kostet, alles, was du Rühmliches von diesem sonderbaren prosaischen Gedichte gesagt hast. Denn eine Art von Gedicht ist es am Ende doch, und zum Dichter wäre Plato geboren gewesen, wenn ihn nicht sein böser Genius neben seinem natürlichen Hang zum Fabuliren und Allegorisiren, noch mit einem unwiderstehlichen Trieb sich selbst und andre in dialektische Spinneweben zu verfangen gestraft hätte. Da ihm die schlichte populäre Philosophie des Sokrates kein Genüge tat, vertiefte er sich schon früh in den Grübeleien der Eleatischen und Pytagorischen Schule, die sich damit abgeben, das Innerste der natur und den ersten Grund der Dinge, das Unendliche, den Ursprung der Welt, das Wesen der Materie und des Geistes, kurz, alles ergründen zu wollen, was nicht zu ergründen ist. Unbefriedigt schwärmte er nun von einem Systeme zum andern, baute bald auf diese, bald auf jene Hypotese, riss dann, wenn er wieder einige Zeit um Sokrates gewesen war, wieder ein was er gebaut hatte, und würde vermutlich zuletzt unter lauter Ruinen gelebt und nie etwas Haltbares zu stand gebracht haben, wenn ihn die Muse, die ihm als sein guter Dämon zugegeben ist, nicht immer antriebe, aus den Bruchstücken, die in seiner Phantasie über und durcheinander liegen, bald diesen, bald jenen luftigen und schimmernden Zauberpalast zusammenzusetzen. Jetzt ist er noch so voll von diesen Materialien, dass ihm die Wahl weh zu tun scheint, und er uns lieber alles auf einmal geben möchte. In der Tat hat er in seinem Phädon so vielerlei für person, Ort und Zeit Schickliches und Unschickliches zusammengedrängt, dass ich in diesem einzigen Dialog die Embryonen von zwanzig andern sehe, die er vermutlich nach und nach auszubrüten gedenkt. Doch das möchte er immerhin, und viel Glücks dazu! Denn warum sollte er nicht Bücher schreiben, da er das Talent, seinen Gedanken jede beliebige Gestalt zu geben, und eine Fülle Attischer Redseligkeit in seiner Gewalt hat, und, sobald er nur will, den Verstand, die Einbildungskraft und das Gemüt seiner Leser zugleich in Bewegung zu setzen und zu unterhalten weiss? – Aber wenn er fortfahren wollte dem guten Sokrates die Hauptrolle in seinen philosophischen Dramen aufzudringen, und gerade dem mann, der die Philosophie vom Himmel oder vielmehr aus dem windigen Reiche der "regenbeladnen Jungfrauen" des Aristophanes, wieder auf die Erde herabholte und in das häusliche und bürgerliche Leben der Menschen einführte, kurz sich ausschliesslich mit einer Lebensweisheit beschäftigte, die für jedermann verständlich und brauchbar war, wenn Plato fortfahren wollte, seine Liebhaberei, abgezogene Begriffe bis zu einem unbrauchbaren Grad von Feinheit auszuspinnen, und die Leute mit Zweifelsknoten, die er selbst nicht aufzulösen weiss, zu beunruhigen, gerade diesem mann vor die Tür zu legen; diess, ich bekenn' es, würde' ich ihm nicht wohl verzeihen können. Freilich muss es jedem erlaubt sein, das Wahre, zu welchem so vielerlei Wege führen, auf demjenigen zu suchen, den er für den nächsten oder anmutigsten hält; nur stelle jeder sich selbst vor, und nehme sich nicht heraus, das Gesicht eines andern zu einer Larve vor sein eigenes zu machen.
Dass Plato sich nicht zugleich mit dir in Aten befand, meine Freundin, hat deinen sieggewohnten Reizen vielleicht eine kleine Demütigung erspart, wenigstens hättest du dich in einen Hylas157 oder Hyacint158 verkleiden müssen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. – Doch ich will ihm keinen Vorwurf aus den Versen159 machen, worin er (damals selbst noch wenig mehr als ein Knabe) seine leidenschaft für die schönen Knaben Aster, Alexis, Agaton u.a. (vielleicht nur um die Mode mitzumachen) eine sehr feurige Sprache reden liess; denn es ist allerdings zu glauben, dass Sokrates, zu welchem er sich seit seinem zwanzigsten Jahre ziemlich fleissig hielt, ihm diese kleine Attische Unart abgewöhnt haben werde.
Ich gedachte mich nicht länger zu Ephesus zu verweilen, als nötig war, eine alte Gastfreundschaft zwischen meiner Familie und einem hiesigen angesehenen haus zu erneuern, und den weltberühmten Tempel der Ephesischen Göttin zu besehen. Zufälligerweise erfahre ich von dem alten Maler Evenor, dass sein ehmaliger Schüler Parrhasius (ein geborner Ephesier) täglich erwartet werde. Der alte Mann legte einen besonderen Nachdruck auf das Wort Lehrling, und schien sich nicht wenig darauf zu Gute zu tun, dass er einen Schüler habe bilden können, der seinen Meister weit hinter sich zurückgelassen. Parrhasius langte den folgenden Tag an, und seine Bekanntschaft hat so viel Anziehendes für mich, dass ich schon eine ganze Dekade länger hier bin, als anfangs meine Absicht war. Vielleicht wirst du das Vergnügen haben, ihn in Milet zu sehen. Ich wünsche es um Kleonidas willen, der, wofern wir dem stolzen Parrhasius verbergen dass er sein Nebenbuhler in der Kunst ist, vielleicht gelegenheit fände, ihm das eine oder andere von seinen Geheimnissen, die Färbung zu behandeln, abzuhaschen. Denn es ist unglaublich, was der Mann mit seinen vier Farben für Wunder tut.
Du bist mir, aller Wahrscheinlichkeit nach, grosse Entschädigung schuldig, meine schöne Freundin, und ich will dich vorher gewarnt haben, nicht zu sehr zu erschrecken, wenn ich in irgend einer schönen mondhellen Nacht, da du mich am wenigsten erwartet hättest, auf einmal wie aus dem mond gefallen, vor dir stehe, und mir – einen Abdruck des Kusses ausbitte, womit du den schönen Kleonidas unter die Götter versetzt hast. Denn diess ist, nach dem Ton seines letzten Briefes zu schliessen, der Fall mit ihm, wiewohl er so