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' ich zu Aten seinwusste alles was vorgefallen warhatte vierzig Tage um zur Besinnung zu kommen, und liess mich, bald durch falsche Scham, bald durch die unmännliche Furcht, ich würde den Anblick des geliebten Sterbenden nicht ertragen können, bald durch die törichte Hoffnung dass seine Freunde Mittel finden würden ihn zu befreien, zurückhalten, die schönste, dringendste, heiligste der Pflichten zu erfüllen! – Nein, Aristipp! mute mir nicht zu, dass ich mit dieser Furienschlange im Busen, mit diesem in meinem inneren wühlenden Bewusstsein, länger leben soll! Dass ich leben soll, um in jedem Auge, das mich anblickt, die Worte zu lesen: er war in Aegina! – O Sokrates! wenn noch ein Mittel ist deinen zürnenden Schatten zu versöhnen, so ist es diess allein! Wenn noch ein Mittel ist, meine Seele von diesem schwarzen Flecken zu reinigen, so ist es diess allein! Und wär' es (wie du sagtest) allen andern Menschen unrecht, eigenmächtig aus dem Leben zu gehen, ich bin ausgenommen! Mir ist es Pflicht, dich im Hades, im Elysium, im unsichtbaren Reiche der Geister, überall wo du auch sein magst, aufzusuchen, und so lange zu deinen Füssen zu liegen bis du mir vergeben hast! – Wähne nicht ich schwärme, Aristipp! Meine Sinnen sind in diesem Augenblick reiner, meine Seele freier als jemalsdie Stunde ist daich höre den dumpfen Ruf der Unterirdischenwas säum' ich länger? Lebe wohl, Aristipp! – Lais! – Musarion! – Lebet wohl! Vergesst mich! ich bin nicht würdig in euern Herzen fortzuleben.150

54.

An Lais.

Der arme Kleombrotgute Laiska! – doch, du hast eine starke Seele, meine Freundin, ich schone dich nicht. Hier ist sein Abschiedsbrief, und hier das Buch, das ihm den letzten Stoss gegeben hatden Stoss, der ihn von einem Felsen des Ambracischen Ufers in die Wellen stürzte. Der arme Jüngling! Er war eines bessern Schicksals wert, und verdiente diesen kaltblütigen hämischen Dolchstoss von der Hand eines ehmaligen Freundes nicht! – Ich gestehe dir, Lais, ich bin aufgebracht über diesen stolzen Abkömmling Poseidons.151 "Es hiess sie wären in Aegina." – Und wo war denn er? – Plato war krank, sagt' er. – sonderbar genug! Er musste also sehr krank, schlechterdings unvermögend sein, sich von seinem Lager zu erheben, oder er hätte kommen sollen, und wenn er sich auch, gegen das Verbot seines Arztes, in einer Sänfte nach dem Kerker hätte tragen lassen müssen. Oder war er etwa nur krank, um desto mehr Freiheit zu haben, den sterbenden Weisen sagen zu lassen was ihm beliebte? Wirklich kann man sich eines solchen Argwohnes kaum erwehren, wenn man sieht, wie er den ehrlichen Sokrates noch in seinen letzten Stunden seine Freunde in den verschlungensten Irrgängen der subtilsten Dialektik herumtreiben lässt, und welche Mühe der gute alte Mann sich geben muss, die simpelsten Dinge in unauflösliche Knoten zusammenzudrehen, bloss damit der scharfsinnige Sohn des Ariston152 sich den Spass machen könne, sie entweder wieder aus einander zu wickeln oder zu zerschneiden, und seine Stärke in der eristischen Vexierkunst153 vor den Atenern, den grossen Liebhabern von Hahnen- und Sophistenkämpfen, auszulegen. – Ich merke, liebe Laiska, dass ich zu verstimmt bin, um dich, wenn ich so fortführe, nicht sehr übel zu unterhalten: also lebe wohl, du einzige, und vergiss der Abwesenden nicht.

55.

Lais an Aristipp.

Nein, unglücklicher, aber guter und bei aller deiner Schwäche edelmütiger Kleombrot, du sollst nicht vergessen werden! Und wenn noch etwas von dir übrig ist, dem es wohl tut wenn deine Freunde sich deiner oft mit Liebe und Wehmut erinnern, so nimm diesen Trost mit dir hinüber in das bessere Leben, das dich dein Sokrates hoffen liess!

Wer hätte sich diesen Ausgang einbilden können, lieber Aristipp? – Und doch dringt sich mir zuweilen der Gedanke auf, wir hätten es sollen. Aber wer selbst wenig Anlage zu irgend einer Art von Schwärmerei hat, kann sich nie lebendig genug in einen solchen Kopf hineindenken, und lässt sich nicht träumen, was für Unheil er in einem mit lauter Zunder und Brennstoff angefüllten Gemüt anrichten kann.

Meine grösste sorge ist jetzt, die zarte Musarion stufenweise zu der fatalen Nachricht vorzubereiten. Erst wenn sie sich nach und nach an den Gedanken, dass er nicht mehr ist, gewöhnt hat, darf sie die Art seines Todes erfahren. Ich traue dir zu, du werdest gern hören, dass Kleonidas mir einen guten teil dessen, was ich durch deine Neigung zum Landstreichen entbehre, zu ersetzen sucht; und dafür wirst du so artig sein, auch ihm und mir zuzutrauen, dass er nicht unglücklich in dieser Bemühung sein könne. Begeistert von dem Anteil, den wir alle an dem Schicksal deines unglücklichen Freundes nehmen, und von Platons Schilderung der Todesstunde des Sokrates, hat er mir die Ideen zu zwei grossen Gemälden mitgeteilt, womit er beiden ein Denkmal zu stiften gesonnen ist. Zum ersten hat er bereits eine leichtgefärbte Zeichnung entworfen, die mir seinen Gedanken glücklich zu symbolisiren scheint. Die Scene ist ein weit in die See hervorragender kahler Felsen, an einem wilden klippenvollen Strande, den reizenden Ufern einer entfernten, aus dem warmen rosigen Duft eines stillen Sommerabends, wie unter einem durchsichtigen Schleier, hervorscheinenden Landschaft gegen