ihrer in blosses Mitleiden verwandelten Liebe! Ihm war ein besseres los beschieden. Denn wahrlich, im Genuss aller seiner Kräfte und einer vollständigen Gesundheit der Seele und des Leibes, siebzig Jahre zurückzulegen, und dann ohne Krankheit und Schmerzen so schnell und leicht aus der Welt zu kommen, wie er, ist ein Glück das unter tausend Menschen kaum Einem zu teil wird. – "Er starb schuldlos von ungerechten Richtern verurteilt," – aber ruhig, heiter, freudig, im Bewusstsein eines ganzen wohl geführten, untadelhaften, gemeinnützlichen Lebens! geliebt, geehrt, beweint und betrauert von allen guten Menschen! Er lebt fort im Herzen seiner Freunde, wird ewig leben im Andenken der spätesten Nachwelt, die seinen Namen zur gewöhnlichen Bezeichnung der idee eines weisen und tugendhaften Mannes machen wird. Seine denkwürdigsten Reden, seine Lehre, sein bürgerliches und häusliches Leben, werden, von seinen Freunden in Schriften dargestellt, noch Jahrtausende lang, vielleicht unter Völkern, deren Benennung uns jetzt noch unbekannt ist, Gutes wirken. Gibt es ein glorreicheres los für einen Sterblichgebornen, als, mit allen diesen Vorzügen gekrönt, von der Tafel der natur aufzustehen und schlafen zu gehen – entweder zur Ruhe eines ewigen Schlafs, oder (wie er selbst glaubte) um, mit den Geistern aller edlen und Guten, die vor ihm waren, vereinigt, ein neues Leben in der unsichtbaren Welt zu beginnen? Trauren wir also nicht um Sokrates! Er hat nichts verloren, nichts das ihm nicht reichlich ersetzt wird, nichts, wofür ihm nicht schon die letzte Stunde, da sich Vergangenheit und Zukunft in seinem Bewusstsein in Ein grosses, klares, lebendiges Gefühl zusammendrängte, überschwänglichen Ersatz gegeben hätte. – "Aber was wir selbst an ihm verloren haben?" – ist, im grund, wenig, meine Freunde! denn von allem, was wir bereits von ihm besitzen, können wir nichts verlieren als durch unsre eigene Schuld; und in der Folge hätte er doch nur wenig mehr für uns sein können. Gesetzt aber auch wir hätten viel verloren, so sei uns diess ein neuer Antrieb, einander desto sorgfältiger und eifriger alles zu sein, was in unserm Vermögen ist!
Ich gestehe, dass es mir jetzt äusserst peinlich wäre, nach Aten zurückzukehren, wo mich alles noch zu frisch an ihn erinnern würde; aber in einigen Jahren werden diese Erinnerungen vielmehr angenehm als schmerzhaft sein. Was die Atener betrifft, die sind, im Durchschnitt, ein so verächtliches Gesindel, dass sie nicht einmal unsers Hasses wert sind, geschweige dass die liebenswürdigste aller Erdentöchter um ihrentwillen zur Medea oder Tisiphone138 werden sollte. An weniger gefühllosen Menschen würden Scham und Reue bereits eine strenge Rache genommen haben. Aber ich besorge sehr, die Atener sind weder der Scham noch der Reue fähig. Desto schlimmer für sie! Sie werden ihrer verdienten Strafe nicht entrinnen; und schwerlich würdest du, wenn dir auch alle fackeln und Schlangenpeitschen der Erinnyen zu Dienste ständen, grausam genug sein, ihnen die Hälfte der Plagen anzutun, die sie selbst durch die natürlichen Folgen ihrer unheilbaren Verkehrteit über sich aufhäufen werden.
Meine Geschäfte in Cyrene werden in zehn Tagen beendiget sein, und dann fliege ich mit dem ersten günstigen Winde deiner Zauberinsel zu. Ich bringe dir, auf meine Gefahr, meinen Freund Kleonidas mit; einen jungen Mann, der es wert ist dich zu sehen, und dir bekannt zu werden, und der so sehr mein anderes Ich ist, dass du schwerlich mehr für ihn tun könntest als ich ihm gönnen würde. Er ist mit allen Anlagen zur bildenden Kunst geboren, gab sich aber in seinen frühern Jugendjahren ganz den Musenkünsten hin. Er würde mich schon vor fünf Jahren nach Griechenland begleitet haben, wenn ihn nicht eine schwärmerische leidenschaft für die Tochter des damals sich bei uns aufhaltenden Malers Pausias zurückgehalten hätte, die an Schönheit und – Dumpfheit eine andere Teodota ist. Um seine Geliebte so nahe und so oft als möglich zu sehen, bestellte er bei dem Vater ein Gemälde nach dem andern, und brachte, unter dem Vorwande den Künstler arbeiten zu sehen, einen grossen teil des Tages in seinem haus zu. Die Folge davon war, dass seine Phantasie für die Tochter nach und nach erkaltete, hingegen eine leidenschaftliche Liebe für die Kunst des Vaters in ihm erwachte, für welche er, wie sich in kurzem zeigte, eine entschiedene Anlage hat. Da er reich genug ist bloss zu seinem und seiner Freunde Vergnügen zu arbeiten, wird er die Malerei, wiewohl sie seitdem seine hauptsächlichste Beschäftigung war, schwerlich jemals als Profession treiben. Nichtsdestoweniger verspreche ich mir von ihm, dass er mit der vorzüglichen Geistesbildung und dem Dichtertalent, die ihm dabei zu Statten kommen, ungleich mehr leisten wird, als man gewöhnlich von einem blossen Liebhaber erwartet. Kurz, ich habe mir in den Kopf gesetzt, es fehle ihm, um noch weiter als sein Lehrer selbst zu kommen, weiter nichts, als die schöne Lais zu sehen, und von ihr aufgemuntert zu werden. Ich habe also nicht von ihm abgelassen, bis ich ihn schon in voraus so verliebt in dich gemacht habe, dass er vor Ungeduld brennt, sich mit seinen eignen Künstleraugen zu überzeugen, ob du noch schöner und reizender bist, als die idee, die er sich von dir gemacht, und in einem Bilde der Hebe, die dem neu vergötterten Herakles die erste Nektarschale reicht, in der Tat meisterhaft ausgeführt hat. Wir wollen sehen!
50.
An Hippias.
Ich bin wieder