und ich bin gänzlich der Meinung, dass es der einzige Weg ist, ihren Wohlstand auf eine Art, die ihrer nicht ganz unwürdig ist, sicher zu stellen. Das Nähere hierüber zu seiner Zeit.
Mein Kleonidas gefällt allgemein, und strahlt von Freude und Wonne, da er hier, mit lauter schönen Gegenständen umgeben, sich in seinem wahren Elemente fühlt, und wie er sagt, erst jetzt recht zu leben anfängt. Er findet in Milet alles beisammen, was den feurigsten Liebhaber der Künste die das Leben verschönern befriedigen kann: die herrlichsten Werke der edlen und zierlichen Ionischen Baukunst, eine zahllose Menge Bildsäulen von den besten Meistern, und reiche Gemäldesammlungen aus allen schulen, vornehmlich von den berühmtesten Malern unserer Zeit, Polygnot, Zeuxis, Parrhasius, Timantes, Pausias, Euxenidas, Apollodor, und andern. Er bringt einen grossen teil seiner Zeit damit zu, alle diese Kunstwerke zu studiren, und, indem er einem jeden das worin er vorzüglich ist, abzulernen sucht, zu einer eigentümlichen Manier zu gelangen, die ihn von allen unterscheide, und ihm von niemand so leicht nachgemacht werden könne. Wie es ihm gelingen werde, wird die Zeit lehren. Noch ist er wenig mit sich selbst zufrieden, und schilt uns Idioten, wenn wir etwas schön finden, das er gemacht, oder vielmehr angefangen hat; denn noch kann er nicht von sich erhalten, etwas fertig zu machen. Vornehmlich preiset er sich glücklich, dass er durch die Bekanntschaft mit Lais von seinen vermeinten Idealen, oder Phantasmen (wie er sie nennt) zur natur selbst zurückgeführt worden sei. Wenn ich, sagt er, es einmal dahin gebracht haben werde, irgend einen bestimmten Zug ihrer Augenbrauen richtig zu zeichnen, und nur eines ihrer Ohrläppchen so zu malen wie ich es sehe, will ich mich für keinen kleinen Künstler halten.
Kleombrot ist in seinem Ambracien angelangt, und ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, dass ihn die vaterländische Luft vielleicht allmählich wieder zurecht bringen könnte. Wenigstens halte ich es für ein gutes Zeichen, dass er die Trennung von der Gesellschaft, die er verlassen hat, zu fühlen, und, ohne es sich selbst zu gestehen, ganz heimlich sich zu uns zurückzuwünschen scheint. Sollte diese Disposition zunehmen und bis zur sehnsucht steigen, so ist beschlossen, ihn zu uns einzuladen; und ich zweifle kaum, dass die zärtliche Musarion sich keine grosse Gewalt antun müsste, ihm den ersten Platz in ihrem Herzen wieder einzuräumen, wenn er mit einem aufgeheiterten Gesicht zu ihr zurückkehrte.
Ich bin im Begriff, eine Reise durch alle Städte von Ionien und Karien zu machen, und gedenke mich zu Ephesus lange genug zu verweilen, um dich da zu erwarten. Was wolltest du länger in dem unruhigen Syrakus? Wie schön auch Himmel und Erde in Sicilien sind, mit dem warmen Glanze dieses himmels der mich umfliesst, mit der üppigen Pracht dieser Erde, mit der herzerweiternden Milde der wollüstigen Blumenluft, die ich hier atme, kurz mit dem Leben in diesem Götterlande, ist nichts anders zu vergleichen.
53.
Kleombrotus an Aristipp.
Lass' ab von mir, guter Aristipp! Alle deine Mühe, mir das Bild des gewaltsam sterbenden Sokrates und das Gefühl meiner Undankbarkeit gegen ihn erträglich zu machen, ist vergeblich. Niemals, niemals werde' ich mir verzeihen können, dass ich die heiligste der Pflichten einer phantastischen leidenschaft und selbstsüchtigen Weichlichkeit aufzuopfern fähig war! Und dass ich es nicht könne – dass die Zeit, die alle andern Seelenschmerzen heilt, nur für die meinigen keinen Balsam habe, dafür hat Plato gesorgt.
Dieser Tage wird mir ein Buch von Aten zugeschickt, Phädon betitelt, worin Plato diesen Eleaten seinem Freunde Echekrates erzählen lässt, wie Sokrates am Tage seines Todes sich noch mit den Seinigen unterhalten und überhaupt bis zum letzten Augenblick sich benommen habe. Dem buch war ein kleines Stück Papier beigefügt, worauf nichts als das einzige furchtbare Wort Lies! mit grossen Buchstaben geschrieben stand. – Unmöglich könnt' ich dir beschreiben, wie mir beim ersten Anblick dieser Rollen zu Mute war. Es währte eine gute Weile, bis ich nur die Buchstaben zu unterscheiden vermochte; mehr als Einmal ergriff ich das Buch mit zitternder Hand, und musst' es immer wieder bei Seite legen. Aber, wie ich endlich die Augen wieder gebrauchen konnte, und bis zu der Stelle gekommen war, wo Phädon alle Atener, die sich an diesem traurig feierlichen Tage um ihren dem tod geweihten Freund und Vater versammelt hatten, aufzählt, und Echekrates fragt: waren auch Auswärtige dabei? und Phädon den Simmias, Cebes und Phädondes von Teben, und den Euklides und Terpsion von Megara nennt, und dann auf die Frage: wie? waren denn Aristipp und Kleombrot nicht auch da? die Antwort gibt: nein, es hiess sie wären zu Aegina – fiel mir das Buch aus der Hand, mir ward finster vor den Augen und ich sank zu Boden.
Von diesem Augenblick an sind mir die schrecklichen Worte: "es hiess sie wären in Aegina," nicht aus den Gedanken gekommen; sie erklingen immer in meinen Ohren, und stehen allentalben mit kolossischen Buchstaben geschrieben, wo ich hin sehe. Aber von diesem Augenblick an stand es auch fest und unerschütterlich in meiner Seele, was mir noch allein übrig sei. – Beneidenswürdiger Aristipp! Dir tat das verleumderische Gerücht Unrecht; dich hatte die Pflicht nach Cyrene abgerufen! Aber ich Unglückseliger, ich war zu Aegina! – In wenigen Stunden konnte