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zu bewegen, dass er sich von ihm befreien und ausser Landes in Sicherheit bringen lassen möchte. Aber Sokrates sei unerschütterlich auf seinem Vorsatz beharret sich dem Urteil seiner gesetzmässigen Richter nicht zu entziehen. "Ich bleibe," habe er gesagt, "um den Gesetzen meines Vaterlandes, denen ich Gehorsam schuldig bin, genug zu tun; so sterbe ich schuldlos, wie ich gelebt habe; durch die Flucht würde ich den Tod verdienen, den ich jetzt unschuldig leide."

Ich muss aufhören, Aristippbleibe immerhin wo du bist; wenn du auch herüber fliegen könntest, was würde' es helfen? Ich danke den Göttern, dass sie dir den Schmerz, ein Zeuge seines Todes zu sein, erspart haben. – Und dochwenn's möglich ist, so komm'! komm' je eher je lieber! Du kannst zwar deinem alten Freunde nichts helfen; aber ich bedarf deiner. Du allein kannst die schwarzen Wolken zerstreuen, die mein Gemüt verdüstern und zusammendrücken.

47.

Eurybates an Aristipp.

Lais hat dich vorbereitet, Freund Aristipp; aber dir das Aergste zu melden, versagt ihr der Mut. Sokratesist nicht mehr!

Ein unglücklicher Augenblick, eine Art von Missverständniss, unzeitiger Stolz von Seiten der Richter, und wenn ich's sagen darfein wenig Eigensinn auf Seiten des noch stolzer zu sein freilich nur zu wohl berechtigten Sokrates, ist Schuld an einer Uebereilung, welche die Atener sich selbst nie verzeihen werden. Du weisst wie sie sind. Es ist nun einmal von jeher Sitte bei uns gewesen, dass ein Beklagter, wär' er noch so unschuldig, mehr die Humanität seiner Richter als ihre Gerechtigkeit auf seine Seite zu bringen suchen muss. Man versichert mich heilig, das Gericht sei in keiner ihm ungünstigen Stimmung gewesen. Aber seine ihm zur andern natur gewordene Ironie, eine Kaltblütigkeit, die ihm für Trotz ausgelegt wurde, die tumultuarische Art, wie es bei der ganzen Verhandlung zuging, und woran zum teil die Hitze und der unbesonnene Eifer seiner jungen Freunde selbst Schuld war, das alles stimmte die Richter um; und so konnten sie es nicht ertragen, dass er, anstatt (wie gewöhnlich) um Milderung der Strafe anzusuchen, mit einer Mienedie man freilich, seitdem Aten steht, noch nie im Gesicht eines auf den Tod Angeklagten gesehen hatsagte: die Strafe, die er verdient habe, sei ein lebenslänglicher Freitisch im Prytaneion.

Das Geschehene ist nun nicht mehr zu ändern. – Der Name Sokrates wird mit ewigem Ruhm auf die Nachwelt kommen; alle seine kleinen Menschlichkeiten werden vergessen sein, und nur die Sage, dass er der weiseste aller Menschen gewesen, wird von einem Jahrhundert dem andern übergeben werden: uns Atener hingegen wird ewig die Schande drücken, einen solchen Mitbürger verkannt zu haben. Wohl dem, der nicht unter seinen Richtern sass!

Die dreissig Tage, die er nach seiner Verurteilung im gefängnis zubrachte, sollen die schönsten seines ganzen Lebens gewesen sein. Weinend sprechen seine Freunde mit Entzücken davon. Er weigerte sich aus den edelsten Beweggründen, sich aus dem gefängnis entführen und in Sicherheit bringen zu lassen, wozu Kriton alles schon veranstaltet hatte. Wenige Stunden vor seinem tod unterhielt er sich mit seinen Freunden über die Unsterblichkeit der Seele, und tröstete sich durch die Zuversicht, womit er ihnen von seiner Hoffnung in ein besseres Leben hinüber zu gehen, als von einer gewissen Sache, sprach. Der junge Plato will, wie ich höre, alle diese gesprächevermutlich in seiner eignen Manier, wovon er bereits Proben gegeben hat, mit welchen Sokrates nicht sonderlich zufrieden sein sollaufschreiben und bekannt machen. Ich wünsche dass er so wenig von dem seinigen hinzutun möge, als einem jungen mann von seinem seltnen Genie nur immer zuzumuten ist; aber er hat eine zu warme Einbildungskraft und zu viel Neigung zur dialektischen Spinneweberei, um den schlichten Sokrates unverschönert, und, wenn ich so sagen darf, in seiner ganzen Silenenhaftigkeit, darzustellen, die wir alle an ihm gekannt haben, und die mit seiner Weisheit so sonderbar zusammengewachsen war.

Der arme Kleombrot ist untröstbar. Schon vorher musste ich alles anwenden was ich über ihn vermag, ihn abzuhalten, dass er nicht nach Aten zurückstürmte, um (wie er sagte) seinen geliebten Meister entweder zu retten, oder mit ihm zu sterben. Das erste stand nicht in seiner Macht; hingegen hätt' er sich leicht schlimme Händel zuziehen können, da unser Volk (wie dir bekannt ist) nicht leiden kann, dass Ausländer sich in unsre Sachen mischen. Nun kriecht er aus einem Winkel in den andern, und macht sich selbst Vorwürfe, dass er seinen Lehrer zu einer solchen Zeit verlassen habe; als ob jemand sich so etwas hätte träumen lassen können, da wir nach Aegina gingen. Kurz, er ist in einem erbärmlichen Zustande. Die kleine Musarion, die ihn zerstreuen sollte, sitzt den ganzen Tag Hand in Hand neben ihm und hilft ihm weinen. Lais selbst ist noch zu sehr erschüttert als dass sie andere trösten könnte. Alle unsre Hoffnung, ihn wieder zurechtzubringen, beruht also auf dir, lieber Aristipp. Deine sämmtlichen Freunde in Aegina sehen dir mit sehnsucht entgegen.

48.

An Eurybates.135

Das sind nun eure so hochgepries'nen Freistaaten, Eurybates! So geht es in euern Demokratien zu! Bei allen Göttern der Rache! eine solche Abscheulichkeit war nur in einer Ochlokratie wie die eurige möglich! Ihr schimpft