Strom des allgemeinen Entusiasmus fortzutreiben, ihren Ingrimm hinter lächelnde Hofgesichter zu verstecken, und durch den tätigen Anteil, den sie an seinen Anstalten nehmen, ihren – Patriotism zu erproben.
Einem Staatsmann von deiner Einsicht, edler Learchus, habe ich durch diese blosse kunstlose Angabe dessen was ich hier täglich sehe, einen tiefern blick in den Charakter des merkwürdigen Mannes eröffnet, der jetzt an der Spitze der Sicilier steht und die Aufmerksamkeit aller Griechen erregt, als ich durch die mühsamste Aufzählung eines jeden einzelnen Zugs vielleicht bewirkt hätte. Dionysius versichert sich nicht allein durch alle diese Vorbereitungen des Sieges über den mächtigen Feind, den er zu bekämpfen haben wird; er versichert sich zugleich der Zuneigung des volkes, das ihn, anstatt wie andre Herrscher sich dem Müssiggang und den Wollüsten zu überlassen, mit grossen Planen zum allgemeinen Glück Siciliens beschäftigt sieht; er benimmt dadurch seinen Feinden den Mut etwas gegen ihn zu unternehmen, und legt einen so festen Grund zu einer lange dauernden Regierung, dass ich eine grosse Wette eingehen wollte, er wird, wo nicht immer eben so ruhig, doch gewiss eben so sicher auf seinem usurpierten Trone sitzen, als ob er kraft eines längst verjährten Erbrechts zum König geboren wäre.
Du kannst dir nun selbst vorstellen, Learchus, – du der den Geist des volkes, der sich allentalben gleich ist, kennt – wie stolz die grosse Mehrheit der Syrakusaner in diesem Augenblick auf ihren Fürsten sein muss; wie geschmeichelt sie sich durch den Anteil fühlen, den er sie, mit der schlauesten Popularität, an seiner Grösse nehmen lässt; und wie gewaltig sie der Anblick aller der Wunder verblendet, die sie täglich vor ihren Augen entstehen sehen, und die er freilich ohne alle Hexerei bloss dadurch bewirkt, dass er, mittelst kluger Anwendung der Kräfte und Schätze einer mächtigen Republik so viele Köpfe, arme und hände zu einem einzigen grossen Zweck in zusammenstimmende Tätigkeit zu setzen weiss. Kurz, Dionysius hat das wahre Mittel gefunden, die Syrakusaner (eine Zeit lang wenigstens) vergessen zu machen, dass er einst ihr Mitbürger war; er erscheint vor ihren Augen im vollen Glanz des Homerischen Agamemnons, den Göttern gleich und der herrschaft würdig, die dem Tapfersten, Klügsten und Tätigsten, so lange der Entusiasm, den er einhaucht, währt, zu allen zeiten so willig eingeräumt worden ist.
Ich habe, seitdem ich ihm vom Philistus und Hippias vorgestellt wurde, öfters gelegenheit gehabt ihn reden zu hören und handeln zu sehen, und werde täglich mehr in der Meinung bestärkt, dass jedes an die Monarchie gewöhnte Volk sich unter einem Fürsten wie er glücklich achten würde. Schon sein Aeusserliches kündigt einen Mann an, der besser zum Regieren als zum Gehorchen taugt. Er ist gross und stark gebaut; seine Gesichtsbildung edel, männlich, und wofern mich mein physiognomischer Sinn nicht betrügt, mehr Klugheit und Gewalt über sich selbst, als Unerschrockenheit und Selbstvertrauen bezeichnend; seine Augen klein aber feurig; sein blick scharf, umherspähend und beinahe laurend; seine Miene, sobald er will, einnehmend, aber, so wie er sich vergisst, kalt, finster, abschreckend, und wenn er zum Zorn gereizt wird, fürchterlich. Dass er überhaupt eher das Ansehen eines Demagogen als eines Königs hat, scheint ihm in seiner Lage vielmehr vorteilhaft als nachteilig, und ist eine eben so natürliche Folge des Standes worin er geboren und der Bestimmung, für welche er erzogen wurde und sich selbst ausbildete, als dass er unendlich mehr Kenntnisse besitzt, und alles was er weiss viel gründlicher weiss, als bei Personen gewöhnlich ist, die das durch den Zufall der Geburt sind, was er durch sich selbst geworden ist. Aus eben diesem grund kann ihm, däucht mich, zu keinem besonderen Verdienst angerechnet werden, dass er, der selbst ein Gelehrter und ein Mann von Talenten ist, Wissenschaft und Kunst liebt, Gelehrte und Künstler ehrt, und sich besser in ihrem Umgang gefällt als unter Leuten, die sich durch ihren Stammbaum oder ihre glänzenden Glücksumstände über die notwendigkeit eines persönlichen Werts erhaben glauben. Hingegen scheint es mir auch unbillig, ihm (wie viele tun) einen Vorwurf daraus zu machen, dass er in seinen Erhohlungsstunden – Verse macht, und vielleicht bessere als von königlichen Versen gefordert werden kann. Bis jetzt wenigstens scheint er seinen Umgang mit der tragischen Muse, in die er stark verliebt sein soll, noch sehr geheim zu halten; und in der Tat fordert die grosse Tragödie, die er selbst zu spielen vorhat, seine ganze Tätigkeit in einem so hohen Grade, dass ihm weder Zeit noch Lust übrig bleiben kann, sich in einen Wettlauf mit Sophokles und Euripides einzulassen.
über seinen Charakter urteilen zu wollen, würde von mir in zweifacher Rücksicht verwegen sein; nur diess wage ich zu behaupten, dass er von natur nichts weniger als so gefühllos und grausam ist, wie ihn seine Gegner schildern. Um ihn zu dem kühnen Entschluss zu bringen, dessen guten Erfolg er viel weniger dem Glück als seiner Klugheit und Geschicklichkeit zu danken hat, brauchte es nur zwei Blicke, einen auf Syrakus und Sicilien überhaupt, und einen in sich selbst. Jenen war nur durch Vereinigung unter Einen unbeschränkten Herrscher zu helfen, und das Talent, dieser Herrscher zu sein, fühlte er in sich. Als der Entschluss einmal gefasst und das Spiel angefangen war, musste er nun alles darauf setzen. Alles gewinnen oder alles verlieren! ein Drittes gab es jetzt nicht mehr für ihn. natürlich war das erste sein Zweck,