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zu Befriedigung irgend einer hässlichen leidenschaft missbraucht, und sich treuloser, räuberischer und grausamer Handlungen schuldig gemacht hätte. – Ein allgemeines Gelächter schien meinen Gegner in eine unangenehme Lage zu setzen, und ich sah dass es hohe Zeit sei, einen ernstaftern Ton anzustimmen. Verzeih, sagte ich zu ihm, wenn ich zur Unzeit gescherzt habe. Ich wollte weiter nichts damit sagen, als dass unumschränkte Gewalt immer mit Gefahr des Missbrauchs verbunden ist, sie mag nun in den Händen eines Einzigen, oder eines Senats, oder eines ganzen Volkes sein. Alles kommt am Ende auf den Verstand und die sittliche Beschaffenheit des Regierers, vieles auf Zeit und Umstände, Stimmung, Laune und Einfluss des Augenblicks an. Einschränkungen helfen wenig oder nichts. Eine höchste Gewalt muss in jedem staat sein, und die höchste Gewalt lässt sich nicht einschränken; denn diess könnte doch nur durch eine noch höhere geschehen, und in diesem Fall wäre diese, nicht jene, die höchste. Die Möglichkeit ihres Missbrauchs bleibt also ein unvermeidliches Uebel, weil sie ihren Grund in einem unheilbaren Gebrechen der Menschheit hat. Aber es ist immer zu vermuten, dass ein einzelner Regent die Macht alles zu tun was er will, weniger, seltner und leidlicher missbrauchen werde, als ein so vielköpfiges Ungeheuer von mehrern Tausenden, an Verstand, Erziehung, Einsicht, Erfahrenheit, Vermögen u.s.w. so sehr ungleichen und von den verschiedensten Triebfedern in Bewegung gesetzten Menschen ist; und wenn auch beide keinen edlern Zweck und Antrieb haben als Eigennutz und Selbstbefriedigung, so ist doch ungleich wahrscheinlicher, dass der einzige die notwendigkeit einsehe, dass er seine Macht, um sie ruhig und mit Ruhm zu geniessen, zur Wohlfahrt des staates anwenden müsse, als dass ein ganzes Volk nicht beinahe immer gegen sein wahres Interesse handle, so oft das Privatinteresse der Personen, denen es sich gern oder ungern anvertrauen muss, mit dem seinigen in Widerspruch steht.

Mein Gegner gewann wieder Mut. Du missest nicht mit einerlei Mass, sagte er: du nimmst einen Tyrannen an, der immer nach grundsätzen handelt, sich nie seinen Launen oder Leidenschaften überlässt, immer sein wahres Interesse kennt und vor den Augen hat, mit Einem Worte, der die Weisheit und Klugheit selbst ist. Das Volk in der Demokratie hingegen ist, nach deiner Voraussetzung, ein blindes, vernunftloses und unbändiges Ungeheuer, das nicht weiss was ihm gut ist, das immer mit dem Maulkorb vor der Schnauze an der Kette gehen muss und immer das Unglück hat, von Toren oder Schelmen geführt zu werden. Sei, wenn ich bitten darf, nur so billig gegen die Demokratie, als du grossmütig gegen die Tyrannie und das Königtum bist. Wenn ich dir die Möglichkeit eines Alleinherrschers zugebe, der das höchste Gesetz der allgemeinen Wohlfahrt nie aus den Augen setzt, sich seiner Allgewalt immer mit Klugheit und Mässigung bedient, und seine höchste Selbstbefriedigung im Wohlstande seiner Untertanen findet, wenn ich dir die Möglichkeit zugebe, dass ein solcher Phönix nicht platterdings ein blosses Hirngespinnst sei: so wirst du mir auch die Möglichkeit einer Republik, worin ein freies, edeldenkendes und zu jeder sittlichen und bürgerlichen Tugend erzogenes Volk sich von den Weisesten und Besten aus seinem Mittel nach guten Gesetzen freiwillig regieren lässt, zugeben, und zugleich bekennen müssen, dass eine solche Republik jeder andern Staatsverfassung unendlich vorzuziehen ist.

Alle anwesenden Syrakusaner klatschten, nickten oder lächelten ihrem edlen Mitbürger Beifall zu, und schienen zu erwarten, dass ich billig oder wenigstens urban genug sein würde mich überwunden zu geben. Aber so ganz leicht wollt' ich ihnen den vermeinten Sieg doch auch nicht machen. Ich sehe nur ein Einziges hierbei zu bedenken, sagte ich, und hielt ein. Und was wäre das, wenn man fragen darf? sagte mein Antagonist. – Nichts, versetzte ich, als dass ein so verständiges und tugendhaftes Volk, wie es mein edler Gegner voraussetzt, ganz und gar keiner Regierung bedürfte. Lasst uns so ehrlich sein, einander zu gestehen, dass die Unentbehrlichkeit aller bürgerlichen Verfassungen und Regierungen keinen andern Grund hat, als die Schwäche und Verkehrteit des armen Menschengeschlechts. Sie sind ein notwendiges Uebel, das einem ungleich grösseren abhilft oder vorbeugt, und bloss dadurch zum Gut wird. Indessen, da die Regierer nicht weniger Menschen sind als die Regierungsbedürftigen, so wäre wohl nichts billiger, als dass wir unsre Forderungen nicht allzu hoch spannten, und niemand dafür büssen liessen, dass er eben so wenig vollkommen ist als wir. Warum wollten wir uns das Gute, das wir haben, dadurch verkümmern, dass es uns nicht gut genug ist? Jede Regierungsart hat ihre eigenen Vorzüge und Gebrechen; wiegt man sie gehörig gegen einander, so gleichen sich, wechselsweise, diese durch jene und jene durch diese aus, und was übrig bleibt, ist so unendlich wenig, dass es die Mühe nicht verlohnt, darum zu hadern. Die Mehrheit der Stimmen erklärte sich für meinen Vorschlag zur Güte, und alle schienen sich zuletzt in der Meinung zu vereinigen: dass ein Volk, das sich bei der politischen Freiheit nie recht wohl befunden, durch den Verlust derselben wenig verloren habe, und bei einem klugen und tapfern Alleinherrscher wahrscheinlich noch gewinnen würde, wenn es weise genug sein könnte, das Bestreben des Regenten, sich seines, wiewohl gesetzwidrigerweise, errungenen Platzes würdig zu beweisen, durch Zutrauen und guten Willen aufzumuntern, anstatt ihn durch Misstrauen, Unzufriedenheit und heimliche Anschläge gegen seine person zu tyrannischen Massregeln zu zwingen, die ihm, als