keinen weisern Mann als Sokrates. Er hat Eigenheiten, die man ihm lassen muss, und die, weil sie ihm wohl anstehen, darum nicht einen jeden kleiden würden: aber wenige Menschen sind so gut, dass sie nicht noch besser werden könnten, wofern sie ihn immer und in allen Verhältnissen und Vorfällen des Lebens zum Muster nähmen."
Da ich von Antistenes vernahm, dass er geraden Weges nach Aten zurückzukehren gedenke, bat ich ihn um erlaubnis ihn begleiten zu dürfen, und äusserte den Wunsch, dass er mich bei Sokrates einführen möchte. "Ein guter Reisegefährte ist der halbe Weg, sagte er: ich nehme dein Anerbieten willig an; aber bei Sokrates bedarfst du keines Einführers. Er liebt junge Leute deiner Art, und du wirst den alten Glatzkopf gewöhnlich von einigen unsrer schönsten Jünglinge umgeben finden. Seine Absicht ist ihm mit Xenophon, Kritobulus34, Plato und einigen andern so gut gelungen, dass ein Alcibiades und Kritias35, die ihm verunglückten, ihn nicht abschrecken konnten, es immer wieder mit andern zu versuchen. Ein Jüngling guter Art bedarf bei ihm weder einer Empfehlung noch einer besonderen Aufmerksamkeit sich ihm angenehm zu machen; es wird also bloss auf dich selbst ankommen, wie viel oder wenig du dir seinen Umgang zu Nutze machen willst. Die Sonne strahlt gleich warm auf ein Stück Gold und auf ein Stück Blei; nur fasst das eine mehr Wärme, und behält sie länger als das andere."
Wir werden unsre Reise über Orchomenos, Korint, Megara und Eleusis machen; weil Antistenes zu seinem ehrwürdigen alten Freund zurückeilt, welchen er in der trübseligen und verzweifelten Lage, worin seine Vaterstadt sich seit einiger Zeit befindet, nicht länger verlassen will. Denn es sind schon mehr als acht Monate verstrichen, seit er von Aten abgegangen ist, um die Angelegenheiten eines zu Megalopolis verstorbenen Anverwandten zum Besten seiner Hinterlassenen in Ordnung zu bringen.
Die Nachrichten von den abwechselnden Erfolgen der seit einigen Jahren zwischen den beiden Hauptstädten Griechenlands wieder ausgebrochnen Befehdungen kommen gewöhnlich so spät zu euch, dass du vielleicht erst aus diesem Briefe (dessen Abgang noch sehr ungewiss ist) erfährst, dass der Spartanische Feldherr Lysander, nach einem bei Aigos Potamos am Eingang des Hellesponts erhaltnen entscheidenden Sieg, die stolze Minervenstadt selbst eingeschlossen, und durch Hunger und Verzweiflung endlich gezwungen hat, sich auf Bedingungen, denen ihre Väter den Tod in jeder Gestalt vorgezogen haben würden, von dem schrecklichen Schicksal, welches sie vor elf Jahren über die unglücklichen Melier36 verhängt hatten, loszukaufen. Die übermütige Beherrscherin der Meere ist nun auf zwölf Schiffe, die ihr noch erlaubt sind, herabgebracht; die Stadt und die Vorstadt Piräum mit ihrem Hafen sind des herrlichsten Denkmals der Siege des grossen Temistokles, ihrer prächtigen Mauern beraubt, die Spartaner haben eine Besatzung in der Akropolis37; und eine von Lysandern beschützte, neuerrichtete Regierung von dreissig unter seinen Winken willkürlich herrschenden Gewaltabern macht das Elend der beklagenswürdigen, ihre eigene Torheit zu teuer büssenden Atener vollständig. Diess sind die neuesten Nachrichten, die uns aus jenen Gegenden zugekommen sind. Was sagst du, Demokles, zu einer so unerwarteten Katastrophe? – Du wirst mich vielleicht unklug und verwegen nennen, dass ich mich gerade in einem so verwirrten und gefährlichen Zeitpunkt nach Aten wage. Aber ich kann dem Verlangen nicht länger Einhalt tun, diesen Sokrates, von dem ich schon in Cyrene so viel Wunderbares hörte, und jetzt von Leuten, die ihn sehr gut zu kennen glauben, oder vorgeben, die seltsamsten und widersprechendsten Dinge höre, durch mich selbst kennen zu lernen. Auf alle Fälle sind meine Einrichtungen so getroffen, dass ich mich vielmehr in den Credit eines vorsichtigen und besonnenen Mannes bei dir zu setzen hoffe. Ich habe meine Cyrenische Kleidung bereits mit einem äusserst einfachen Costume im Geschmack meines neuen Freundes Antistenes vertauscht; meine Baarschaft bleibt in Korint niedergelegt, und ich werde nur gerade so viel Geld nach Aten tragen, als ein Mensch, der täglich drei bis vier Obolen zu verzehren hat, in sechs Monaten nötig haben mag. Du solltest mich wirklich in meinem neuen Sokratischen Schülermantel sehen! Er ist zwar etwas grob von Wolle, und reicht nicht sehr weit unter die Knie; aber Antistenes versichert mich, dass er mir trefflich stehe. In diesem Aufzuge werde ich wahrscheinlich zu Aten nicht so viel Eindruck machen, dass die Dreissig sich viel um mich bekümmern werden.
5.
An Kleonidas.
Wie sehenswürdig auch die weltberühmten Olympischen Spiele sind, so zweifle ich doch nicht, dass die Einbildungskraft eines Dichters mit blosser hülfe des Hippodroms38 und der Gymnasien39 und Fechtschulen in Cyrene sich eine noch grössere und den alten Heldenzeiten angemess'nere Vorstellung von ihnen machen könnte als diejenige ist, die wir andern gewöhnlichen Menschen mittelst unsrer Leibesaugen erhalten haben. Aber den Jupiter des Phidias muss man sehen, Freund Kleonidas, wenn man sich einen Begriff von ihm machen will. Also komm und sieh, und bete an.
Nach diesem Eingang erwartest du, natürlicher Weise, keine Beschreibung40 von mir, die am Ende doch nur auf ein Verzeichniss der unzähligen einzelnen Stücke und Teile hinauslaufen würde, aus welchen dieses über allen Ausdruck grosse und reiche Kunstwerk, dem kein anderes in der Welt vergleichbar ist, mit hohem Sinne zusammengesetzt, wie eine himmlische Erscheinung vor unsern Augen da steht. Jeder dieser Teile ist, für sich selbst betrachtet, schön, gross gedacht, mit reiner sicherer Bestimmteit der Verhältnisse und Formen ausgeführt, und so zierlich vollendet, dass dem Liebhaber der Kunst nichts zu wünschen, dem Kenner wenig oder