zu seiner Sicherheit notwendig, endlich zur Gewohnheit werden, und das Verderben des Fürsten und des volkes zugleich zur Folge haben könnten.
Ich bin etwas ausführlich in Erzählung dieser politischen Conversation gewesen, edler Learchus, weil ich dein Verlangen, die gegenwärtige Stimmung der Syrakusaner zu kennen, besser dadurch zu befriedigen hoffe, als durch allgemeine Bemerkungen, die bei einem so kurzen Aufentalt ohnehin wenig Zuverlässigkeit haben könnten. Unsre Gesellschaft bestand grösstenteils aus Männern der ersten aristokratischen Familien zu Syrakus, und ich glaube dass man von ihnen, mit ziemlicher Sicherheit nicht zu irren, auf die übrigen schliessen könne. Es war sehr natürlich, dass sie, so oft des Tyrannen erwähnt oder auf ihn angespielt wurde, eine gewisse Gleichgültigkeit und Zurückhaltung affectirten, die einen ganz unkundigen Fremden ungewiss lassen konnte, ob sie seine Freunde oder Feinde wären; mir aber, der von ihren Angelegenheiten hinlänglich unterrichtet ist, war es leicht ihre wahre Gesinnung durch die übel passende Larve durchscheinen zu sehen. Nie werden sie zu dem Tyrannen, nie der Tyrann zu ihnen Vertrauen fassen; beide Teile haben einander zu viel Leides getan, als dass jemals eine aufrichtige Aussöhnung möglich wäre; auch wissen beide sehr wohl, wessen sie sich zu einander zu versehen haben, und nehmen ihre Massregeln darnach. Aber stärker als alles diess fiel mir eine andere Bemerkung auf, die ich an diesem Abend zu machen gelegenheit hatte. Unter allen diesen eifrigen Republikanern und Patrioten, solltest du es denken, lieber Learchus? war nicht Einer, der sich auch nur den Schein zu geben gesucht hätte, als ob ihm das wahre Interesse Siciliens, oder auch nur seiner eigenen Vaterstadt und des Syrakusischen Volkes am Herzen liege. Ein Blinder hätte sehen müssen, dass weder dieses noch jenes bei ihren Gesinnungen gegen den Tyrannen in die mindeste Betrachtung kam. Sie hatten eine gewichtigere und ihnen näher liegende Ursache ihn zu hassen; und ich halte mich überzeugt, keiner von ihnen würde das geringste Bedenken tragen, sich selbst noch heute auf den Tron des Dionysius zu setzen, wenn er es möglich zu machen wüsste. – Und doch muss ich hintennach über mich selbst lachen, dass mir so etwas auffallen konnte. Verstand sich's nicht von selbst? Was für einen Grund hatte ich, etwas anders zu erwarten?
Mein Reisegefährte Hippias wurde bald nach unsrer Ankunft von seinem Freunde Philistus bei hof aufgeführt, und gefällt dem Tyrannen so wohl, dass er ihm fast immer zur Seite sein muss. Dionysius sieht sehr gut, was ihm ein Mann wie Hippias sein könnte, und scheint grosse Lust zu haben ihn mit goldenen Ketten an sich zu fesseln: aber Hippias hat zu wenig Ehrgeiz und liebt seine Ruhe und Unabhängigkeit zu sehr, als dass er sich nur einen Augenblick versucht fühlen sollte, sie um die unzuverlässige Gunst eines Fürsten zu vertauschen, mit welchem er den öffentlichen Hass und die Gefahren eines immer schwankenden Trones teilen müsste. Dionysius hat sich auch nach mir erkundigt, und ich soll ihm an einem der nächsten Tage vorgestellt werden.
39.
An Ebendenselben.
Seit kurzem gibt uns Dionysius ein Schauspiel zu Syrakus, dessen gleichen vielleicht noch nie in der Welt gesehen worden ist. Alles was in den fünf Städten, woraus diese ungeheure Stadt besteht, hände und Füsse hat, ist in Bewegung; alle Häuser, Strassen und Märkte wimmeln von geschäftig hin und her eilenden Menschen; auf allen Schiffswerften, auf allen grossen Plätzen in und ausserhalb der Stadt, arbeiten Zimmerleute und Schmiede zu Tausenden; die Ufer ringsumher sind mit Schiffbauholz und Mastbäumen bedeckt, wovon täglich grosse Schiffsladungen vom Aetna und aus den Apenninischen Gebirgen anlangen, und Myriaden von Zeug- und Waffenschmieden und andern Handarbeitern machen den ganzen Tag ein Getöse, wovon einem Tauben die Ohren gellen möchten. Mit Einem Worte, Dionysius hat gerade zur gelegensten Zeit den glücklichen Gedanken gefasst, Sicilien von den Ueberfällen der Cartager auf immer zu befreien, und macht zu diesem Ende Zurüstungen und Anstalten, welche hinlänglich scheinen könnten, wenn er den ganzen Erdboden zu erobern gesonnen wäre. Aber was noch mehr ist, er hat Mittel gefunden, die Syrakusaner für seinen Plan einzunehmen und in eine so fanatische Begeisterung zu setzen, dass jedermann sich in die Wette beeifert, seine Absichten zu befördern, seine Befehle zu vollziehen und seinen Beifall zu verdienen. Ausser seinen Syrakusiern und andern Sicilianern hat er aus Italien und Griechenland die erfindsamsten Köpfe und die geschicktesten Mechaniker und Kunstarbeiter zusammengebracht. Er selbst ist die Seele, die alle Verrichtungen dieser ungeheuern Masse von Menschen leitet und belebt. Für alles was gearbeitet wird, besonders für allerlei neue Kriegsmaschinen, die eine erstaunliche wirkung tun sollen, und eine Art von Galeeren mit fünf Reihen Ruder, von seiner eigenen Erfindung (sagt man) hat er Modelle verfertigen lassen, nach welchen alles in der möglichsten Vollkommenheit gearbeitet wird; und ansehnliche Preise sind für diejenigen ausgesetzt, die in jedem Fache die beste Arbeit liefern. Dionysius selbst ist überall persönlich zugegen, sieht und beurteilt mit der Schärfe und Billigkeit einer ächten Sachkenntniss was getan wird, spricht freundlich mit den Arbeitern, muntert ihren Fleiss durch Lob und kleine Belohnungen auf, zieht sogar jeden, der sich in seinem Fache besonders hervortut, an seine Tafel, kurz, bezaubert alle diese Menschen durch eine Leutseligkeit und Popularität, die ihm alle Herzen – auf wie lange möchte' ich nicht sagen – aber gewiss so lang' als er ihrer und sie seiner bedürfen, gewinnen muss. Seine bittersten Feinde, die Aristokraten, sehen sich genötigt mit dem