ich die Grossmut zu treiben fähig wäre, wenn ich nicht – rate selbst wen? – in wenig Wochen zu Aegina erwartete, dessen gute Meinung von mir ich nicht gern verscherzen möchte, und der eine so heroische Aufopferung meiner selbst – bloss um einen Abkömmling des Kodrus im Besitz seines schönen Landguts zu erhalten – vielleicht nicht verdienstlich genug finden dürfte, sie für ein würdiges Gegenstück der peinlichen Tugendübungen anzusehen, die er sich selbst ganzer drei Monate lang zu Syrakus auferlegt haben soll.
Ohne Scherz, lieber Aristipp, auch deine Freundin, sich schmeichelnd dass sie immer noch die einzige ist, sehnt sich dich bald wieder zu sehen; und wenn sie dir gleich eine Treue, die ihr nichts kostet, nicht hoch anzurechnen gedenkt, so gesteht sie doch, dass sie dir's schwerlich verzeihen könnte, wenn du deine philosophischen Kampfübungen auf ihre Rechnung länger fortsetzen, und anstatt zu den Nachtigallen in Aegina zurückzueilen, etwa noch eine kleine Reise zu den unbescholtnen Aetiopiern123 machen wolltest. Ich habe dir eine Neuigkeit mitzuteilen, die nicht sehr geschickt ist, deine Meinung von den Atenern zu verbessern. Sokrates, unter allen beschuhten und unbeschuhten Achaiern unstreitig der beste, soll (wie die Rede geht) von drei redseligen Buben, dem Gerber und Volksredner Anytus, dem Rhetor Lykon, und einem gewissen Dichterling, wenn ich nicht irre Melitus genannt, angeklagt worden sein, "dass er neue Götter in Aten einführen wolle, und die jungen Leute verderbe!" Jedermann findet diese Anklage124 gar zu ungereimt, und ich habe noch niemand gesehen, der ernstaft davon hätte sprechen können, oder im geringsten für unsern alten Freund in Sorgen stände, wiewohl der Kläger auf keine geringere als die Todesstrafe anträgt. Ungeachtet ich die Sache eben so ansehe, so gestehe ich doch, ich traue den Atenern nur halb, und verlasse mich mehr auf die Anzahl und den Eifer seiner Freunde, als auf die Güte seiner Sache und die Gerechtigkeit der Heliasten oder Areopagiten.125 Hoffentlich wird der Sturm schon glücklich vorüber sein, ehe du dich von Cyrene losmachen kannst. Denn so eben versichert mich einer meiner Atenischen Bekannten, der die Stadt erst diesen Morgen verlassen hat, der berühmte Lysias126 arbeite an einer ganz vortrefflichen Schutzrede für unsern ehrwürdigen Freund, und die allgemeine Stimmung sei dem Beklagten so günstig, dass es ihm nur ein gutes Wort an seine Richter kosten werde, um lauter weisse Steine zu erhalten. In der Tat sind seine Ankläger so gar schlechte Menschen, und die Klagpunkte passen so übel auf Sokrates, dass Aristophanes selbst, wie ich höre, sich darüber ärgert, dass solche verächtliche Sykophanten aus seinem schon vier und zwanzigjährigen Spass Ernst machen wollen, und sich schlechterdings weigert, an ihrer Verschwörung teil zu nehmen. Du kannst also, denke ich, deines alten Chirons127 wegen ausser aller sorge sein.
45.
An Lais.
Deine Briefe müssen einen sehr betriebsamen Genius haben, schöne Lais; denn der Schiffer, der mir so eben den letzten überbringt, versichert mir, dass er die Reise von Aegina nach Cyrene, die er seit vielen Jahren zwei bis dreimal jährlich mache, in seinem Leben nie in so kurzer Zeit und mit so günstigen Winden gemacht habe, als diessmal.
Deine Neuigkeit hat mich befremdet, aber nicht im geringsten beunruhigt. Eine so boshafte Anklage, von so namenlosen Menschen wie diese, kann einem Sokrates nicht gefährlich sein, oder die Kechenäer müssten von aller Scham und Vernunft gänzlich verlassen werden. Ich kenne von den Anklägern nur einen persönlich, den Lederhändler Anytus, einen würdigen Nachfolger des berüchtigten Kleons128, nur dass er sich gegen diesen ungefähr verhält wie ein Schafsfell zu einer Hirschhaut; ob er sich's gleich ein paar hundert tüchtige Bocksfelle kosten liess, um es in der edlen Kunst, dem übelhörenden halbkindischen alten Demos129 im Pnyx130 die Ohren voll zu schreien, so weit zu bringen, dass er sich unter den dermaligen Volksrednern so gut als ein Anderer hören lassen darf. Lykon ist ein verdorbner Schulhalter in der Rhetorik, und ich entsinne mich nicht, den Namen des Dichterlings Melitus je gehört zu haben. Was für Leute, um gegen einen Mann wie Sokrates aufzustehen! und wie fände nur ein Schatten von Wahrscheinlichkeit statt, dass die Atener den biedersten und tugendhaftesten aller ihrer Mitbürger, einen Mann dessen Name im ganzen Griechenland in Ehren gehalten wird, die Profession eines freiwilligen unbezahlten volkes- und Jugend-Lehrers dreissig Jahre lang ungestört hätten treiben lassen, um ihn erst in seinem siebzigsten desswegen zur Rede zu stellen, und solcher albernen Beschuldigungen wegen aus der Stadt zu verweisen, oder gar zum tod zu verurteilen? Wie du sagst, wir haben nichts für ihn zu fürchten; die ganze Komödie wird sich, so gut als ehemals die Wolken des Aristophanes, auf eine ehrenvolle Art für ihn und auf eine so schmähliche für die drei Sykophanten endigen, dass sie uns hinter drein Stoff genug zum lachen geben soll.
Wir haben, meines Wissens, keine Nachtigallen in Cyrene. Ich werde mich also, sobald ich hier loskommen kann, auf den Weg machen, um die deinigen noch singen zu hören bevor ihre Zeit vorüber ist. An Sirenen fehlt es auch bei uns nicht; aber ich kenne keine schlimmere als die schlaue Lysandra, von welcher du den armen Eurybates zu erlösen gesonnen scheinst. In der Tat wär' es eine verdienstliche Tat, und, um eine der schönsten Historien daraus zu machen, brauchte es nichts, als dass der edle Kodride131 grossmütig genug wäre,