welches wir nicht zum Schweigen bringen können?" – Mich dünkt, Hippias, du hast hierauf die wahre Antwort gefunden. Diess Gefühl hängt an einer andern Ordnung der Dinge; es ist weder mehr noch weniger als der mächtige Erhaltungstrieb, den die natur in alle lebenden Wesen gelegt hat. Nur darin kann ich dir nicht beistimmen, wenn du diesen Trieb zum höchsten Naturgesetz und den Gehorsam gegen dieses Gesetz zu einer Pflicht machst, welcher alle andern weichen müssen; denn, nach meinem Begriff, vernichtest du dadurch sogar die blosse Möglichkeit dessen was ich mit Sokrates Tugend nenne. Ich werde zur Selbsterhaltung von der natur aufgefordert, und bin berechtigt, meiner Erhaltung alle andern Pflichten, im Fall des Zusammenstosses, nachzusetzen; aber ich bin nicht dazu verbunden. Ich bin ein freies Wesen; will ich mich meines Rechtes begeben und mich selbst für andere aufopfern, so ist keine Macht in der ganzen natur berechtigt mich daran zu hindern. Beruht nicht die wesentlichste Pflicht des Bürgers, sein Leben für die Verteidigung seines Vaterlandes zu wagen und hinzugeben, lediglich auf diesem Rechte? Ueberhaupt kenne ich keine Tugend, die nicht in freiwilliger Aufopferung besteht, und von der Grösse des Opfers ihren höhern oder niedern Wert erhält. Tugend ist, nach meinem Begriff, moralisches Heldentum; niemand ist verbunden ein Held zu sein. Ich verdenke es daher einem Schuldigen nicht, wenn er sein nach dem Gesetz verwirktes Leben durch die Flucht rettet: aber ich ehre und bewundere den Schuldlosverurteilten, der lieber sich selbst aufopfern, als seinen Mitbürgern ein Beispiel des Ungehorsams gegen die gesetz geben will. Eine so edelmütige Gesinnung mag (wenn man will) an jedem andern als etwas Verdienstliches angesehen werden: an Sokrates war sie nicht mehr, als was alle, die ihn kannten, von ihm zu erwarten befugt waren. Hatte er nicht bei jeder gelegenheit zu erkennen gegeben, dass er die Rechte des Menschen den Pflichten des Bürgers unterordne? Hatte er nicht das Hauptgeschäft seines Lebens daraus gemacht, seiner Republik gute Bürger zu erziehen, und sich selbst als ein Vorbild aller Bürgertugenden darzustellen? War es nicht eine auszeichnende Eigenschaft seiner Sittenlehre, dass er sogar die guten Angewöhnungen, zu welchen uns die Pflicht gegen uns selbst auffordert, vorzüglich desswegen zu empfehlen pflegte, weil sie uns geschickter machten, unsre Bürgerpflichten zu erfüllen? Wie wäre es einem solchen mann angestanden, ein solches Leben, bloss um dessen Dauer zu fristen, so nah' am Ziele noch durch eine Handlung zu entehren, wodurch er seine eigenen Grundsätze so gröblich verläugnet haben würde? Die standhafte Weigerung, seine Bande von Kriton zerreissen zu lassen, setzte seinem ganzen Leben die Krone auf: da hingegen, wenn er dem Triebe der Selbsterhaltung und den Bitten seines Freundes nachgab, diese einzige Schwachheit seine eigene überzeugung von der Wahrheit seiner Lehre verdächtig gemacht, und die gute wirkung seines bisherigen Beispiels entkräftet, ja bei vielen gänzlich vernichtet, ihn selbst aber auf ewig in den grossen Haufen der alltäglichen Menschen herabgestossen hätte, die keinen höhern Beweggrund kennen als ihren persönlichen Vorteil, und immer bereit sind, diesem das Beste des ganzen Menschengeschlechts aufzuopfern.
Uebrigens wollen wir nicht vergessen, dass Sokrates auch von seinem Dämonion (wie er dem Kriton gesagt haben soll) von der Flucht aus dem gefängnis abgehalten wurde, und also voraus versichert war, dass die Sache übel ablaufen würde. Ich denke, wir werden den Helden überhaupt kein Unrecht tun, wenn wir voraussetzen, dass sie alle, so viel ihrer je gewesen sind, immer mehr oder minder ein wenig geschwärmt haben. Sokrates glaubte in ganzem Ernst an eine göttliche stimme, die sich von Zeit zu Zeit in seinem inneren hören lasse; und für einen so einfachen schlichten Mann wäre diess einzige schon mehr als hinreichend gewesen, ihm so viel Stärke zu geben, als er nötig hatte, in einem Alter von mehr als siebzig Jahren dem tod mit Mut entgegenzugehen. Und so viel von Sokrates ehrwürdigen Andenkens.
Dass unsre Freundin Lais in Milet aufsehen macht, brauche ich dir kaum zu sagen; das versteht sich von selbst, wiewohl wenig Städte in der Welt sein mögen, die sich schönerer Weiber rühmen können, als diese prächtigste, reichste und wollüstigste Handelsstadt von Ionien. Da sie sich öfters und allentalben wo für sie selbst etwas Merkwürdiges zu sehen ist, wenigstens durch das dünne Silbergewölk eines Koischen Schleiers149, sehen lässt, und hier ungefähr auf den nämlichen Fuss lebt wie zu Korint, so fehlt es ihr unter den ersten und Reichsten dieser üppigen Metropolis nicht an Anbetern, die sich in die Wette bestreben, einen günstigen blick der Göttin auf sich und ihre angebotenen Opfergaben zu ziehen. Aber noch bleibt sie ihrem ersten Plan getreu, schreckt zwar niemand ab, muntert aber auch niemand auf, nimmt nur kleine unbedeutende Geschenke an, und macht einen Aufwand, als ob die Quelle, woraus sie schöpft, nie versiegen könne. Diess alles erhöht die achtung nicht wenig, die man schon der blossen Schönheit, selbst in einem unscheinbaren Aufzuge, zu erweisen geneigt ist; sogar die Hetären betrachten sie mit einer Art von Ehrfurcht, und würden sich geschmeichelt finden, wenn sie eine so vollkommne person an der Spitze ihres Ordens erblickten. Man fragt einander, wer sie sei, und es gehen zwanzig verschiedene Mährchen, immer eines wunderbarer als das andere, über ihren wahren Namen und Stand, und ihre geheime geschichte herum. Ich würde, wenn ich ihr Vertrauen auch weniger besässe, leicht erraten, wohin diess alles zielt;