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ihnen aufdringen, und auf ihren Undank rechnen. Ich mache mir nichts aus ihrem Hass, wenig aus ihrer Liebe, bin gegen alles Böse, was sie mir tun können, auf meiner Hut, und gedenke bei dieser Metode ruhig auf meinem Bette zu sterben, ungeachtet sie gegen mich complotiren werden, so lang' ich lebe."

Da alle Anscheinungen vermuten lassen, dass Sicilien der Schauplatz eines langwierigen Krieges werden dürfte, weil Cartago gewiss alle ihre Kräfte zusammennehmen wird, sich in einer für sie so wichtigen Insel zu erhalten; so ist es Zeit, dass ich zur Ausführung meines Vorhabens, mein übriges Leben in einer der lebhaftesten Städte des Griechischen Asiens zuzubringen, Anstalt mache. Es würde schon eher geschehen sein, wenn ich mich nicht hätte bewegen lassen, einigen jungen Leuten aus den ersten Häusern dieser Stadt in der Kunst zu reden Unterricht zu geben, und ihren Uebungen eine Zeit lang vorzustehen. Du wirst dich vielleicht wundern, dass ich mich, in dem verhältnis, worin ich mit dem argwöhnischen Dionysius stehe, zu einem so verdächtigen Geschäft habe entschliessen können. Er scheint aber wenig von den Rednern, die ich bilden werde, zu besorgen. "Das hätte ich dir nicht zugetraut, Freund Hippias, sagte er dieser Tage lachend zu mir, dass du meine Feinde eine so gefährliche Art von Waffen gegen mich gebrauchen lehren würdest." – Sie sollen sie für dich gebrauchen, König Dionysius, nicht gegen dich. – "Darauf möchte' ich mich nicht verlassen, erwiderte er, aber so lange Zungen keine Dolche sind, hat es nichts zu sagen. Ich bin selbst ein Liebhaber deiner Kunst, und du wirst mir erlauben euern Uebungen zuweilen beizuwohnen." – Wirklich kam er zwei- oder dreimal unversehens dazu, und setzte neulich, wie zum Scherz, einen Preis für die beste Lobrede auf den berüchtigten Tyrannen Busiris147. "Ich habe starke Vermutungen, sagte er lächelnd, dass dieser Busiris, dem die Mytologen einen so bösen Namen gemacht haben, ein ganz guter Schlag von Fürsten gewesen ist." – Meine jungen Eupatriden strengten sich nun in die Wette an, wer den Busiris am spitzfündigsten rechtfertigen und lobpreisen könne, und der Preis wurde vom Dionysius selbst dem, der esam schlechtesten gemacht hatte, zuerkannt. – Das schwör' ich dir zu, Aristipp, wenn ich Syrakus verlasse, wird der Tyrann der einzige sein, von dem ich mich ungern trenne.

Du siehst dass wir in der guten Meinung von Dionysius nahe zusammentreffen; und dass ich kein Bedenken tragen würde ihn, wenn es auf meine stimme ankäme, zum Beherrscher des ganzen Siciliens zu machen. Wenn du ihn aber zum Autokrator aller Demokratien und Oligarchien in Griechenland zu erheben gedenkst, so möchte' ich dich wohl bitten, nur einen einzigen Freistaat von hinlänglicher Grösse, um sich in der Unabhängigkeit erhalten zu können, übrig zu lassen, wär' es auch nur, damit wir und unsersgleichen nicht nötig hätten unter den Garamanten148 oder Massageten Schutz zu suchen, wenn es unserm irdischen Jupiter etwa einfiele, den Tyrannen etwas derber mit uns zu spielen als unsrer persönlichen Freiheit zuträglich sein möchte. Ich stehe dir nicht dafür, dass nicht auch einem Dionysius so etwasTyrannisches begegnen könnte.

52.

An Hippias.

Die Urteile der Syrakusaner über die heroische Art, wie Sokrates die letzte probe, worauf seine Tugend gesetzt wurde, bestanden hat, sind des Charakters, den du ihnen gibst, vollkommen würdig, edler Hippias. Es ist wirklich lustig, wenn solche Sybariten einen Mann wie Sokrates seine Pflichen lehren wollen. – "Es war seine Pflicht (sagen diese Virtuosen), Pflicht gegen Weib, Kinder und Freunde, sich selbst zu erhalten, und vornehmlich Pflicht gegen sein Vaterland, den Atenern die Nachreue über ein ungerechtes Urteil zu ersparen. Denn, da er unschuldig war, so konnte ihn das Gesetz nicht verdammen; seine Verurteilung war also eine schreiende Ungerechtigkeit." – Aber woher wussten denn die Richter dass er unschuldig war? Die Klage schien bewiesen zu sein, und er weigerte sich den Gegenbeweis zu führen. Die Richter mussten, den Gesetzen zufolge, nicht nach dem, was sie glaubten oder nicht glaubten, sondern nach dem, was vor Gericht bewiesen und verhandelt worden war, sprechen. Sokrates hatte also Recht zu sagen: er sei durch die gesetz von Aten gerichtet worden, und müsse sich, als ein guter Bürger, dem Urteil unterwerfen. – "Aber, sagen jene, er war sich doch seiner Unschuld bewusst." – Unstreitig; die Frage ist nur: berechtigte ihn dieses Selbstbewusstsein, das Urteil seiner Richter zu cassiren, oder (was auf das Nämliche hinausläuft) sich demselben durch die Flucht zu entziehen? konnte' er das, ohne sich zum Richter über seine Richter aufzuwerfen? Welcher Staat in der Welt möchte bestehen können, wenn die Bürger berechtigt wären, die Urteile ihrer Obrigkeit zu controlliren, und wenn jeder Ausspruch, den das Gesetz aus dem mund seiner Wortführer über sie und ihre Handlungen, Ansprüche, oder Streitigkeiten unter einander, getan hätte, einer eigenmächtigen Revision der interessirten Parteien unterworfen wäre? Der Bürger eines staates begibt sich eben dadurch, dass er sich den Gesetzen desselben und der gesetzmässig angeordneten Obrigkeit unterwirft, alles Rechts, sich gegen ihre Entscheidungen aufzulehnen, oder die Vollziehung derselben zu verhindern. – "Aber (wendet man ein) warum empört sich gegen diesen unläugbaren Ausspruch der Vernunft ein gebieterisches Gefühl in uns,