ist, wie viel habe ich nicht dem Angedenken jenes flüchtigen Wonnetraums zu danken! Glaube mir, diese ganze Zeit, da ich wieder von dir getrennt bin – ich erröte dir zu gestehen, wie viel Jahre sie mir schon währt – war ein einziger unaufhörlicher Kampf meines Willens mich von dir zu entfernen, mit dem unwiderstehlichsten Drang zu dir zurück zu fliegen. Bis hierher habe ich obgesiegt; und fortkämpfen werde' ich ihn – diesen peinlichern Kampf als die schwersten, wodurch man die Olympischen und Istmischen Kronen erringt – und meinen Mut mit der Hoffnung stärken, dass du (wie bald oder wie spät mögen die Götter wissen!) den Sieger mit dem süssesten Kusse, den deine Nektarlippen je geküsst haben, belohnen werdest. – Lache nicht über eine so seltsame Tugendübung! Du würdest dich, wenn du ihrer spotten könntest, an dir selbst, an mir und an der Tugend gleich stark versündigen. Wirklich und in ganzem Ernst, ich zweifle sehr ob jemals eine grössere Tat als die meinige getan worden ist, und es gibt Augenblicke, wo ich mit dem stolzesten Selbstgefühl auf alle zwölf arbeiten des Tebanischen Hercules herabsehe. Denke ja nicht, Liebe, dass eine solche Selbstpeinigung nichts Verdienstliches habe, weil sie keinem Menschen in der Welt zu etwas nütze, und am Ende nichts als grillenhafter Eigensinn sei. Eben darin liegt das Verdienstliche, dass ich – bloss um mich selbst, auf künftige Fälle, die vielleicht nie kommen werden, in Bezwingung meiner Begierden zu üben – den stärksten Reizungen widerstehe, die vielleicht jemals einem Sterblichen zugesetzt haben. Bin ich tapfer genug in diesem Kampfe immer Sieger zu bleiben, welche Gefahr wird mir in meinem ganzen Leben furchtbar sein? bei welchen Sirenenfelsen werde' ich nicht mit unverstopften Ohren vorbei segeln können? Wahrlich, Laiska, ich hätte jetzt schon Ursache mich für keinen kleinen Helden auszugeben, wenn ich nicht zu ehrlich wäre, dich und mich selbst belügen zu wollen. Aber ich kann und will dir nicht verhalten, dass es Stunden gibt, wo ich den Sieg nicht mir selbst zu verdanken habe; Stunden, wo meine mit jedem Augenblick abnehmende Kraft dem mächtigen Iynx, der mich zu dir zieht, nur noch matten Widerstand tut, kurz, wo ich im Begriff bin nach dem Hafen zu rennen, die erste beste Jacht zu mieten und mit vollen Segeln nach Korint zurück zu eilen; – was vielleicht in einem dieser unglücklichen Augenblicke bereits geschehen wäre, wenn nicht die gerechte Furcht, dass du mich, wenn ich so unerwartet vor dir erschiene, als einen Feigherzigen, der ohne Schild aus der Schlacht zurückkommt, auf der Stelle wieder zurückschicken würdest, mehr über mich vermöchte als der erhabene Beweggrund, mir selbst zu beweisen, dass ich – wollen kann was ich will. Denn darauf läuft doch am Ende die ganze Herrlichkeit hinaus.
Die neuesten Nachrichten, die ich aus Cyrene erhalte, sind nicht sehr geschickt, mir das Herbe meiner Tugendübungen zu versüssen. Ariston ist (wie leicht vorherzusehen war) wieder gestürzt; die öffentlichen Angelegenheiten, in welche unsre Familie, edle Anaximandra, ziemlich verwickelt ist, sind noch immer in Verwirrung, und was mir näher andringt als das alles, mein alter Vater, der gütigste und gefälligste Vater, den ich mir jemals wünschen konnte, scheint am Ziel seiner Tage zu sein. Dieser Umstand nötigt mich meinen Reiseplan zu ändern; anstatt die Städte der südlichen Küste von Italien zu besuchen, kehre ich morgen mit einem für Hadrumetum betrachteten Schiffe nach Libyen zurück. Sollte ich, wie ich fast besorgen muss, meinen Vater nicht mehr unter den Lebenden antreffen, so sehe ich nicht was mich in Cyrene aufhalten könnte. Denn meine eignen Angelegenheiten werden mit meinem Bruder, der ein eben so edelmütiger als kluger Geschäftsmann ist, bald abgetan sein, und von der Pflicht, mich in die öffentlichen zu mischen, dispensirt mich glücklicherweise meine Jugend. In diesem Falle würde ich vielleicht bald genug zurückkommen können, um dich noch zu Aegina anzutreffen. Indessen lebe wohl, meine Freundin, und erinnere dich meiner, so oft du den Grazien und deinem Genius, der auch der meinige ist, opferst.
42.
Aristipp an Learchus zu Korint.
Ein heftiger und anhaltender Sturm, der uns mehrere Tage im Hafen von Skandeia zurückhielt, hat mich um die beste Frucht meiner Reise gebracht. Ich bin zwar glücklich in Cyrene angelangt, aber den ehrwürdigen Aritades, den ich noch zu sehen hoffte – sah ich nicht mehr. Ich weiss, edler Learch, auch du wirst dem Andenken eines Freundes deines Hauses, den du vor dreissig Jahren bei deinem Vater gesehen zu haben dich vielleicht noch erinnerst, eine fromme Träne schenken. Er war ein guter Mann im edelsten Sinne dieser Benennung. Hätte Cyrene unter zehntausend Bürgern nur hundert seines gleichen gehabt, so würden die armen Leute jetzt nicht so viel Not und Mühe haben, all das Unheil wieder gut zu machen, das die Verkehrteit einiger wenigen, und die Torheit der Menge im Laufe des verfloss'nen Jahres über sie gebracht hat. Das grosse Interesse der öffentlich Angelegenheiten verschlingt in diesem Zeitpunkt jedes Privatgefühl. Vornehmlich beschäftigt die künftige Staatsverfassung alle Köpfe und Zungen; man hört in allen Gesellschaften und auf allen Versammlungsplätzen nichts anders; jedermann hat entweder einen Vorschlag zu tun, oder stellt Vermutungen über die neue Republik an, die in kurzem aus der Werkstatt der Zehnmänner hervorgehen soll, und bekrittelt sie in voraus, falls sie so oder so ausgefallen sein sollte. Dass ich