Menschen hängen, wie mit Leuten von mittelmässigem Vermögen, die in vertrauter Gesellschaft mit reichen Prassern leben und es ihnen gleich tun wollen; sie gehen bei zeiten zu grund, wiewohl sie keinen grösseren Aufwand machen als den diese sehr wohl aushalten können. Plato ist ein weit grösserer Schwärmer als Kleombrot; aber er ist ihm auch eben so sehr an Geisteskraft überlegen. Plato wird von seiner Schwärmerei, wie ein guter Reiter von seinem Pferd, immer Meister bleiben, oder doch nur selten und ohne Schaden abgeworfen werden; mit dem armen Phaëton Kleombrot gehen die Sonnenpferde durch, und ich besorge es wird kein gutes Ende mit ihm nehmen. Ich habe nicht gern mit solchen Menschen zu schaffen; diess war die Ursache, warum ich mich deinem Gedanken, ihn mit uns nach Syrakus zu nehmen, so ernstlich widersetzte.
Kleonidas könnte mir auch bloss als dein Freund nicht gleichgültig sein; um so mehr danke ich dir für seine Bekanntschaft, da ich mir viel Vergnügen von ihr verspreche. Der Zufall, dass seine aus der blossen Phantasie gemalte Hebe der jungen Musarion so ähnlich sah, ist in der Tat (vorausgesetzt die Aehnlichkeit sei wirklich so gross als du sagst) ein artiger – Zufall, und weiter nichts. Denkst du dir etwas bei den Worten ... sympatetische Ahnung? Ich kann mir nichts dabei denken. Ich weiss von keiner andern Sympatie, als von Uebereinstimmung der Gemüter aus Aehnlichkeit der Gefühle und Neigungen. Was hat aber diese mit Ahnungen zu tun? Wie käme der Mensch zu Ahnungen? Welches unsrer Organe sollte das Vehikel derselben sein? Wenn ich Ahnungen zugeben müsste, so sehe ich nicht, warum ich nicht aus gleichem grund alles Wunderbare und Unglaubliche für möglich halten müsste, was unsre Mytologen aus Aegyptischen, Arabischen und Syrischen Sagen und Volksmährchen in unsre Götter- und Heldengeschichte übergetragen haben. Alle diese Phantasmen gehören ins Gebiet der Dichter, und können unter ihren Händen zur Unterhaltung des grossen Haufens, und, mit Geist und Geschmack behandelt, sogar zum Vergnügen der Verständigen dienen; aber in die Reihe der Ursachen, woraus die wirklichen Dinge erklärbar sind, sollen sie sich nicht stellen.
Dionysius, nach welchem du dich erkundigest, ist noch immer mit den gewaltigen Zurüstungen beschäftiget, deren Anfang du gesehen hast. Syrakus sieht wie ein einziger ungeheurer Werkplatz aus, wo sich alle wiederaufgestandenen Kureten, Cyklopen, Chalyben und Telchinen142 der Vorwelt das Wort gegeben hätten, mit allen Künstlern und Werkmeistern der jetzigen Zeit zusammen zu kommen, um alles Metall im Schooss der Erde und alles Holz auf ihren Bergrücken zu einer Unternehmung, wie die Welt noch keine gesehen hat, zu verarbeiten. Man muss gestehen, dass Dionysius alle mögliche Massregeln nimmt um seiner Sache gewiss zu sein, und dass die Kunst, grosse Dinge mit kleinen Mitteln zu tun, keinen Reiz für seinen Ehrgeiz zu haben scheint. Es ist nun kein geheimnis mehr, dass alle diese Kriegszurüstungen den Cartagern gelten, und die Feindseligkeiten sind im Begriff auszubrechen.
Je näher ich die Syrakusaner kennen lerne, je mehr überzeuge ich mich, dass die Atener (mit erlaubnis der schönen Lais zu sagen) ein gutartiges, lenksames und verständiges Volk in Vergleichung mit ihnen sind. Es ist leicht vorher zu sehen, dass die Harmonie, die seit einiger Zeit zwischen ihnen und dem Dionysius zu bestehen scheint, von keiner langen Dauer sein wird. Die Eupatriden von Syrakus können und werden sich nie mit ihm aussöhnen, und lauern Tag und Nacht, mit einer Unruhe und Ungeduld die er nur zu sehr gewahr wird, auf gelegenheit, ihn entweder, wenn es mit Vorteil geschehen kann, offenbar anzugreifen, oder in eine der Schlingen zu locken, die sie ihm überall zu legen beflissen sind. Ich möchte wohl wissen, wie es möglich wäre, dass ihn diess nicht misstrauisch, argwöhnisch, feindselig und streng gegen Leute machen sollte, von deren versteckten Dolchen er allentalben umringt ist. Man hört die bittersten Klagen, dass keine zwei oder drei Bürger aus den höhern Classen mit einander sprechen können, ohne sich von Aufpassern und Angebern belauscht zu sehen: als ob diess eine andere Ursache hätte, als weil Dionysius sicher darauf rechnen kann, dass nicht leicht zwei oder drei Personen dieser Art beisammen stehen, ohne eine Verschwörung gegen ihn zu verabreden. Sie zwingen ihn zu tyrannischen Massregeln, und schreien dann über seine Gewalttätigkeit und Grausamkeit. Wäre er nicht immer von etlichen Freunden, die einerlei Interesse mit ihm verbindet, und von einer ausländischen Leibwache, auf die er sich gänzlich verlassen kann, umgeben, so möchte er der weiseste und beste aller Fürsten sein, er wäre seines Lebens keinen Augenblick sicher. Wahrlich es gehört ein Mann wie er dazu, ein Mann, dessen Charakter ein so sonderbares Gemisch von Feuer und Kälte, von strenger Vernunft und launenhaftem Witz, von Geschmeidigkeit und Unbiegsamkeit, Humanität und Grausamkeit ist, um sich unter solchen Umständen nur acht Tage auf dem Trone zu erhalten. Was das Volk im engern Sinn des Wortes betrifft, diess hängt zwar, dem Ansehen nach, ziemlich stark an ihm; aber es gibt nichts Veränderlichers, in der ganzen natur als die Sinnesart des Syrakusaners, und Dionysius weiss recht gut, dass er sich auf seine Popularität bei den untern Classen eben so wenig verlassen kann, als er auf die Dankbarkeit eines Aristokraten zählen darf, dessen Zuneigung er durch die ausgezeichnetsten Gunstbezeugungen zu gewinnen gesucht hat. Die arbeitsamen Classen hängen jetzt an ihm, weil er ihnen viel zu verdienen gibt, und weil