auf das, was ihr Tyrannie nennt? Wahrlich unter dem Tyrannen Dionysius hätte Sokrates so lange leben mögen als Nestor; alle Gerber, Rhetoren und Versemacher von ganz Sicilien sollten ihm kein Haar gekrümmt haben! – Im grund dauern mich deine Atener. Was können sie dafür, dass die Regiersucht solcher ehrgeizigen Aristokraten und Demagogen wie Klistenes und Perikles ihnen in ihre schwindlichten Köpfe gesetzt hat, ein Wurstmacher, Kleiderwalker oder Lampenhändler verstehe sich so gut aufs Regieren und Urteil sprechen, als einer der dazu erzogen worden ist? Der Tag, da Aten von der edlen und weislich abgewogenen Solonischen Aristodemokratie zu einer reinen Ochlokratie herabgewürdigt wurde, war der unseligste von allen, die ihr seit Cekrops und Teseus mit schwarzer Kreide bezeichnet habt. Alles Elend, das in den letzten dreissig Jahren über eure Stadt gekommen ist, alles Unheil das ihr über Griechenland gebracht habt, alle die Schandmale, die ihr, durch so viele Handlungen des gefühllosesten Undanks gegen eure verdienstvollesten Bürger, eurem Namen auf ewig eingebrannt habt, schreiben sich von diesem Tage her. – Wie? Die dreissig Tyrannen selbst, denen euch Lysander preisgab, die gewalttätigsten und verruchtesten aller Menschen, wagten es nicht sich an Sokrates zu vergreifen, als er ihnen mit spottender Verachtung die derbsten Wahrheiten ins Gesicht sagte: und eure Heliasten, Leute, die für drei Obolen des tages, je nachdem sie einem wohl oder übel wollen, Recht oder Unrecht sprechen, verurteilen ihn zum tod, weil er sie nicht um eine gnädige Strafe bitten will; verurteilen ihn bloss, um ihm zu zeigen dass sein Leben von ihrer Willkür abhange? Die Elenden! – Aber noch einmal, nicht sie, sondern die Urheber einer Verfassung, welche die Macht über Leben und Tod in die hände solcher Wichte legt, sind verwünschenswert.
Doch wozu dieser Eifer? Und was berechtigt mich, meine Galle über dich, der an diesem Gräuel unschuldig ist, auszugiessen? Verzeih', Eurybates! Ich fühle dass es mich noch viel Arbeit an mir selbst kosten wird, bis ich es so weit gebracht habe, alles an den Menschen natürlich zu finden, was sie zu tun fähig sind, und mich mit einer solchen natur zu vertragen. Ich schmeichelte mir sonst es schon ziemlich weit in diesem eben so schweren als unentbehrlichen Teile der Lebenskunst gebracht zu haben; – zu früh, wie ich sehe: aber freilich auf ein solches Ungeheuer der schandbarsten Narrheit und Verkehrteit, wie dieser justizmässige Sokratesmord, war ich nicht gefasst.
In drei Tagen schiffe ich mich nach Aegina ein, und gedenke von dort aus eine Reise nach den vornehmsten Städten Ioniens zu unternehmen, und mich in jeder so lange aufzuhalten, als ich etwas zu sehen, zu hören und zu lernen finde, das in meinen Plan taugt. Aten wieder zu sehen, bin ich noch unfähig; der Anblick eines Heliasten würde mich wahnsinnig machen.
Lebe wohl, Eurybates, und stelle, wenn du kannst, die zeiten wieder her, da die Minervenstadt noch von lebenslänglichen Archonten regiert wurde. Eure Triobolenzünftler136 haben mich mit der Aristokratie auf immer ausgesöhnt. Es ist zwar, im Durchschnitt genommen, nicht viel Gutes von euch zu rühmen, ihr andern Eupatriden: aber das bleibt doch wahr, dass der Schlechteste von euch nicht fähig gewesen wäre, weder Ankläger eines Sokrates zu sein, noch ihm Schierlingssaft zu trinken zu geben.
49.
An Lais.
Um uns die gezwungene Unterwerfung unter das eiserne Gesetz der notwendigkeit erträglicher zu machen, gibt es wohl kein besseres Mittel, liebe Laiska, als uns des grossen Vorrechts zu bedienen, womit die natur den Menschen vor allen andern lebenden Wesen begabt hat, "dass es in seiner Macht steht, bloss durch eine willkührliche Anwendung seiner Denkkraft, wo nicht allen, doch gewiss dem grössten teil der Uebel, die ihm zustossen, den Stachel zu benehmen, indem er sie aus dem düstern Licht, worin sie ihm erscheinen, in ein freundlicheres versetzt, und sie so lange auf alle möglichen Seiten wendet, bis er eine findet, die ihm einen tröstlichen Anblick gewährt." An diese sollten wir uns dann, wenn wir weise wären, festalten, ohne spitzfindig nachzugrübeln, wie viel davon etwa bloss Täuschung sein möchte. Warum wollten wir die Schale mit Nepentes137, die uns eine mitleidige Gotteit reicht, ausschlagen, um uns vorsetzlich dem Gram einer einseitigen Vorstellung zu überlassen, der, wie der Geier des Prometeus an unserm Leben nagt, ohne dass irgend etwas Gutes für uns oder Andere daraus entspringen kann? Was wir selbst, was alle bessern Menschen, was die Welt überhaupt durch den Tod unsers unersetzlichen Freundes verloren hat, kann uns durch unsern Unmut nicht wiedergegeben werden. Reissen wir uns mit unsern Gedanken von allen eigennützigen Gefühlen los, und erwägen dafür, was er selbst, der Geliebte, dessen Verlust wir beklagen, verloren oder gewonnen haben mag! – War es nicht eher ein Gut als ein Uebel für ihn, die Zeit der immer fühlbarer werdenden Abnahme, die Zeit nicht zu erleben, wo der Mensch in seinen eigenen und andrer Augen nur noch als eine zusehends in Trümmer zerfallende Ruine dessen, was er war, erscheint? "Er hätte, sagen wir, noch lange, vielleicht noch zehn Jahre leidlich leben können." – O ja, und dann vielleicht noch andere zehn Jahre unter allen Entbehrungen und Beschwerden des höchsten Greisenalters, wie eine allmählich sterbende Pflanze, hingeschmachtet! der Welt unnütz, sich selbst und seinen Freunden lästig, ein trauriger Gegenstand