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in Aegina, mein lieber Hippiasin einem der anmutigsten Winkel der Erde, in der auserlesensten Gesellschaft, von allem umgeben, was feinern Sinnen schmeicheln, die Phantasie bezaubern, und die edelsten Bedürfnisse gebildeter Menschen befriedigen kann; um alles mit Einem Worte zu sagen, ich bin bei Lais. – Aber Aten liegt uns zu nah'! – Sokrates, den Giftbecher am mund, mit ten unter seinen die hände ringenden, in Tränen zerfliessenden, oder den Ausbruch des bittersten Schmerzes aus Liebe zu ihm gewaltsam zurückhaltenden Freunden, stellt sich noch immer und überall zwischen uns und alles, was uns zur Freude einladen will. unsrer schönen Freundin, der die Bilder der Tage und Stunden, die sie noch vor kurzem in seiner Gesellschaft zubrachte, wieder so lebendig vor den Augen schweben, dass ihr die Vergangenheit beinahe zur Gegenwart wird, ist es eben so zu Mute wie mirWie wohltätig, o Hippias, würde uns jetzt deine Gesellschaft sein! – Aber so bleibt uns weiter kein anderes Mittel übrig, als uns von der verhassten Scene so weit als möglich zu entfernen. Neue Ansichten, neue Menschen, neue Verbindungen, kurz eine neue Welt um uns her ist nötig, unsrer dem Gefühl und der Erinnerung noch zu schwach entgegen wirkenden Vernunft zu hülfe zu kommen; auch werden bereits Anstalten gemacht in zehn Tagen nach Milet abzureisen, wo Lais sich einige Zeit aufzuhalten gedenkt, während ich eine Wanderung durch andere merkwürdige Städte von Ionien, Karien, Lydien und Phrygien unternehmen werde.

Findest du nicht auch, Hippias, dass man der Philosophie zu viel Ehre erweist, wenn man ihr die Macht zuschreibt, dem Gefühle der Einbildungskraft, und den Leidenschaften immer unumschränkt zu gebieten? Wahrscheinlich wird ihr vieles gut geschrieben, das auf Rechnung des Temperaments, einer natürlichen Apatie oder Schwäche des sympatetischen Gefühls und andrer solcher Ursachen zu setzen war. Nichts ist leichter als mit solchen Vorteilen (wenn sie ja diesen Namen verdienen) sich die Miene eines Weisen zu geben, und auf andere, die mit einem weichern Herzen, wärmerem Blute, zärtern Nerven und mehr Anlage zu Freundschaft und Liebe geboren sind, als auf schwache Seelen herabzusehen. Aber alles was die Weisheit von Menschen meiner Art in dergleichen Fällen fordern kann, ist, denke ich, dass wir uns nicht vorsetzlich selbst peinigen, und aus vermeinter Pflicht, oder, weil man etwas Schönes und Grosses darein setzt, alles hartnäckig von uns weisen, wodurch das gestörte Gleichgewicht in unserm inneren wieder hergestellt, und das Gemüt für die Freude wieder empfänglich gemacht werden könnte. In diesem traurigen Falle befindet sich mein junger Freund, Kleombrot von Ambracien, den du, wenn du dich dessen noch erinnerst, mehr als einmal bei mir gesehen hast; einer von den jüngsten und eifrigsten Anhängern des Sokrates. Weder ich, noch Eurybates, dessen Gesellschafter und Hausgenosse er seit einiger Zeit ist, noch Lais, die ihn wohl leiden mag, noch die holde Musarion selbst, mit deren Seele er schon Jahr und Tag in einem sonderbaren Liebesverständniss steht, vermögen etwas über die tiefe Schwermut, die sich seiner seit dem unseligen Ereigniss zu Aten bemächtigt hat. Er wirft sich selbst vor, dass er seinen Meister verlassen habe, und nicht wenigstens auf die erste Nachricht von der Verschwörung seiner Feinde gegen ihn sogleich nach Aten zurückgeflogen sei. Der Gedanke tödte ihn, sagt er, dass er fähig gewesen sei sich sorglos einer wollüstigen Untätigkeit zu überlassen, indessen der Anblick und die Gesellschaft seiner getreuen, bis in den Tod bei ihm ausharrenden Freunde das einzige gewesen, was dem besten aller Menschen zur Erleichterung seines grausamen Schicksals übrig geblieben sei. Kurz, der arme Mensch kann sich selbst nicht verzeihen, dass Sokratesohne ihn sterben konnte; als ob seine Gegenwart etwas anders hätte helfen können, als seine ohnehin überspannte Einbildung bis zum gänzlichen Wahnsinn hinauf zu treiben. Er besteht nun darauf, nach Ambracien zurückzugehen, und da wir ihn nicht mit Gewalt zurückhalten könnennoch wollen, wird er uns an einem der nächsten Tage verlassen. Mich dünkt selbst, es ist das Beste was er tun kann, und wir andern werden uns sehr dadurch erleichtert finden; denn ein Mensch, der, aller Vernunft zum Trotz, in der Traurigkeit als in seinem Elemente leben und weben will, passt nicht wohl in eine Gesellschaft, die sich's zur Pflicht macht, dieser schlimmsten aller Krankheiten der Seele, so viel nur immer möglich, alle Nahrung zu entziehen.

In dieser Rücksicht kommt mir sehr zu Statten, dass ich meinen geliebtesten Jugendfreund Kleonidas aus Cyrene mitgebracht habe, der einer von den Glücklichgebornen ist, die sich nur zeigen dürfen um überall geliebt zu werden. Hier stehen ihm bereits alle Herzen offen, und es ist mein Glück, dass Lais in seinen Augen zu sehr Göttin ist, als dass es einem Sterblichen geziemen könnte, Ansprüche an sie zu machen. Wie lange dieses religiöse Gefühl dauern wird, muss die Zeit lehren; genug dass Lais sich an der Abgötterei, die er mit ihr treibt, genügen lässt, und es ihm nicht übel zu nehmen scheint, wenn seine Augen auf den weniger blendenden, aber ein Herz, das nichts von ihnen besorgt, unvermerkt überschleichenden Reizen der kleinen Musarion mit einer besonderen Anmutung verweilen. Du würdest dich wundern, Hippias, zu was für einer zierlichen Nymphengestalt das Mädchen in der kurzen Zeit, seitdem du sie zu Korint sahest, sich ausgebildet hat. Wenn ich nicht sehr irre, so ist sie