nichts zu erinnern übrig bleibt. Aber alle diese besonderen Schönheiten verlieren sich, oder vereinigen sich vielmehr in dem Haupteindruck, den das herrliche Ganze – Jupiter auf seinem Tron, von seinem ganzen Göttergeschlecht umgeben – auf die Seele des Anschauers macht, indem er sich beim ersten Anblick von einem wunderbaren Schauder ergriffen fühlt, den der grosse und glaubige Haufe für ein unmittelbares Zeichen der Gegenwart des Gottes hält.
Dir, mein Freund, brauche ich nicht zu sagen, dass weder dumpfes Anstaunen noch Ueberfluss an Glauben unter die Gebrechen meiner natur gehören. Ich betrat den Tempel mit der kaltblütigsten Gewissheit, einen Gott von Elfenbein und Gold von der Hand eines grossen Bildners zu sehen, und konnte mich doch des besagten Schauders so wenig erwehren als ein andrer. Mit Blitzesschnelligkeit vermengte sich der Homerische Nephelegereta41 Zeus mit dem huldreichen Phidiassischen Göttervater, und ich wähnte einen Augenblick den König des himmels wirklich auf seinem Trone zu sehen, wie er der flehenden Tetis die Gewährung ihrer Bitte zunickt, und das Winken der schwarzen Augenbraunen die ambrosischen Locken auf seinem unsterblichen haupt schüttelnd den ganzen Olympus erbeben macht.42
Du wirst mir indessen gerne zutrauen, dass ich bei dieser schnell vorüber gehenden Verzückung noch Besonnenheit genug behielt, dem grund des Zaubers nachzuforschen, wodurch dieses göttliche Machwerk eines sterblichen Meisters auf alle die es erblicken, ohne Ausnahme, eben dieselbe wirkung tut. Glücklicherweise brauchte ich nicht tief zu graben; denn er fällt so stark in die Augen, dass die meisten, denen ich mein Rätsel aufzuraten gab, eher auf alles andre als das Wahre rieten. Ich gebe willig zu, dass der erhabene Charakter, womit der Künstler diese Göttergestalt, und alles was sie umgibt, zu bekleiden gewusst hat, sehr viel dabei tut; aber weder in ihm allein, noch in der majestätischen Form des dichtgelockten Hauptes, noch in der unerschütterlichen Festigkeit und Kraft, der ruhig ernsten Weisheit, und der von aller menschlichen Schwäche gereinigten Huld und Gnade, die, wie man sagt, in den Formrn und dem Blicke des Angesichts unnachahmlich ausgedruckt sind, kann der besagte Zauber liegen; oder, wenn Phidias diese nämliche Gestalt, mit allen diesen Vollkommenheiten, die man an ihr bewundert, nach verjüngtem Massstabe, nur zehn oder zwölf Zoll hoch ausgearbeitet hätte, müsste das kleine Bild eben dieselbe wirkung tun, – welches, denke ich, niemand behaupten wird.
Und was ist denn die wahre Ursache, warum uns der Olympische Jupiter so gewaltig ergreift? Es ist, mit erlaubnis zu sagen, nicht mehr und nicht weniger als – warum uns ein Elephant mehr Respect gebietet als ein Stier – seine kolossalische oder vielmehr titanische Statur; denn bekanntermassen war die ganze Familie des Uranos und der Gea, von welchen Jupiter wie alle übrigen Titanen abstammte, ein Riesengeschlecht von der ersten Grösse. Alle Majestät, die der erhabene Künstler dem Angesicht des Gottes zu geben vermochte, würde an einem Bilde von sechs oder sieben Fuss schwerlich viel mehr gewesen sein, als ein Minos oder Agamemnon hätte tragen können, ohne darunter einzusinken. An einem Pygmäenkönige würde diese Majestät – in unsern, nicht in der Pygmäen, Augen – sogar etwas zum Lächeln Reizendes haben; aber an einem Jupiter von sechsundzwanzig Ellen erregt sie in uns Pygmäen das Gefühl des Uebermenschlichen und Göttlichen. Ich hörte einen ehrwürdigen Pytagoräer, den ich eines Tages im Tempel antraf, sagen: er halte sich überzeugt, dass Phidias der Religion einen grösseren Dienst erwiesen habe, als alle Priester, Hierophanten, Dichter und Philosophen der ganzen Welt zusammengenommen nicht zu tun vermocht hätten. Der Mensch, sagte er, ist nun einmal, er wolle oder wolle nicht, durch seine natur genötigt, sich die Gotteit unter einer menschlichen Gestalt vorzubilden. Was Homer und seine Nachfolger leisten konnten, erregt nur schwankende unbestimmte Phantomen; die Kunst des Bildners muss ihnen zu hülfe kommen und die Einbildungskraft auf einer bestimmten Gestalt festalten. Grosse Menschen waren das Höchste, was die Vorgänger und Zeitgenossen des Phidias in dieser Art zuwege brachten: er allein hat uns den König der Götter dargestellt. Wer den Olympischen Jupiter gesehen hat, trägt einen Eindruck in seiner Seele davon, dem keine Zeit etwas anhaben kann. Die priesterliche Miene und der prächtige Bart des Pytagoräers, der selbst das Ansehen eines Göttersohns hatte, hielt mich zurück, etwas, das mir gegen seine Behauptung auf die Zunge kam, laut werden zu lassen; zumal da ich das Wahre in derselben an mir selbst erfuhr. Denn wie richtig es auch sein mag, dass klein und gross, für Eigenschaften gewisser Dinge genommen, nur täuschende Begriffe sind, so gestehe ich doch ohne Bedenken, dass ich mich so gern von ihnen hintergehen lasse als irgend einer. Von den zehn Tagen, die ich zu Olympia verweilte, ging keiner vorbei, ohne dass ich den Jupiterstempel zweimal wenigstens besucht hätte; und ich schwöre dir beim goldnen Barte des Gottes, dass ich das Bild, das sich durch diess so oft wiederholte Anschauen meiner Phantasie eingesenkt hat, nicht um die ganze Cyrenaika missen wollte.
Mehrere Leute haben mit einer bedenklichen Miene angemerkt, der Olympische Jupiter könnte nicht von seinem Tron aufstehen, ohne das Dach des Tempels einzustossen. Ganz gewiss machte Phidias diese scharfsinnige Bemerkung auch, und tröstete sich und den Baumeister damit, dass sein Jupiter wahrscheinlich wohl immer sitzen bleiben werde. Nicht Wenige habe ich beklagen gehört, dass ein prächtig gearbeitetes Brustgeländer nicht erlaube so nahe zum Tron hinzukommen als man wohl wünschen möchte. Auch diess ist ein Streich, den der lose