und wer den Zweck will, will die Mittel. In seiner Vorstellungsart konnten die Kämpfe mit den Aristokraten und Demagogen, wenn sie auch noch weit mehr Köpfe und Proscriptionen gekostet hätten als sie wirklich kosteten, kein Grund sein, der reizenden Basileia nicht nachzustreben. Aber daraus schliessen zu wollen, er müsse notwendig grausam, blutdürstig und der unmenschlichsten Gräuel fähig sein, wäre ein eben so falscher als unbilliger Schluss. Was er tat, war nicht mehr als wozu er teils durch den wütenden Widerstand der Gegenpartei gezwungen, teils durch ihre mehr als barbarische Misshandlung seiner Gemahlin121 auf eine Art gereizt wurde, die den sanftesten aller Menschen zum Wüterich gemacht hätte. Auch ist gewiss, dass seine Feinde das, was wirklich geschah, sehr übertrieben haben; und ich zweifle sehr, ob unter denen, die er auf seinem Wege zum Tron, weil sie sich selbst unter die Räder seines Wagens warfen, zertreten musste, oder den racheschreienden Manen einer geliebten Gattin opferte, nur ein einziger war, dessen Tod ein Verlust für den Staat gewesen ist.
Wie dem aber auch sein möchte, dass er, seitdem man ihn ruhiger regieren lässt, seinen höchsten Stolz darein setzt, zum Glück Siciliens zu regieren, beweisen alle seine Handlungen, und (wie ich neulich dem Syrakusaner sagte) wofern er in der Folge mehr in Hierons als in Gelons Fussstapfen treten sollte, so wird niemand Schuld daran sein als die Syrakusaner selbst. Diess, edler Learch, ist dermalen alles, was ich dir vom Dionysius zu sagen weiss, und ich setze nur hinzu, dass Hippias über diess alles mit mir gleicher Meinung ist.
Ob die Griechen des festen Landes Ursache haben, über die immer wachsende Macht dieses Fürsten eifersüchtig zu sein, zumal wenn es ihm (was vielleicht bei seiner Unternehmung gegen Cartago seine Hauptabsicht ist) gelingen sollte sich von ganz Sicilien Meister zu machen – überlasse ich deiner tiefer sehenden Staatsklugheit. Mir (wenn ich im Vorbeigehen meine unbedeutende Meinung sagen darf) scheint Korint bei seinen ehrgeizigen Planen am wenigsten gefährdet zu sein, aber wohl im Gegenteil sich, durch eine gelegenheitliche Verbindung mit ihm, eine kräftige Stütze gegen die Uebermacht und die Anmassungen der Atener und Spartaner verschaffen zu können. Uebrigens bedarf es bei dir wohl keiner Versicherung, dass ich nicht den geringsten Vorteil dabei suche noch finde, wenn ich den Syrakusischen Tyrannen aus der düstern, verzerrenden und grausenhaften Beleuchtung, in welche sein Charakter mit absichtlich bösem Willen von seinen Feinden gesetzt wird, in das reine, nichts verbergende noch verfälschende Sonnenlicht gestellt habe. Er bedarf meiner so wenig als ich seiner, und da ich im Begriff bin Sicilien wieder zu verlassen, was könnte mich bewegen, mich des Vorrechts eines Ausländers, unparteiisch zu sein, von freien Stücken zu begeben? Die neuesten Nachrichten, die mir aus Cyrene zugekommen sind, melden mir, dass Ariston den übel bedachten Versuch, den Dionysius nachzuahmen ohne ein Dionysius zu sein, bereits mit seinem Leben bezahlt hat. Noch ist die öffentliche Ruhe und Ordnung nicht wieder hergestellt; aber beide Parteien scheinen geneigt, sich auf billige Bedingungen zu vergleichen, und ich verspreche den angefangenen Unterhandlungen einen guten Erfolg, da mein Bruder Aristagoras und mein Freund Demokles an der Spitze der Parteien stehen. Was mich zur Rückkehr nötigt, ist daher nicht sowohl die Hoffnung, meinem vaterland bei dieser gelegenheit vielleicht einige Dienste tun zu können, als die Nachricht, dass mein Vater (ein alter Freund des deinigen) seinem Ziele nahe zu sein glaubt, und mich im Leben noch zu sehen verlangt. Ich beurlaube mich also hiermit von Griechenland und von dir, edler und gastfreundlicher Learch. Mein nächster Brief wird dir aus Cyrene zukommen; indessen gehabe dich wohl!
40.
Aristagoras an Aristipp.
Hoffentlich hat der weise Sokrates deine weltbürgerliche Philosophie von ihrem hohen Fluge der Erde wieder nahe genug gebracht, dass dir die Schicksale deines Vaterlandes nicht ganz gleichgültig sein werden. Es ist freilich nur ein Ameisenhaufen, wenn du willst; aber uns Ameisen ist unsere Erdscholle eine Welt. Ich berichte dir also, lieber Aristipp, dass Ariston, dem du dich durch deinen kleinen Brief schlecht empfohlen hattest, deine Weissagung bald genug erfüllt, und mich und meine Mitarbeiter von dem undankbaren Frohndienst, seine Torheiten, wo nicht immer zu vergüten, wenigstens zu verschleiern und den Uebermut seiner Günstlinge in Schranken zu halten, befreit hat. Selten ist ein Mensch von den zufälligen Umständen mehr begünstigt worden als Ariston; und wie wenig er auch des Diadems würdig war, hätte er nur so viel Tätigkeit und Gewalt über seine Leidenschaften besessen, als nötig war, die schwärmerische Zuneigung der untern Volksclassen eine Zeit lang zu rechtfertigen, so säss' er jetzt ruhig auf dem Fürstenstuhl der Battiaden; seine Feinde hätten den Mut verloren; der Bürgerkrieg wäre in der Geburt erstickt worden, und die üppigen, Ruhe und Vergnügen über alles liebenden Cyrener, durch seine Popularität, Prachtliebe und Freigebigkeit bestochen, hätten sich unvermerkt gewöhnt, seine Indolenz und Verdienstlosigkeit für Tugenden eines milden friedliebenden Fürsten anzusehen. Aber sein böser Dämon gewann gleich in den ersten Wochen seiner Regierung die Oberhand. Anstatt die Verwirrung und Schwäche seiner Feinde zu benutzen, und die Flüchtigen ohne Verzug bis in ihren letzten Schlupfwinkel zu verfolgen, überliess er sich seinen dir wohlbekannten Neigungen, ordnete Feste an, affectirte von dem Bürgerkriege als einer geendigten Sache zu reden, und teilte die eingezogenen Güter der Proscribirten unter seine Parasiten aus. Die Vorstellungen seiner getreuesten Räte wurden nicht gehört, und alles was ihm