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bescheiden ist, mir aus der Ursache seiner Apoteose ein geheimnis zu machen.

57.

An Kleonidas.

Ein glücklicher Zufall hat mich zu Ephesus mit dem grössten Maler unsrer Zeit in Bekanntschaft gesetzt. Du errätst sogleich dass ich den Parrhasius meine, von welchem die zwei kleinen Stücke160 in dem Landhause unsrer Freundin zu Aegina dich so sehr bezauberten, und von dessen Demos du mich mit einer Bewunderung, die an mir etwas Ungewöhnliches ist, sprechen hörtest. In der Tat gibt es dermalen noch schwerlich etwas Vollendeteres in eurer Kunst, und ich wollte du entschlössest dich, bevor du an die Ausführung der beiden Denkmäler gehst, zu einer Reise nach Mitylene, bloss dieses Gemäldes wegen, an welchem ein Auge wie das deinige so viel zu sehen und zu studiren finden würde.

Parrhasius ist ein feiner, stattlicher Mann, der, neben andern mit seiner Kunst in Bezug stehenden Kenntnissen, sich vorzüglich auf die Menschenkunde mit Ernst gelegt zu haben scheint. Von dem Künstlerstolz, den man ihm Schuld gibt, mag er wohl nicht ganz frei sein; und warum sollte er auch nicht fühlen dürfen was er ist, und wie nahe die Malerkunst, die vor ihm noch in der Wiege lag, der Hora ihrer schönsten Blüte durch ihn gebracht worden? Er spricht gern von dem, was er in dieser Rücksicht geleistet habe, und da ihn diess notwendig auf den Zustand führt, worin er seine Kunst gefunden, so ist natürlich, dass er an den Werken der alten Meister, ohne darum ungerecht gegen sie zu sein, mehr zu tadeln als zu loben hat. Ob er aber eben so gerecht gegen seine jetzt blühenden Nebenbuhler, einen Zeuxis, Timantes, Pausias u.a. sei, liesse sich fast bezweifeln; wenigstens hält er zurück, wenn die Rede von ihnen ist, und gibt, wenn dieses oder jenes von ihren Werken gerühmt wird, seine Beistimmung gewöhnlich nur mit den Achseln oder Augenbraunen. Man sagte mir, es sei eine von seinen Eigenheiten, dass er beim arbeiten, weder einen andern Maler, noch jemand, der im Ruf eines Kenners der Kunst stehe, zusehen lasse. Gegen blosse Liebhaber hingegen ist er desto gefälliger, und ich habe unter diesem Titel das Vergnügen gehabt, ihn an einem grossen Gemälde arbeiten zu sehen, das die Entscheidung des Streits um die Waffen Achills zwischen Ajax und Ulysses vorstellt, und in kurzem zu Samos um den Preis mitwerben soll. Nur wenn er die letzte Hand an ein Werk legt, schliesst er sich vor jedermann ein; vermutlich weil er ein geheimnis besitzt, um seinen Gemälden den schönen Ton und das Lebenatmende und Beseelte zu geben, das so sehr daran bewundert wird. Ich sprach ihm von seinem Demos, wie einem blossen Liebhaber zukommt, mit Entzücken, und erhielt dadurch das Recht, ihm in gebührender Einfalt und Demut die Frage vorzulegen: ob es wirklich seine Meinung gewesen sei, den Charakter des Atenischen volkes in diesem Stücke darzustellen? Er antwortete mir lachend: vermutlich ist es dir von dem Besitzer unter dieser Benennung gezeigt worden? Da ich es bejahte, fuhr er fort: "ich will dir offenherzig sagen was an der Sache ist. Es war wirklich mein erster Gedanke dass es ein allegorisches Gemälde werden sollte; aber die Schwierigkeit war, wie ich es anstellen wollte, die Widersprüche im Charakter des Atenischen Volkes so zu personificiren, dass gescheidte Leute ohne Wahrsagergeist erraten könnten was ich wolle. In zwei Stücken, deren jedes nur eine Seite dieses Charakters gezeigt hätte, möchte diess allenfalls angegangen sein, wiewohl die Sache noch immer grosse Schwierigkeiten hatte; aber auf Einer Tafel fand ich es platterdings unmöglich. Nach langem Hin- und Hersinnen, fiel mir ein, anstatt meine Absicht durch allegorische Personen erreichen zu wollen, würde ich besser zum Ziel kommen, wenn ich eine wieder aus einander gehende Volksversammlung schilderte, und zwar so, dass man aus den verschiedenen Gruppen erraten könnte, was unmittelbar vorher verhandelt und beschlossen worden, und was dieser und jener für eine Rolle dabei gespielt habe. Ich gestehe, dass ich diesen Gedanken für eine Eingebung meines guten Genius hielt, und daher mit mehr als gewöhnlicher Begeisterung ausführte. Ich hatte nun gelegenheit, alle die verschiedenen Züge, woraus der Charakter der Atener zusammengesetzt ist, auf die natürlichste Art in Handlung und Contrast zu setzen. Mein Stück, wiewohl es im grund nichts mehr ist als was der Augenschein ausweist, wurde dennoch für den nachdenkenden Beschauer, der den Geist eines Gemäldes zu erhaschen weiss, wirklich das, wozu ich es anfangs machen wollte, eine Charakteristik der Atener, und da der Name Demos Atenäôn beides gleich schicklich bezeichnen konnte, so verkaufte ich es dem Liebhaber zu Mitylene unter diesem Titel, mit welchem es mich hoffentlich eine Weile überleben wird." – Gewiss so lange, sagte ich, als die Erde mit einer allgemeinen Verbrennung oder Ersäufung verschont bleibt, wofern die Besitzer nur sorge tragen, es vor dem nachteiligen Einfluss der Luft und der Sonne zu bewahren. – Meine Farben halten bis auf einen gewissen Grad beides aus, versetzte Parrhasius. – Du musst deren wirklich ganz eigene und andere unbekannte haben, sagte ich, da du solche Wunder damit tun kannst. – Gleichwohl siehst du nur vier auf meiner Palette, war seine Antwort; – und nun hatte ich keine Lust weiter zu fragen. Parrhasius zeigte mir unter verschiedenen zum Verkauf fertigen Stücken zwei zusammengehörende, die ich, ihres sonderbaren Effects wegen, für unsre Freundin gekauft habe. Beide Tafeln