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ihm nach, und freut sich, wenn er gut war. Ich sehe ihr nach, der lieben Mutter; o könnte ich werden wie sie, und möge man mir nachsehen wie der Sonne, die einen schönen glücklichen Tag erleuchtet hat. So stand die Szene, und ich armes beohrfeigtes Mädchen sass mitten drinne.

Der Vorhang ging auf, es pochte an und es trat ein junger Mann herein, neigte sich schnell mit dem kopf, nicht etwa, um eine Verbeugung zu machen, nein, um mir die Hand zu küssen. Er behielt meine Hand in der seinigen, führte mich in den Erker, setzte sich mir gegenüber, nun antwortete er mir erst auf alle meine Entschuldigungen, dass der Vater nicht dasei, und nun sollte ich kein Licht holen, er wollte die Sonne untergehen sehen, bis der Vater käme. Ich armes Mädchen tat alles, was er wollte, und wenn ich dachte, es ist doch ganz sonderbar, wie dieser Mensch sich beträgt, und sah ihn an, so musste ich doch heimlich wünschen, ach wenn doch der Vater, wenn doch Jost, der Amtmann, ach wenn doch alle Menschen so sonderbar wären. Kaum hatte er schweigend ein paar Minuten die Gegend durchsehen und ich kein auge von dem seinigen verwandt, so kam er mir gar nicht mehr sonderbar, er kam mir sanft, heiter und schön vor. Er entschuldigte die Eigenheit seiner Ankunft und seines Benehmens auf eine äusserst feine Weise, und ich schämte mich, als er mich hierdurch erinnerte, dass ich eigentlich hätte ungehalten sein müssen. Ach! nie ist mir eine Stunde so schnell verschwunden als die zwischen seiner Ankunft und der Rückkunft des Vaters; selbst wenn ich bei dir bin, Otilie, du musst aber nicht böse werden, selbst bei dir flieht die Zeit nicht so. Der Vater hatte vor Freude über seinen wiedergefundenen Stammbaum ganz vergessen, was ich für nasenweise Reden geführt hatte, und sagte zu Godwi: er bedaure sehr, dass er sich so lange mit mir habe unterhalten müssen, und er müsse ihn entschuldigen, denn er könne wegen seiner Standesgeschäfte sich wenig mit meiner Erziehung abgeben. Godwi entschuldigte mich auf eine äusserst verbindliche Art; dies gehörte meinem Vater, aber ich beneidete ihn nicht, denn der blick, den er mir zuschickte, wollte mir doch nichts anders sagen, als dass er sich lieber mit mir in Kamschatka unterhalten als mit meinem Vater in Italien langweilen möchte. Bei Tische unterhielt er meinen Vater von seinen Ahnen, und sagte wohl mehr davon, als er wusste. Jost stichelte auf des Fremden Kleidung und leichtes Betragen, doch du weisst ja, wie mein Bruder ist; aber dem Vater gefällt er sehr, denn er stammt von einer alten Familie her und hat sehr viel edle Männer unter seinen Voreltern. Er wollte den andern Morgen schon wieder weg, aber sein Pferd wurde krank, und wir haben ihm schon zugestanden, dass wohl nie ein Pferd zu gelegnerer Zeit krank wurde.

Der junge Mensch ist aber bei aller seiner Leichtfertigkeit äusserst gut, und oft, wenn er neben mir geht, leicht wie ein Schmetterling, spricht aus ihm der Ernst und die Erfahrung eines Greises, so dass man glauben sollte, er heuchelte; aber dazu sind nun seine Augen wieder zu aufrichtig. Nun sieh nur, da habe ich mir es doch wieder merken lassen, dass ich ihm nicht allein hineingesehen, sondern dass ich auch darinne gelesen habe. Auch kannst du dir nicht denken, wie leutselig er ist; unsere Bauern, die ihn kaum einigemal gesehen haben, grüssen ihn schon viel lieber als Josten, der immer so grob durch sie durchreitet, als seien sie eine Herde Vieh.

Gestern abend, als ich mit ihm unter der grossen Eiche sass, erzählte er mir von seinen Reisen manche rührende Begebenheit, und manchen lustigen Scherz. Und da ich ihn fragte, warum er denn immer so die Kreuz und Quer herumreite, sagte er mir mit einer Wärme, die bis in mich herüberdrang denn meine Hand lag in der seinigen, so ruhig, so aufmerksam dass ich jeden seiner Pulsschläge fühlte: "Ich liebe den Zufall überlasse mich ihm mit Sorglosigkeit; habe ich ihm nicht vieles zu danken, hat er mich nicht unter die Eiche, neben Sie, schönes fräulein, gesetzt? Sorgenlose Freude soll mich immer begleiten, kein einförmiges Lied, nein, wie der Gesang der Vögel über uns, in den Schlupfwinkeln der Eiche, frei und ohne Fessel natürlich und genügsam. Soll ich grübeln, sinnen, kalkulieren spekulieren, solang ich froh und gut bin, solange Freude in jedem meiner Blutstropfen pocht und jede meiner Handlungen ihr Gepräge trägt? Und gut bin ich, wahrlich gut; Sie glauben mir doch, fräulein?" Er sagte dies so rasch, und sein blick war so sonderbar, begehrend und doch so sanft, dass ich hätte schwören sollen, er sei der nämliche, der mir meine Locke der Erinnerung raubte. Ob ich aus Angst oder aus Freude und Zutrauen zu ihm sagte: ich würde nimmer froh werden, wenn ichs nicht glauben könnte, weiss ich nicht. Meine Hand konnte ich nicht mehr in der seinigen lassen. Ich glaube, ich sprach aus Zutrauen, und zog meine Hand aus Bangigkeit zurück. Wir sahen beide ein paar Minuten auf ein Fleckchen, er wurde ernst und sagte feierlich: "fräulein! lassen Sie uns jetzt nach haus gehen und dem Zufalle überlassen, was wir uns morgen