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, die am Ende den Atenern weder warm noch kalt gab, ihrentwegen noch lange leben können, wenn er durch seine Ironie, und den Faunischen Mutwillen, alle Leute die sich mit ihm einliessen zu necken und in die Enge zu treiben, und durch das ewige Einmischen in fremde Angelegenheiten und alles besser Wissen als andere, sich nicht schon seit langer Zeit verhasst, und durch seinen anscheinenden Müssiggang und seine armselige Lebensart noch oben drein verächtlich gemacht hätte. Nach Solons Gesetzen soll jeder Bürger der dritten klasse entweder irgend eine nützliche und ehrliche Profession treiben, oder der Republik unmittelbare Dienste tun. Sokrates tat, ihrer Meinung nach, weder dieses noch jenes: denn dass er tagtäglich an allen öffentlichen Orten zu sehen und zu hören war, und von einer Bude und Werkstatt zur andern ging, um die Leute mit seinen fragen und Subtilitäten (wie sie es nannten) zu beunruhigen, wurde ihm natürlicher Weise von dem gemeinen Mann, und selbst von den meisten aus den höhern Classen, für keine Beschäftigung und zu keinem Verdienst angerechnet, wie gut er selbst es auch damit meinen mochte.

Wenn wir niemand Unrecht tun wollen, Aristipp, müssen wir billig sein. Um die Schuld der Atener in diesem fatalen Handel richtig abwägen zu können, müssten wir untersucht haben, ob sie in ihrer Lage und vermöge ihrer gewohnten Vorstellungsart anders von ihm denken konnten; und wer diess untersuchen wollte, müsste sich völlig an ihren Platz stellen können.

Hier in Syrakus hört man die verschiedensten Urteile über diese Tragödie, die, so lange sie die Neuigkeit des Tages war, auch das einzige war wovon überall gesprochen wurde. Die meisten hatten viel an dem Benehmen des Helden auszusetzen, besonders wurde der spottende und trotzende Ton womit er sich gegen seine Richter verteidigte oder vielmehr nicht verteidigen wollte, fast allgemein getadelt. Doch fanden sich auch einige, denen dieser Ton der einzige schien, der sich für ihn schickte, wiewohl er leicht voraussehen konnte, was er ihm kosten werde. Aber in Einem Punkt stimmt ganz Syrakus überein, darin nämlich, dass er unrecht getan habe, den Beistand zur Flucht, den ihm sein Freund Kriton anbot und beinahe aufdrang, so eigensinnig auszuschlagen. Wenn er auch (sagt man) auf sich selbst und seine Freunde und Weib und Kinder keine Rücksicht nehmen wollte, so war es Pflicht eines guten Bürgers, den Atenern die Nachreue über ein ungerechtes Urteil und den Tadel aller übrigen Griechen zu ersparen. Vornehmlich wurde der Grund seiner Weigerung ganz unhaltbar gefunden. "Ich bin, sagte er, den Gesetzen der Republik Gehorsam schuldig; meine gesetzmässigen Richter haben mich nach dem Gesetz zum tod verurteilt; also bin ich schuldig das Urteil an mir vollziehen zu lassen." – Gleichwohl (wenden die anders Denkenden ein) war er selbst überzeugt, dass er unschuldig verurteilt worden sei. Hatte diess seine Richtigkeit, so war er nicht nach dem Gesetz verurteilt; denn das Gesetz verdammt keinen Unschuldigen. – "Aber, sagte Sokrates, ich bin nicht zum Richter über meine Richter gesetzt; ich kann mich also ihrem Urteil desswegen, weil es ungerecht ist, nicht entziehen; denn dadurch würde ich mich eigenmächtig zu ihrem Richter setzen." – Ich habe diesen Einwurf in seinem Namen öfters geltend gemacht, und es ist mir von niemand eine Antwort geworden, die ihn wirklich entkräftet hätte; auch gestehe ich, dass ich ihn, in der bürgerlichen Ordnung der Dinge, für unwiderleglich halte. Woher kam es also, dass jedermann, wenn er nicht weiter konnte, sich auf sein innerstes Gefühl berief, welches sich diesem Argument unabtreiblich entgegen stemme? Wie kann die Vernunft mit unserm inneren Gefühl dessen was recht ist in Widerspruch stehen? – Höre, wie ich mir dieses Problem auflöse, und sage mir deine Meinung davon. Das Gefühl, worauf sich meine Antisokratiker beriefen, ist nichts anders als eine dunkle Vorstellung des Widerspruchs, der zwischen dem notwendigen Gesetz der natur und den verabredeten Gesetzen der bürgerlichen Gesellschaft vorwaltet. Die natur hat uns die Selbsterhaltung zur ersten aller Pflichten gemacht. Alle andern stehen unter dieser, und müssen ihr im Fall eines Zusammenstosses weichen; denn um irgend eine Pflicht erfüllen zu können, muss ich da sein. Da also dieses Naturgesetz allen bürgerlichen vorgeht, so konnte Sokrates den Satz, dass er sich keines Richteramtes über seine Richter anmassen dürfe, nicht gegen die Pflicht der Selbsterhaltung geltend machen. Du wirst mir vielleicht einwenden: "wenn dieser Schluss gelte, so sei auch ein rechtmässig Verurteilter befugt, sich der verdienten Strafe zu entziehen, wenn er könne" – und ich habe keine andere Antwort hierauf alsJa!

Auch Dionysius scheint, trotz seinem Tyrannentum, der Meinung zu sein, dass Sokrates sich hätte retten sollen, da er es mit Sicherheit konnte. Als neulich in seiner Gegenwart von dieser geschichte gesprochen wurde, sagte er: ich bedaure den alten Mann; er sollte willkommen gewesen sein, wenn er sich zu mir hätte flüchten wollen; weder seine Philosophie noch sein Dämonion sollte ihm die mindeste Anfechtung in Sicilien zugezogen haben. – Doch genug von einer Sache, die nun nicht mehr zu ändern ist.

Wenn euch Kleombrotus lieb ist, so verliert ihn ja nicht aus den Augen. Einem Schwärmer von dieser Stärke oder Schwäche (wie man's nehmen will) ist nicht über die Gasse zu trauen. Sein vertrauter Umgang mit dem jungen Plato hat ihm unwiederbringlichen Schaden getan. Es ist mit schwachen Köpfen, die sich an solche meteorische