der weinerlichen Rolle ziemlich überdrüssig, die sie, ihrem geistigen Liebhaber zu Gefallen, seit einigen Wochen spielen musste; und ich wollte nicht dafür stehen, dass sie nicht in aller Unschuld, und ohne selbst zu wissen was in ihrem kleinen Herzen vorgeht, zwischen dem schönen, immer heitern, immer zur Freude gestimmten Schwärmer Kleonidas, und dem düstern, traurigen, gleich einem Schatten einherschleichenden, seufzenden und klagenden Schwärmer Kleombrotus, Vergleichungen anstellt, die nicht zum Nachteil des erstern ausfallen; zumal da der letztere so tief in seinen Gram versunken ist, dass er von dem allen nichts gewahr zu werden scheint.
Kleonidas ist aus Gunst der natur und der Musen zugleich Dichter und Maler, beides mit einem nicht gemeinen Talent, wiewohl ohne Anspruch auf eine Stelle unter den Meistern dieser Künste. Was ich ihm zu Cyrene von der schönen Lais sagte, brachte ihn auf den Einfall, seine idee, wie diese Dame nach meiner Beschreibung aussehen müsste, in einem Bilde der Hebe, mit einer einzigen Farbe in der Manier des Zeuxis gemalt, darzustellen. Du vermutest leicht, dass diess Nachbild einer blossen idee, neben unsre Schönheitsgöttin selbst gestellt, der Divinationskraft des Malers keine sonderliche Ehre machte; auch konnte' ich ihn, sobald er die letztere selbst gesehen hatte, nur mit Gewalt abhalten, sein Bild ins Feuer zu werfen: aber, was uns alle in Erstaunen setzte, war, dass die kleine Musarion – der Hebe meines Freundes so ähnlich sah, als ob sie ihm dazu gesessen hätte. natürlich veranlasste diess mancherlei Scherze, wobei die beiden betroffenen Personen die Miene hatten, als ob sie nicht übel Lust hätten Ernst daraus zu machen. Immer ist dieses Spiel des Zufalls, das einer sympatetischen Ahnung so ähnlich sieht, sonderbar genug. Verzeihe, Hippias, dass ich dich so lange bei einem Unbekannten aufhalte, der dich wenig interessiren kann. Aber ich hoffe, du wirst ihn persönlich kennen lernen, und es mir dann eher danken als übel nehmen, dass ich euch schon in voraus in Bekanntschaft mit einander gesetzt habe. Weniger gleichgültig wird dir auf alle Fälle sein, zu hören, dass unser edler Freund Eurybates glücklich aus den Klauen seiner Lamia139 herausgerissen worden ist; wenigstens noch zeitig genug, um nicht ganz von ihr aufgezehrt zu werden. Wirklich waren wir, Lais und ich, in sehr ernstlichen Beratschlagungen begriffen, wie wir dabei zu Werke gehen wollten, ohne dass sie sich zu mehr, als sie Willens ist, verbindlich zu machen scheinen möchte: als ein abermaliger Zufall, oder vielmehr Eros, der wirklich ein ganz besonderes Spiel mit uns Aegineten treibt, uns auf einmal aller weitern Mühe überhob, die Sache zu einem glücklichen Ende zu bringen. Du erinnerst dich ohne Zweifel noch der schönen Droso, einer von den drei Grazien unsrer Freundin, – wie wir ihre drei gewöhnlichen Aufwärterinnen zu nennen pflegen, seitdem sie von mir zu dieser Würde erhoben wurden. An einem dieser letzten Abende führte uns Lais an das Ufer einer stillen kleinen Bucht, die an einen teil ihrer Gärten anspült, um uns das Vergnügen des Fischens mit der Angel zu verschaffen. Eurybates war auch dabei. Zufälliger Weise hatte sich die schöne Droso mit ihrer Angelrute auf einer unsichern Stelle zu weit hinaus gewagt; der Fuss glitschte ihr aus, sie verlor das Gleichgewicht, und fiel ins wasser. Eurybates, der es zuerst gewahr wurde, und, wie die meisten Atener, ein guter Schwimmer ist, springt ihr augenblicklich nach, er fasst sie beim ersten Auftauchen mit beiden Armen, und bringt sie glücklich ans Land. Der Schrecken des Falls und die Schamröte, in nassem Gewande140 von dem tapfern Eurybates auf das dichtbegraste Ufer gelegt worden zu sein, war, nebst den Scherzen, welche das arme Mädchen von ihren Gespielen beim Umkleiden auszuhalten hatte, das Schlimmste, was dieser Zufall nach sich zog. Das Beste davon ward ihrem edlen Retter zu teil; denn seit diesem Augenblick machte sich die holde Droso zur Beherrscherin seines Herzens, und von Lysandra war so wenig mehr die Rede, als ob sie nie in der Welt gewesen sei. Kleombrot ist in dieser Nacht verschwunden. Der Tag unserer Abreise nach Milet rückt heran. Ich begleite Lais, Kleonidas begleitet mich. Eurybates hat glücklicherweise Geschäfte zu Milet. Dass Musarion und die drei Grazien von der Partie sind, versteht sich.
Mache mir die Freude, lieber Hippias, recht bald Nachricht von dir und dem schönen Syrakus zu erhalten, und von euerm Tyrannen, den ich ohne Bedenken zum Selbsterrscher aller eurer Demokratien und Oligarchien krönen würde, wenn König Jupiter, dessen Stattalter (nach Homer) die bescepterten Herren auf Erden sind, mir seine Machtvollkommenheit nur auf eine halbe Stunde überlassen wollte.
51.
Hippias an Aristipp.
Man ist es an den Atenern zu sehr gewohnt, dass sie ihren grössten und verdientesten Männern am übelsten mitspielen, als dass die gerichtliche Mordung des alten Sokrates sonderliches aufsehen in Griechenland gemacht haben sollte. Hätte sich Anaxagoras und noch vor kurzem Diagoras der Melier, der ein eben so wakkerer Mann und ein noch besserer Kopf als der Sohn eines Sophroniskus war, nicht bei zeiten aus dem Staube gemacht, so würde dieser die Ehre nicht erhalten haben, der erste zu sein, den sie (sagt man) aus der Welt schafften weil er zu weise für sie war.
Unter uns, Aristipp, ich glaube man sagt den Atenern und der Weisheit mehr Böses nach als sie verdienen. Der gute Sokrates141 hätte mit aller seiner Weisheit