die grossen Zurüstungen, woran sie für ihn arbeiten, grosse, wiewohl dunkle und unbestimmte Erwartungen in ihnen erregen, auf deren Ausgang sie gespannt sind; aber ich stehe ihm nicht dafür, dass sie sich nicht, wenn der Krieg ausgebrochen sein wird, beim ersten widrigen Zufall von irgend einem stürmischen Demagogen durch eine einzige mit emphatischen Phrasen und gigantischen Figuren ausgestopfte Rede plötzlich umwenden, und dahin bringen lassen, die Waffen, an welchen sie jetzt arbeiten, anstatt gegen Cartago, gegen Dionysius zu gebrauchen. Auch versieht er sich keines Bessern zu ihnen, wiewohl er ihnen äusserlich das unbefangenste Vertrauen zeigt.
In Ermangelung anderer Vorwürfe – und in der Tat sehe ich nicht, was an seiner Regierung mit Grund auszusetzen wäre – bemühen sich seine Feinde, ihn dem Volk als einen Menschen ohne Religion und ohne Sitten verhasst zu machen. Es gibt zwar schwerlich ein unmoralischeres, verderbteres, leichtfertigeres und ruchloseres Volk auf diesem Erdenrund als die Syrakusaner, alle Laster, wegen deren ehemals Sybaris, Krotona und Tarent143 berüchtigt waren, gehen unter ihnen ziemlich öffentlich im Schwang; Aten und Korint haben dermalen nichts vor ihnen in diesem Punkte voraus: aber dafür sind sie eifrige Götzendiener, und halten scharf über gewisse gesetzliche Formen. Weder das eine noch das andere ist bei Dionysius der Fall; er denkt sehr frei, und erlaubt sich zu handeln wie er denkt. Bekanntermassen nahm er sich, als die Syrakusaner in ihrem ersten Aufstand gegen ihn seine erste Gemahlin ermordet hatten, auf Einen Tag zwei andere (eine aus Lokri und die andere aus Syrakus) die mit ihm und unter sich selbst in dem besten Einverständnisse leben. Ich will die Freiheit, die er sich dadurch gegen die in Griechenland eingeführte Sitte herausnahm, keineswegs und am allerwenigsten aus politischen Gründen rechtfertigen; aber die natur entsetzt sich doch nicht vor einer solchen Tat! Wenn die Bigamie gegen die Griechische Sitte ist, so ist hingegen die Vielweiberei in den Morgenländern allgemein; und am Ende, wenn er mit seinen zwei Frauen und sie mit ihm zufrieden sind (wie das wirklich der Fall ist), wem kann es nicht gleichgültig sein, ob er nur Eine Gemahlin und ein halb Duzend Kebsweiber, oder zwei Gemahlinnen144 und kein Kebsweib hat? Aber du solltest hören, was diese tugendhaften Syrakusaner, die, ohne alles Bedenken, ehebrecherischer Weise so viele Frauen haben als sie bestreiten können, für ein Aufhebens über diese Untat des Tyrannen machen, und was ihre ehemaligen Volksredner, aus dieser Veranlassung, der Tyrannie für Lobreden halten! Doch das alles ist nichts gegen eine andere Abscheulichkeit, die das tyrannische Ungeheuer begangen hat. Höre an und erstaune, dass die menschliche natur eines solchen Gräuels fähig ist! Du erinnerst dich vermutlich noch der grossen Bildsäule des Aesculaps mit dem langen dicklockigen massivgoldnen Barte, die in seinem Tempel zu Syrakus steht. Stelle dir vor, dass der Unmensch – der jetzt freilich zu seinen grossen Ausgaben viel Geld nötig hat – sich gottesvergessenerweise erfrechte, dem marmornen Aesculap145 seinen goldnen Bart – abscheren zu lassen, und den Frevel noch gar durch einen Scherz (der freilich in einer Aristophanischen Komödie den Atenern grossen Spass gemacht hätte) rechtfertigen zu wollen. Es sei gegen alle Zucht und Ordnung, sagte er lachend, dass der Sohn einen so grossen Bart führe, da sein Vater Apollo gar keinen habe. Mit einem ähnlichen Vorwand liess er Jupitern146 neulich seinen, ich weiss nicht wie viele Talente schweren goldnen Mantel abnehmen. Was soll, sprach er, Jupitern ein goldner Mantel? Im Sommer ist er zu schwer, und im Winter zu kalt; Jupiter gibt mir seinen unbequemen Talar, den ich besser brauchen kann, und ich gebe ihm dafür einen hübschen wollenen, der für Sommer und Winter taugt; so ist beiden geholfen. Du kannst dir kaum vorstellen, Aristipp, welchen Schaden Dionysius sich durch diesen witzigen Tempelraub bei den gottseligen Syrakusanern getan hat, und was er sich nun alles nachsagen lassen muss, weil man einen Menschen, der so gottlose Dinge sagen und tun konnte, aller möglichen Abscheulichkeiten fähig hält.
Dionysius lacht dazu, und geht seinen Weg. Als ich ihm einsmals meine Verwunderung darüber zeigte, wie er noch Lust haben könne, ein Volk zu beherrschen, das nicht wert sei einen guten König zu haben, antwortete er mir: "Ich weiss nicht ob es irgendwo in der Welt ein Volk gibt, das einen guten König wert ist. Jedermann treibt was er am besten zu verstehen glaubt; und das erste, worauf er zu sehen hat, ist kein Pfuscher in seiner Kunst zu sein. Hätte ich vor zwölf Jahren gewusst was ich jetzt weiss, so möchte ich vielleicht in der Dunkelheit geblieben sein. Jetzt habe ich keine Wahl mehr, und da ich nun einmal den König spielen muss, so hätte ich Unrecht wenn ich ihn nicht gern spielte, und mir eine Art von Spass aus dem närrischen Wettkampf machte, worin ich mit den Syrakusiern befangen bin. Denn wirklich ringen wir aus allen Kräften miteinander, ich, ob ich sie durch eine vernünftige Regierung zwingen könne gerecht gegen mich zu werden; sie, ob sie mich durch Undankbarkeit und unartiges Betragen dahin bringen können, ihre Vorwürfe und Verleumdungen zu verdienen. Aber es soll ihnen nicht gelingen. Ich werde sie immer regieren wie sie es nötig haben: mit dem Hirtenstabe, wenn sie fromme Schafe sind, mit der Peitsche, wenn sie die Affen mit mir spielen wollen. Wer den Syrakusiern an meinem Platz Gutes tun will, muss es