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über. Kleombrot, von der Reue in Gestalt einer Erinnys mit Schlangengeisseln verfolgt, stürzt sich von der Spitze des Felsens herab: aber ein freundlicher Genius, mit mächtigen Flügeln über der schäumenden Brandung schwebend, ist bereit, den Fallenden in seine gegen ihn ausgebreiteten arme aufzufassen, um ihn an das entgegen liegende Ufer der Insel der Seligen zu tragen, wo Sokrates, zwischen Pytagoras und Solon, von verschiedenen andern Weisen und Heroen der Vorzeit umgeben, aus einem lieblichen Hain ihm entgegen zu kommen scheint. Unter das Bild soll mit goldnen Buchstaben geschrieben werden: er war in Aegina und ist nun bei Sokrates.

Um den Tod des Sokrates so wahr als nur immer möglich darzustellen, wird er nächstens eine Reise nach Teben, Aten und Megara unternehmen, und sich mit den vorzüglichsten Freunden des Weisen, mit Kriton, Kritobul, Apollodor, Aeschines, Antistenes, Cebes und Euklides bekannt machen, um Zeichnungen nach dem Leben von ihnen zu nehmen, damit er sie in dem grossen Gemälde desto richtiger bezeichnen, gruppiren und in Handlung setzen könne. Um den lieben Plato auch hier nicht leer ausgehen zu lassen, soll einer aus der Gruppe, die am entferntesten von der Hauptperson ist, seinen Nachbar mit dem Ausdruck der Verwunderung fragen: wo bleibt Plato? und der andere wird mit Achselzucken antworten: es heisst er sei unpässlich.154 Du siehest, Aristipp, wem Kleonidas durch dieses Parergon155 einen kleinen Liebesdienst zu erweisen hofft? – Der Einfall verdiente wenigstens einen Kuss, hör' ich dich sagen. Auch bekam er ihn, in deinem Namen, auf der Stelle. Aberwie es zuging weiss ich selbst nicht rechtes mussten wohl ein paar Nektartropfen zu viel darein gekommen sein; dennwir wurden beide ein wenig davon berauscht. – Lass' dir sagen, Freund Aristipp, – es ist ein gefährlicher Mensch, dein Kleonidas; du hättest ihn wohl können zu haus lassen!

Mein Unstern fügte es, als ich zu Aten war, dass

Plato die ganze Zeit über abwesend sein musste; denn nun sehe ich erst, wie schmeichelhaft mir seine Eroberung gewesen wäre. Sein Buch hat mir eine grosse Meinung von der Feinheit seines Geistes und von seinem Dichtergenie gegeben. Wahr ist's, man müsste den Sokrates gar nicht gekannt haben, wenn man nicht sehen sollte, dass Plato sich grosse Freiheiten mit ihm herausnimmt; und ich wollte selbst meinen besten Halsschmuck dran setzen, er habe bei aller seiner Redseligkeit nicht den dritten teil von allem dem gesagt, was ihn der junge Schwätzer grübeln und subtilisiren lässt. Indessen ist doch nicht weniger wahr, dass er die Eigenheiten seines Meisters mit vieler Gewandteit nachzuahmen weiss; und wiewohl er sie überhaupt (was den Nachahmern gewöhnlich zu begegnen pflegt) merklich übertreibt, so ist doch an vielen Stellen das Originale und Auszeichnende im Ton und in der Manier des Alten gar nicht zu verkennen. Aber was mir von diesem Schriftsteller, und dem, was er uns sein könnte wenn er wollte, den grössten Begriff gibt, ist die Darstellung der letzten Stunde seines Helden, von dem Augenblick an, wo er sagt: es werde nun Zeit für ihn sein, ins Bad zu gehen. Mich dünkt wir haben nichts so Schönes in unsrer Sprache als diese Erzählung, die so ganz schlicht und anspruchlos aussieht, und in der doch, wenn ich nicht sehr irre, so viel wahre epische und psychagogische156 Kunst ist. Ich habe dieses Stück schon zum drittenmal gelesen, und jedesmal mit dem reinen Vergnügen und der völligen Befriedigung, die nur das hohe Schöne der Seele gewähren kann.

So viel Rühmens von dem Werk eines Menschen den du nicht liebst, und das freiwillige geständniseiner Untreue, in einem und ebendemselben Briefe, ist deiner Philosophie beinahe zu viel auf einmal zugemutet, lieber Aristipp.

Das möchte' es wirklich sein, wenn du nicht wärest, was du bist; so einzig in deiner Art, wie deine Freundin Lais in der ihrigen. Was sollte sie dir nicht vertrauen dürfen?

56.

An Lais.

Ja wohl, schöne Lais, darfst du mir alles vertrauen! Du, der die Grazien einen Freibrief gegeben haben, nichts zu sagen noch zu tun was Aristipp nicht gut fände. Zudem ist Kleonidas mein anderes Ich; was du ihm tust, ist mir getan; und wär' es nicht unter deiner Würde, die edlen Dienste meines Freundes nicht auf eine edle Art zu belohnen?

Wird er seine Reise bald antreten? Mich verlangt sehr, seinen Tod des Sokrates vollendet zu sehen. Sobald ich höre dass er es ist, ergreife ich diesen Vorwand, um eine Lebende wieder zu sehen, die mir Amor selbst, wenn er ein Maler wäre, nicht zu Danke malen könnte, undfliege nach Milet zurück.

Hippias meldet mir, dass er vor dem Ende dieses Monats zu Aten eintreffen werde, um von da nach Samos abzugehen, wo er seinen künftigen Wohnsitz aufzuschlagen beschlossen hat. Denke nur, der unbeständige Mensch hat die schöne Timandra einem seiner Freunde in Syrakus abgetreten! Ich weiss, schreibt er mir, nichts an ihr auszusetzen, als dass sie zu gut für mich ist. Wahrscheinlich hat er irgend einen geheimen Beweggrund, warum er frank und frei zu Samos anlangen will. – Ich habe ihm eine Abschrift des Phädon zugeschickt, und ihn in deinem Namen ersucht, uns über den spekulativen teil desselben seine Meinung zu sagen.

Inzwischen unterschreibe ich, ohne dass es mir die mindeste gefälligkeit