Tagen mit einem zweiundzwanzigjährigen schlanken mann durch alle Schlupfwinkel und Wildbahnen im Holze, und sie tun vertrauter als Bruder und Schwester. Es ist nun nicht anders, man mag treiben, was man will, man wird verleumdet, aber immer gut ist es doch, dass alles dies wahr ist, und dass dazu noch viel, viel mehr könnte gesagt werden. Denn wenn einer unter dem Tische stäke, wo wir uns einander auf die Füsse treten, und wenn einer das blaue Mal sehen könnte, das ich ihm in den Arm gekneipt habe, als er mir die Locke über dem Auge wegschnitt, die dein Vater, ich weiss nicht warum, immer die Locke der Erinnerung nannte, so würde er wunder was für eine alte Bekanntschaft vermuten.
Ich kann nun nicht anders, ich glaube nicht, dass ich ihn liebe, ich würde mich schämen, in einer Stunde mein Herz verloren zu haben. Ich vermute, dass vieles von dem Eindrucke, den er auf mich machte, dem Moment gehört, in dem er mich sah. Wenn man so wie ich von der Welt abgeschnitten lebt, und von Gestalten umringt ist, die uns nur durch angeborne Rechte beherrschen, so ist es sehr verführerisch, aus freier Wahl einem edlen Menschen gut zu sein. Ja man legt selbst Vorzüge in jeden Bessern, die ihn zum Besten erheben können. Doch verzeihe, ich spreche über einen Zustand, ohne dich erst mit seinem Entstehen bekannt gemacht zu haben, und beweise grade so, indem ich eine vermutliche leidenschaft entschuldigen will, dass ich ganz von ihr beherrscht werde. Ach, ist es denn wahr, dass es nur die Liebe ist, die uns ganz und gar verändert, gäbe ich dir wirklich einen Beweis von meiner Schwachheit, indem ich dir einen längern Brief schreibe als je? Und wenn ich aufrichtig sein soll, so muss ich noch mehr sagen, sagen, dass ich nicht einmal wegen dir schreibe. Ich schreibe wegen ihm; der Vater ist auf der Jagd, und er hat ihm, um ihm zu gefallen, folgen müssen. Er ging mit mir im Garten, wir waren so freundlich mit einander gewesen, er hatte mir von seinem Freunde erzählt, den er über alles liebt, und ich erzählte ihm von dir, wie ich dich liebe, von meiner Mutter; ich hatte ihm gesagt, dass wir nicht so schnell bekannt geworden wären, wenn er nicht auf dem Sitze meiner Mutter gesessen und meine Erinnerung an sie so teilnehmend angehöret hätte; ich hatte ihm noch vieles, vieles zu sagen, da kam der Vater, und er ging mit ihm weg. Ich sah ihm bis zur Gartentüre nach, und glaubte, er würde gewiss noch einmal nach mir umsehen, aber er tat es nicht, das machte mich sehr traurig, warum? das weiss ich nicht. Nun ist er auf der Jagd, und ich schreibe an dich von ihm, weil ich mich nicht anders mit ihm unterhalten kann, als wenn ich von ihm spreche. An ihn denken, so ganz allein an ihn denken, das kann ich nicht, es wird mir dann ganz bange. Wenn ich allein an ihn denke, so sehe ich lauter Dinge, die man nicht beschreiben und die ich nicht verstehen kann, und da wird mir so ängstlich, als guckten mich eine Menge weltfremder Menschen an und flüsterten sich in die Ohren. Aber mit dir will ich über ihn sprechen, da muss ich alles wieder erzählen, wie er kam, und wie es mir zu Mute wurde; das wird mir sehr wohltun.
Doch nun auch kein Wort mehr, bis du weisst, wer der glückliche ist, und wie sich denn endlich einmal eine heitere Seele ausser mir in die prachtvolle Residenz meiner Ahnen und vieler Uhus und Eulen hat verschlagen lassen.
Du weisst, Otilie, vor drei Tagen war ein schreckliches Gewitter, und der Vater war mit Josten auf die Jagd geritten. Er kam zurück und hatte seine Brieftasche verloren, in der unser Stammbaum ist; er kehrte also mit Josten schnell wieder um, um dies Kleinod zu suchen. Ich bedauerte ihn sehr, dass er in dem Wetter reiten wollte, und sagte ihm, er möchte den Kastellan wegschicken, und wenn der ihn nicht fände, so könne er sich ja vom Amtmann, der doch nicht wisse, was er vor Langeweile treiben soll, einen andern machen lassen. Ich glaubte nun wunder, was ich Gescheites gesagt hätte, und der Vater machte grosse Augen, hob die Hand in die Höh, und ich glaubte, nun würde er mich in die Wangen kneipen, und da wollte ich meine Bitte, dich zu besuchen, vorbringen. Aber, denke nur, er gab mir eine Ohrfeige. "Gänschen, einen andern machen; nein, dich und deine Mutter ausstreichen lassen." Jost sagte: "Und so ist es recht, fräulein Claudia." Und nun gings mit ihnen zur tür hinaus. Ich setzte mich auf das Plätzchen im Erker, wo sonst meine Mutter sass, wie sie noch lebte und weinte. Ich dachte an sie und weinte auch. Nun ging die Sonne unter, und das Wetter zog vorüber, und ich konnte auch nicht mehr weinen. Danke doch deinem Vater, der mich die natur lieben lehrte, der mir sagte, so wie die Sonne jeden Abend untergeht und jeden Morgen wiederkömmt, so kommt und geht auch jeder Mensch. Man sieht ihm entgegen, man sieht