, und fürchtete mich vor dem Schall meiner Worte.
'O lieber, lieber Gott, sage mir doch, was habe ich getan' –
Da trat meine Schwester herein; sie war zwei Jahre älter als ich, und ging schon allein zu Bette; sie hatte mich gehört, und sagte zu mir:
'Ei du! was machst du da?'
Ich umklammerte sie heftig, aber sie verstand mich nicht, da führte ich sie vor das Salomonsbild, und sagte zitternd:
'Sieh, der auf dem Trone, das ist der liebe Gott; die Frau, die die hände ausreckt, das ist unsre Mutter; die da so sitzt und ruhig ist, das ist die Muhme, und der Mann, der das Kind zerhaut, ist auch die Muhme, und das Kind bin ich, und das tote Kind, ach das bist du' –
Sie zog mich mit sich die Treppe hinauf, und brachte mich zu Bette. Sie erzählte mir vieles von den fräulein, die sie besucht hatte, um mich zu trösten, aber ich weinte immerfort. Da stieg die liebe Schwester aus dem Bette auf, und setzte sich zu mir ins Bett, das am Fenster stand, wir umarmten uns, und sahen in den hellen Himmel; dann sagte meine Schwester: 'Wir wollen das Lied singen von dem kind, dessen Grossmutter eine Hexe war, und das Kind vergiftete.'
Wir sangen dies Lied immer, wenn es uns recht traurig war; meine Schwester sang die Worte der Mutter, welche das Kind fragt, und ich sang weinend die Worte des Kindes; in dem lied lag uns Trost, wir trösteten uns mit der Liebe der Mutter und des Kindes Tod.
Mutter:
Maria, wo bist du zur stube gewesen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Ich bin bei meiner Grossmutter gewesen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Was hat sie dir dann zu essen gegeben?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Sie hat mir gebackene Fischlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Wo hat sie dir dann das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Sie hat es in ihrem Krautgärtlein gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Womit hat sie denn das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Sie hat es mit Stecken und Ruten gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Wo ist denn das Übrige vom Fischlein
hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Sie hats ihrem schwarzbraunen Hündlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Wo ist denn das schwarzbraune Hündlein
hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Es ist in tausend Stücke zersprungen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Maria, wo soll ich dein Bettlein hinmachen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Du sollst mir es auf den Kirchhof machen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!"
"Schrecklich, schrecklich!" sagte Haber.
Ich fing aber lustig an Ça ira zu singen, weil ich selbst weinte, und mir im Ça ira von jeher alle Adern freudig schwollen, denn ich liebe solche heftige Übergänge.
Haber wurde ganz wütend, und schrie, ich müsste der grösste Teufel sein.
"Nein," sagte ich, "lieber Haber, sehen Sie dort an der tür die alte Grossmutter stehen, mit der Giftschale in der Hand, wie ihr die Augen aus der Pelzmütze herausstieren; und dort sehen Sie die Mutter, die weinend im stuhl sitzt, und der kleinen Maria, die vor ihr steht, und sie liebkoset mit wehe! ach wehe! Frau Mutter; wie sie dem einzigen kind das weisse Totenhemdlein anzieht; und hier sitze ich mit meiner Schwester" – ich setzte mich auf die Erde, und nahm ein Küssen in die arme – "ach meine liebe Schwester, wie geht es mir so traurig" – hier sprang ich auf, es riss mich wie mit den Haaren in die Höhe – es war mir als hielt ich sie lebendig in den Armen, und ach! sie ist doch tot.
Godwi sagte: "Sie übertreiben es"; ich lachte, und ging munter zu Bette.
Haber fürchtete sich vor mir, er musste mit mir in derselben stube schlafen und ich ihm vorher feierlich beteuern, keine Nacht keine solche Streiche mehr zu machen.
Aber fröhlich war ich doch wohl nicht –
Fünfzehntes Kapitel
Haber stellte im Bette noch viele Betrachtungen an, und versicherte mich seiner Freundschaft; dann sagte er:
"Obschon ich noch nicht ganz von der idee kommen kann, Sie für etwas böse zu halten, so halte ich Sie doch nicht mehr für platt. Sie haben ohnstreitig eine gewisse Macht über die Gemüter, doch sollten Sie sich mehr applizieren, und nicht so vom Beispiele hinreissen lassen."
"Ich danke Ihnen, und bin eben im Begriffe, mich zu applizieren, nämlich abzuschlafen; das Beispiel tut bei mir, wie Sie sagten, leider alles, also schlafen Sie wohl."
Ich versuchte hin und her, und Haber schnarchte schon; aber sein Beispiel, so stark es auch war, nützte nichts, und er hatte Unrecht; ich kam immer auf den Gedanken, ich müsse mich erst auf die Applikation applizieren, und so kam ich nicht zum