keinen Ersatz von dir zu fordern, oder, wie der gute Kleombrot, sich am geistigen Ambrosia deines blossen Anschauens genügen liesse; wiewohl zu befürchten ist, dass so materielle Wesen, wie die Atenischen und Korintischen Eupatriden, es bei einer so leichten erotischen Diät schwerlich lange aushalten möchten.
Du wirst von Learch vernommen haben, dass ich nicht so glücklich war, den Aritades noch am Leben anzutreffen. Ich habe einen sehr gütigen Vater, Cyrene einen ihrer besten Bürger an ihm verloren. Seine Jugend fiel in eine Zeit, wo die Lebensart bei uns viel einfacher, die Sitten reiner, die Verhältnisse unter Verwandten, Nachbarn und Mitbürgern enger und herzlicher waren als heutzutage. Aritades blieb dem Genius seiner bessern Zeit getreu, ohne von der jetzigen Generation zu verlangen, dass sie vorsetzlich wieder so weit zurückschreite, als sie in allem unvermerkt vorwärts gerückt ist. Wahrscheinlich hat der traurige Ausgang unsrer letzten Revolution den Faden seines Lebens früher abgerissen als die natur es wollte. Das Vordringen des republikanischen Kriegsheers in den letzten Tagen Aristons nötigte ihn, sich in die Stadt zu flüchten und seine Güter der Verheerung Preis zu geben. Natürlicherweise treffen die Folgen dieses Unfalls auch mich. Ich werde nicht reich genug zurückkommen, um meine gewohnte Lebensart in die Länge fortsetzen zu können; und ich sehe eine Zeit voraus, wo ich mich vielleicht werde entschliessen müssen, entweder bei der Philosophie des Sokrates zu hungern, oder meine von Hippias gelernten Künste wuchern zu lassen. – Doch, diese Zeit ist noch fern genug, und im nächsten Jahrzehnt wenigstens soll es mir nicht an Mitteln fehlen, den Lebensplan, den ich mir für diese Periode gemacht habe, vollständig und gemächlich auszuführen. Sei also von dieser Seite unbesorgt für mich, meine Liebe; ich werde in zehn Jahren so viel Vorrat für die Zukunft gesammelt und so grosse Fortschritte in der Kunst zu leben gemacht haben, dass ich mit beiden auszulangen hoffe, wenn ich auch so alt wie Titon würde.
Mein Bruder ist zu tief in die Geschäfte seiner einzigen Liebschaft, unsrer aus dem politischen Medeenkessel132 neuverjüngt herausgestiegenen Republik verwickelt, als dass ihm Musse zu seinen Privatangelegenheiten übrig bliebe. Aber Eros und Aphrodite verhüten, dass ich hier so lange ausharre, bis unsre Erbschaftssache bei Drachmen und Obolen ausgeglichen ist! Ich gedenke mich mit irgend einer mässigen Summe abfinden zu lassen, um desto eher in Aegina anzukommen, wo ich meinen edlen Freund Eurybates (unter uns gesagt) lieber zu deinen schönen Füssen als in deinen Armen überraschen möchte.
46.
Lais an Aristipp.
Es ist vielleicht glücklich für dich, lieber Aristipp, dass du länger in Cyrene aufgehalten wirst als du hofftest; denn die Sachen in der Minervenstadt haben indess eine Wendung genommen, die sich niemand einbilden konnte. O die Atener, die Atener! Wie verhasst ist mir jetzt dieser Name! Ich verbiete allen, die um mich sind, ihn auszusprechen, und er soll in den nächsten fünf Jahren nicht über meine Lippen kommen. Kannst du glauben dass die Elenden unmenschlich genug sein konnten? – die Hand versagt mir fortzufahren – O dass ich nicht Circe, nicht Medea, nicht der Erinnyen eine bin! – Und wenn ich dir erst sage, warum sie ihn verurteilt haben, und wie wild es dabei zugegangen ist! – Sokrates hielt es (mit Recht) seiner unwürdig, sich auf die boshaft alberne Anklage in eine Verteidigung in gewöhnlicher Form einzulassen, gab auch nicht zu, dass einer von seinen Freunden für ihn aufträte. In der Tat (nach dem, was man mir davon erzählt hat, zu urteilen), ist nie etwas Jämmerlicheres gehört worden, als die Beweise, womit der Schwätzer Melitus seine Anklage gut zu machen suchte. Sokrates hörte ihm lachend zu, und fand, sie bedürften keiner Widerlegung, da er sich auf die eigene überzeugung der Richter berufen könne. "Mein ganzes Leben," sagte er, "ist die vollständigste Antwort auf die Beschuldigungen meiner Ankläger." – Die ehrsamen Heliasten fanden sich durch die Kürze dieser Apologie beleidigt. Welcher Trotz, sagten sie unter einander, welcher Uebermut! das ist nicht zu dulden, das muss bestraft werden, wenn er auch sonst nichts verbrochen hat. Sie schritten zum Urteil, und der Beklagte wurde mit 281 Steinen von 500 für schuldig erklärt. Weil es indessen doch ihre Meinung war, ihn, wenn er um Milderung der Strafe bäte, mit einer Geldbusse davon kommen zu lassen, so fragte man ihn, was er für eine Strafe verdient zu haben glaube? "Lebenslänglich im Prytaneum unterhalten zu werden,133" war seine Antwort. Diess brachte die Richter dermassen auf, dass sie unter grossem Lärm zu einer nochmaligen Stimmgebung schritten, wo sich dann ergab, dass er mit 360 Steinen zum tod verurteilt war. Dabei blieb es, und er wurde sofort in das öffentliche gefängnis abgeführt. Der Tag seines Todes ist, einer alten Gewohnheit zufolge, auf die Wiederkunft des heiligen Schiffes ausgesetzt, welches alle Jahre mit den Abgeordneten der Republik zum Andenken der berühmtesten Heldentat des Teseus nach Delos134 geschickt wird. Seine Freunde haben indess die Freiheit ihn täglich zu besuchen, und er unterhält sich mit ihnen, auf seine gewohnte Art, so unbefangen und heiter, als ob das was ihm bevorsteht nur eine kleine Reise nach Aegina wäre.
Alle diese Umstände habe ich von sehr guter Hand, und auch diesen, dass sein vertrautester alter Freund Kriton (der sehr reich sein soll) alles Mögliche angewandt habe, ihn