ich gern mein ganzes Leben mit ihm sein möchte: wenn dies Liebe ist, so hast du recht."
"Ich habe recht, das ist Liebe, das ist deine Liebe."
"Meine Liebe? gibt es denn mehr als eine Liebe."
"Es gibt vielleicht nur eine, aber jeder Mensch hat wohl doch eine andre. Mir ist nicht so wie dir, wenn ich hier stehe; es ist mir, als müsse ich mich verlieren in ein anderes Wesen, wie die Bäume dort sich ineinander verlieren; ich möchte nicht immer Annonciata sein, und doch weiss ich nicht, wie ich das soll; ich kenne niemand, in den ich mich verwandlen könnte; ich möchte oft sterben, um nicht mehr alleinzusein, und sterben für wen? das kann ich auch nicht sagen, und das ist es, was ich immer empfinde, und abends mehr als sonst; das ist es, was mich im Herzen drückt, und wenn so der kühle Wind weht, wird mir es besser, ich fühle dann in meinem Herzen, als sei ich gut, als tröste ich mich mit der Ruhe da draussen in der Nacht und dem Glücke der natur."
So sprachen die beiden Mädchen noch lange, Wellnern flossen die Tränen über die Wangen; er hätte noch gerne zugehört, aber er konnte die kühle Luft nicht vertragen. Er schloss deswegen das Fenster mit Geräusch, damit seine Kinder ihn hören und auch schlafengehen möchten. Marie zog sich zurück, denn sie hatte einen stillen verstehenden Gehorsam, Annonciata aber blieb allein wach.
Einige Stunden nach Mitternacht hörte sie den Vater Josephen klingeln, und diesen auch zu ihm kommen. Da sie ans Kamin trat, welches ihre stube mit der des Vaters verband, hörte sie, wie der Vater am Fenster gesessen, ihre Unterredung gehört habe, und dass ihm nicht ganz wohl sei. Er erzählte Josephen von Marien, wie sie von ihm gesprochen, mit Freuden; auch von ihr hörte sie ihn sprechen, wie sie seltsame Dinge gesagt, die ihn sehr bekümmerten, und dass er sie mit dem jungen Genueser, der hier sei, bekannt machen wolle; es schien ein reicher kluger Mann zu sein, und es würde ihn glücklich machen, wenn sie ihn lieben könne.
Annonciata hörte das alles mit Ruhe an, freute sich des Glücks ihrer Schwester, und da sie glaubte, es wäre wohl recht hübsch, wenn Marie auch unten wäre, so näherte sie sich ihr und sagte, um sie zu wekken: "Liebe Marie, stehe auf, und gehe hinab zum Vater; ich glaube, es ist ihm nicht wohl, er hat jetzt noch Josephen rufen lassen; frage ihn, was ihm fehlt, und pflege ihn; ich weiss, dass du es ihm besser tun kannst als ich, und dass es ihm viel Freude macht."
Marie dankte ihr, zog sich schnell an, und ging hinab. – Annonciata aber weinte –
Wellner freute sich herzlich der Aufmerksamkeit Mariens, sie sass so freundlich auf seinem Bette, und Joseph still an der Erde: da konnte er sein Herz nicht mehr erhalten, und legte ihre hände in dieser Nacht für die Zukunft versprechend zusammen, und gab ihnen beiden zwei goldne Ringe, die sie vor ihm verwechselten.
Zwanzigstes Kapitel
So weit hatte ich geschrieben noch diesen Nachmittag, nachdem mich Godwi verlassen hatte. Da ich fertig war, kam er zu mir, und ich las es ihm vor. Dann führte er mich durch den sehr ausgedehnten Garten nach einer andern Seite, die ich noch nicht kannte, und sagte, dass er mir die Bilder zu meiner heutigen Arbeit zeigen wolle. Dieses freute mich sehr, und ich versicherte ihm, dass es mich aufmuntern würde. Bald standen wir vor einem alten Gebäude, welches das Aussehen einer verfallnen Dorfkirche hatte. Da er die grosse tür mit rasselnden Schlüsseln aufschloss, sagte er scherzend: "Es ist mir immer, als sei ich das Gespenst eines alten Küsters, welches die gewohnten Wege schleicht, wenn ich diese Kirchtüre aufmache. Ich mag diese Anstalt nicht leiden, sie hat etwas Abenteuerliches, und wäre sie von meinem Vater nicht in einem Zustande der grössten Verschlossenheit und Versteckteit gemacht worden, und nur für ihn allein, so würde ich gar nicht böse sein, wenn die Leute ihn einen Narren nennen. In meinem Knabenalter lag diese Kirche schon wie ein unerträgliches Geheimnis vor mir, und es schauderte mir immer, wenn mein Vater mit einem der fremden Künstler hineinging, und wieder allein herauskam, als habe er ihn ermordet." Die Treppe, welche grade der tür entgegenkam, führte in einen ovalen Saal, in dessen Mitte eine mit Tuch verkappte Figur stand; ähnliche standen an den Wänden umher.
Godwi blieb neben mir in dem saal stehen, und sagte: "Kann man sich etwas Tolleres denken, als sein ganzes Leben in Stein hauen zu lassen, und so in einer stube zusammenzustellen?"
"Es liegt etwas Fürchterliches darin, und eine wunderbare Eitelkeit im Dunkeln, wo einen niemand sieht; es ist, als prahle einer um Mitternacht so recht auf seine eigne Hand."
"Sie sind zu streng", sagte Godwi; "Eitelkeit war es nicht, und nicht Prahlerei; toll bleibt es ziemlich, doch hat diese Tollheit eine edle Quelle, die bitterste Reue mit der idee, sich alle diese Figuren wie Richter herzustellen, welche ihn seines Lebens anklagten, das zwar kein