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grosser Fruchtbarkeit, um die Fruchtbarkeit zu unterjochen."

Ich schwieg, und mein Gewissen drückte mich.

Wir kamen nun an das Gut selbst. Einige kleine Häuser bildeten eine Strasse, auf der verschiedene Akkergerätschaften standen; es war stille, und Godwi sagte: "Lassen Sie uns ruhig sein, die Leute schlafen schon." Das Tor des Landhauses stand offen, die Hunde sprangen freundlich an Godwi herauf, und wir traten in das bescheidene einfache Haus, in eine stube gleich bei dem Eingange.

Godwi hiess uns willkommen, der Jäger brachte Licht, und das Abendessen ward bestellt. Godwi und Haber sassen auf dem Sopha, ich sass am Fenster auf einem Armstuhle, es herrschte eine allgemeine Stille unter uns, und jeder schien sich seinen Gedanken ruhig zu überlassen.

Die Bilder des ganzen Tages gingen mir vor den Augen herum, ich hatte eine seltsame Empfindung, in dem haus Godwis zu sein, und mit ihm selbst so bekannt, von dem ich so vieles geschrieben hatte. Es schien mir unrecht und nicht redlich, wenn ich ihm nicht bald sagte, wer ich sei. Dann entwickelte ich, was ich von seiner Jugend aus seiner Erzählung an Otilien wusste, hier an der Stelle, wo es geschehen war, und indem ich meine Gedanken so ins vergangene Geschichtliche hinüberspann, verlor ich mich immermehr ins Allgemeine, dachte an meine Jugend und alle Jugend, und an den erdrückenden Schmerz, unter dem die meisten guten Kinder ihr Bestes und Eigentümliches für einige Gesellschaftsregeln hinopfern müssen.

Die Grillen zirpten in den Mauern und der Perpendicul der Uhr ging ewig derselbe, nächtliche Fledermäuse schwirrten über den Hof, und das Licht war weit heruntergebranntmir war es tief im Herzen dunkel und traurig.

Hier trat ein alter Mann in die stube, er hatte einen schönen gesunden Kopf, und einen langen weissen Bart, und war einfach in weisses Tuch gekleidet. Godwi grüsste ihn und sagte: "Verzeihet, Anton, dass ich so spät komme."

Der Alte lächelte und sagte: "Sie sind der Herr und immer willkommen." Dann deckte er den Tisch, trug einige kalte speisen und etwas Wein auf, und wünschte gute Nacht.

Der Alte mit seiner Ruhe und seinem Barte schickte sich recht zu dem Ganzen und hatte mich sehr gerührt. Godwi sagte mir, dass seine Pächter aus einer Mennoniten-Familie beständen, die so lange auf dem Gute sei, als sie existiere, und dass dies nun der dritte Grossvater sei, der hier lebe.

Wir setzten uns nun zu Tische, Haber war eingeschlafen; ich klimperte mit den Gläsern, um ihn zu erwecken, aber sein Erwachen war nicht hinlänglich, ihn zum Essen zu bringen, denn er war körperlich und geistig eingeschlafen; er hatte nämlich in einer Lage auf dem Sopha gelegen, dass mehrere Glieder seines Leibes seinem Hauptschlafe ungetreu auf ihre eigene Hand eingeschlafen waren. Wir assen und tranken dann munter miteinander.

Das Mahl war vorüber, nur die Gläser waren noch ergiebig, und der Wein bringt in jede Stimmung, in der er mich antrifft, noch eine mutwillige phantastische Stimmung. Ich muss mich dann äussern, und empfinde etwas ganz wunderbar Frevlendes, Gewagtes in meinem Herzen; alles wird mir unter den Händen lebendig; was mein Leben Schmerzliches und Freudiges, Banges und Religiöses umfasst, reiht sich an meine Worte, und zieht in einem wilden bacchantischen zug von meinen Lippen.

In solchen Momenten verliere ich mich in meiner Rede, die mit sich selbst zu witzeln anfängt; eine Grundempfindung, sehnsucht, unerkannte Liebe oder Druck in der Kindheit bleiben herrschend, alles andere wird zum frechen Witze, in dem eben diese Hauptempfindungen, die ich allein in einem bangen Drucke in der Brust fühle, mutwillig hin und her schwanken.

Diese Empfindung fühlte ich sich bei mir nahen, eine tiefe Rührung geht allezeit vorher. Es ist mir, als sollte ich bald mein ganzes Leben wie eine Braut umarmen, ich sei nun allem gewachsen, was mich einzeln erdrückte; ich fordere dann alle die Gestalten auf, stosse sie kalt von mir, oder reisse sie mit einer wilden Buhlerei in mich.

Vierzehntes Kapitel

"Warum so still," sagte ich höhnisch zu Haber, "fürchten Sie sich vor Gespenstern?"

"Nein, aber das ganze Leben hatte heute etwas Schauerliches für mich."

"hatte' es? – mich rührt so etwas nur oberflächlich, und als der alte Anton zu sprechen anfing, ärgerte es mich, dass er kein Gespenst gewesen warhören Sie, wie die Fahnen am dach wehen – – o! das geht ewig so und nimmt kein Endeund wie es dunkel istman möchte ersaufen in eigenen dummen Gedankenin der Welt geschieht nichtses ist der Tod draussen, und wir sind gezwungen, unsre abgetragenen Erinnerungen zu zerzerren, bis sie wie lumpichte Geister vor uns tretensehen Sie, dort steht mein Vater, und dort meine Mutter, und dort meine Schwesterwie sie mit den Fingern auf mich zeigenwie der Alte den Kopf schüttelt – o und du arme Mutter, du schöne Mutterdie hände abgerungendurch den weissen duftigen Busen blutet das warme rote Herz Liebe heraus zu mirdie Schwester sieht so witzig aus, und so arm mit ihrem liebesuchenden keuschen leibha! seid mir willkommendas Leben ist ein geschwätziges breites Wesen, von dem man nicht weiss, wie es im Herzen aussieht."

Haber sah starr