dass wir den Wohlstand unsrer Republik dem Institut, gegen welches du dich so streng erklärst, grössten Teils zu danken haben. Du hast gesehen, was für eine glänzende Panegyris aus allen Griechischen und benachbarten Ländern durch diese Spiele nach Pisa gezogen wird. Glaubst du, das Gedränge von unzählbaren Menschen aus allen Ständen und Classen würde eben so gross sein, wenn an die Stelle dieser Kampfspiele ein Wettstreit um den Vorzug an Weisheit und Tugend angeordnet, und die Kronen, die wir jetzt den besten Rennern, Ringern und Pankratiasten29 zuerkennen, denen aufgesetzt würden, die sich etwa durch die schönste Handlung der Menschlichkeit, Grossmut und Selbstüberwindung ausgezeichnet hätten? Desto schlimmer, sagte mein Unbekannter; das ist es eben was ich beklage! So lange dieses, den Eleern auf Kosten der übrigen Griechen so vorteilhafte Institut dauern wird, sehe ich nicht, wie eine richtigere Schätzung des Wertes der Menschen unter uns Platz greifen, und der Vorzug der geistigen und sittlichen Vollkommenheiten vor den körperlichen und mechanischen allgemeiner gefühlt und anerkannt werden könnte.
Lass uns die Welt nehmen wie sie ist, erwiderte der Eleer, denn sie ist doch wohl – wie sie sein kann. Weisheit und Tugend belohnen sich selbst so reichlich, dass sie des Beifalls der Menge und der Kronen, die zu Olympia ausgeteilt werden, leicht entbehren. Wer weiss, ob sie durch eine so öffentliche und geräuschvolle Auszeichnung nicht an innerm Werte verlieren würden? Wenigstens zweifle ich sehr, dass die stillen unscheinbaren Tugenden, welche gewöhnlich die reinsten sind, sich gern aus ihrer Verborgenheit herausziehen und einer so grossen vermischten Menge zur Schau ausstellen lassen würden. Uebrigens scheint mir die lebhafte Teilnehmung, womit unsre Panegyrischen Spiele angesehen werden, so wenig gegen das sittliche Gefühl unsrer Nation zu beweisen, dass ich mir eher das Gegenteil zu behaupten getraue. Die Kampfspiele zu Olympia, Delphi,30 Nemea und Korint haben eben darum ein so lebhaftes und eigenes Interesse für unsre Nation, weil sie uns, gleichsam durch den Augenschein, so wie durch die Siegesgesänge Pindars und seiner Nacheiferer, in die fabelhaften zeiten jener Heroen versetzen, deren Andenken uns aus so vielen Ursachen heilig ist, die unsre meisten Städte gegründet haben, und von welchen unsre edelsten Geschlechter ihren Ursprung herleiten. Aber auch ohne diese Beziehung haben wir noch Ursache genug, sie als eines unsrer schönsten und wohltätigsten Nationalinstitute anzusehen. Kein anderes vereiniget eine so grosse Menge Griechen aus allen Städten und Landschaften der ganzen Hellas an Einem Orte zu gemeinschaftlichen Feierlichkeiten, Opfern, Gastmählern und Ergötzungen. Während ihrer Feier hören alle Feindseligkeiten auf, in welche die uralte Antipatie der Dorier und Ionier31 nur zu oft ausbricht. Wir vergessen in diesen halcyonischen Tagen aller Beleidigungen, aller Eifersucht und Rache, um uns bloss unsers gemeinsamen Ursprungs zu erinnern, und die Bande von neuem zusammenzuziehen, womit gemeinschaftliche Götter und Tempel, eine gemeinschaftliche Sprache und das grosse Interesse unsre Unabhängigkeit gegen auswärtige Mächte zu behaupten, die in so viele Stämme und Zweige verbreitete Nachkommenschaft Deukalions32 zu einem einzigen volk verbunden haben, das durch seine kultur das erste in der Welt ist, und durch Eintracht unüberwindlich und unvergänglich dem ganzen Erdboden gesetz geben würde.
Ich verschone dich, lieber Demokles, mit einer Menge anderer schöner Sprüche, welche der begeisterte Eleer mit einem grossen Erguss von Redseligkeit hervorströmte, um dem kopfschüttelnden Philosophen eine höhere Meinung von den Olympischen Spielen abzunötigen. Es versteht sich, dass jeder auf seiner eigenen beharrte; so wie ohne Zweifel diese Spiele selbst, allen Veränderungen der zeiten und allen Einsprüchen der Philosophie zum Trotz, ihre ursprüngliche Form und Einrichtung so lange Jupiter im Besitze seines Tempels zu Olympia bleibt, behalten werden, wie leicht es auch wäre, ihnen eine gemeinnützlichere und einem gebildeten Volk anständigere zu geben. Wir kamen indessen, da der Eleer ein sehr höflicher Mann war, noch ganz friedlich aus einander; denn die Höflichkeit hat diess Eigene, dass sie es dem andern unvermerkt unmöglich macht, so grob zu sein als er wohl Lust hätte. Doch muss ich es auch meinem bocksbärtigen Freunde nachrühmen, dass er sich beim Abschied mit mehr Urbanität betrug, als ich von seiner Freimütigkeit erwartet hatte. Dieser Umstand und seine Mundart bestärkten mich in der Vermutung dass er ein Atener sei; und so fand sich's auch bei näherer Erkundigung. Man sagte mir, er nenne sich Antistenes, und sei einer der vertrautesten Freunde des berühmten Sokrates Sophroniskus Sohn, den der Delphische Gott33, oder (wenn du lieber willst) der eifrigste seiner Anhänger, Chärephon, durch den gelehrigen Mund der Pytia, für den weisesten aller Menschen erklärt haben soll. Da mein Verlangen diesen merkwürdigen Mann persönlich zu kennen und durch seinen Umgang, wo möglich, selbst ein wenig weise zu werden, einer der ersten Zwecke meiner freiwilligen Verbannung aus dem schönen und wollüstigen Cyrene war, so kannst du leicht urteilen, dass ich mich auf diese Nachricht um so eifriger um die Gunst einer person bewarb, die mir zu Beförderung meiner Absicht gute Dienste tun konnte. Ohne mir diese Bewerbung durch ein zuvorkommendes Wesen zu erleichtern, schien er doch eben so wenig gesonnen, sie gänzlich abzuweisen. Von Sokrates sprach er mit seiner gewöhnlichen Kälte, als von einem mann, mit dem er seit vielen Jahren täglich umgegangen, und den er als seinen ersten, wo nicht einzigen Freund betrachte. "Wenn ich einen bessern als er gekannt hätte, sagte er, würde ich mich zu diesem gehalten haben; aber ich kenne keinen bessern, und, insofern diese Benennung einem Menschen zukommen kann,