden Zeit – Wunderkind!" –
Hier liess Godwi den Vorhang niederrollen. – "Es war genug, lieber Maria, der Maler hat seine Schuldigkeit getan, und Sie waren auf dem besten Wege, den Eindruck des Bildes auf Sie und nicht das Bild zu betrachten."
"Verzeihen Sie, ich dachte bei dem Bilde an ein Mädchen, das ich sehr liebe, und diesem Bilde gleicht. Lassen sie mich das Bild nur wieder sehen; Gott weiss, wann mich das unselige Selbstbewusstsein ohne Geistesgegenwart verlassen wird; ich komme nimmer dazu, etwas wie ein vernünftiger Mensch zu betrachten."
"Sie wissen wohl von dem Bilde gar nichts mehr", sagte Godwi.
"Nein, das ist ja eben das Unglück, dass ich mich mit jeder Erscheinung begatte