erlaube dir, ihr so gut zu sein als dein Freund Hippias es gerne sehen mag.
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Aristipp an Lais.
Ich glaube wirklich, dass ich dir jüngst in einer Art von Fieber geschrieben habe, Laiska. Was ich schrieb mögen die Götter wissen! Ich weiss nichts weiter davon, als dass in den ersten acht Tagen nach der Abfahrt von Korint die Erinnerung an dich mein ganzes Wesen dermassen ausfüllte, dass keine andere Vorstellung Platz neben ihr finden konnte. Wenn du glaubst, dass ein solcher Zustand ziemlich nah an Wahnsinn gränze, so bin ich völlig deiner Meinung; oder vielmehr, um entschiedener Wahnsinn zu werden, hätte er vielleicht nur noch acht Tage dauern müssen. Indessen war's doch schon ein gutes Zeichen, dass mir nicht so ganz wohl bei der Sache war als wenn ich Kleombrotus gewesen wäre. Ich stand schon im Begriff mit einem Arzt davon zu sprechen, als wir, zu gutem Glücke, von Hermokrates, einem der angesehensten Männer der Stadt, zu einem grossen Gastmahl eingeladen wurden. Die Gesellschaft war auserlesen, die Bewirtung (um alles mit Einem Worte zu sagen) Sicilianisch; und wie die Fröhlichkeit nach und nach rauschender ward, gingen auch die grossen Becher immer fleissiger herum. Ich schonte den herrlichen Syrakuser unsers reichen Wirtes nicht, und siehe da! am folgenden Morgen, als ich meinen kleinen Rausch ausgeschlafen hatte, stand ich so heiter, unbefangen und lichtstrahlend vom Lager auf, als Helios115 aus den Armen der Talassa.116
Du siehest, liebe Laiska, dass man an dem Gehirn eines ächten Sokratikers nicht so leicht verzagen darf. Indessen sind wir, wie gesagt, über das Gefährliche der Nympholepsie117, über die du, Grausame, mich noch gar bespotten konntest, gänzlich einverstanden; nur gegen die Folge, die du daraus ziehest, hab' ich eine starke Einwendung. Der Satz, worauf du deinen Schluss gründest, mag in vielen Fällen gelten; aber auf die Liebe lässt er sich nicht anwenden. Mit dieser leidenschaft ist es (übrigens ohne Vergleichung) wie mit gewissen Krankheiten, wo eine kleine Gabe eben derselben Arznei das Uebel vermehrt, eine starke hingegen die trefflichste wirkung tut. Auf diese Gefahr wag' es also immerhin mit mir, schöne Hebe! Vergiss dass ich nur ein Sterblicher bin, reiche mir die Nektarschale so voll wie einem Olympier, und du wirst Wunder sehen!
Timandra, die dich – liebt wäre vielleicht zu viel gesagt, mehr als von irgend einem schönen weib gefordert werden kann – aber, die dich neidlos bewundert, ist auf dein Andenken und deine Teilnehmung stolz. Sie scheint sich in ihrer neuen Lage wohl zu gefallen, und mein Egoist lebt in einer sehr vergnüglichen Ehe mit ihr. Er kann sich keine bessere Hausfrau wünschen, sie keinen Mann bei dem sie es in allen Stücken besser hätte; so dass ich nicht sehe, warum ihre Verbindung nicht bis auf den letzten Faden halten sollte. Timandra hat alles, bis zum Ueberfluss, was seine Sinnlichkeit befriedigen kann; dabei ist sie sanft, munter, und immer frohen Sinnes, ohne Laune, Eigensinn und Eifersucht; steht seinem Hauswesen mit Treue und Klugheit vor, kommt allen seinen Wünschen entgegen, versteht seine leisesten Winke, ist ihm nie beschwerlich, und erlaubt ihm stillschweigend, so viele kleine Seitensprünge zu machen als er Lust und gelegenheit hat. Wie geneigt Hippias sein mag, ihr gleiche Freiheit nachzusehen, weiss ich nicht, und werde ihm schwerlich jemals Ursache geben sich darüber zu erklären. Indessen erkenne ich mit gebührendem Danke, dass du meiner Phantasie einen freiern Spielraum verstattest als sie selbst verlangt; ich gedenke einen so bescheidenen Gebrauch von deiner Grossmut zu machen, dass Sokrates selbst nicht mehr von seinen Jüngern fordern zu dürfen glaubt.
So viel ich bis jetzt zu sehen gelegenheit hatte, scheint die öffentliche Meinung der Schönheit der Syrakuserinnen nicht zu viel zu schmeicheln. Vor wenig Tagen gab mir eines ihrer vornehmsten Feste gelegenheit, mich mit meinen eigenen Augen davon zu überzeugen. Der lange Zug von jungen Mädchen (den Töchtern der angesehensten und begütertsten Bürger), die in zierlich gefalteten, bis zu den schönen Knöcheln herabfliessenden weissen Gewändern, Blumenkränze um das halb aufgewundne, halb auf die Schulter fallende volllockichte Haar, und den leicht umflorten Busen mit reich gestickten Bändern umgürtet, Paar und Paar mit leichtem Schritt und edelm Anstand dem Dianentempel zuwallten, alle in der ersten Entknospung der Jugend und Schönheit, keine die nicht einem Skopas zum Modell einer Grazie hätte dienen können – ich gestehe dir, Laiska, es war ein entzükkender Anblick! Und als sie sich nun im feierlich-ernsten Tanz, Hand in Hand, gleich einem lebendigen Blumenkranz um den Opferaltar herum wanden, in den reinsten Silbertönen einen Pindarischen Hymnus aus ihren Nachtigallkehlen anstimmend, – wahrlich ein vorbeischwebender Gott hätte sich (wie der Dichter sagt) bei diesem Schauspiel verweilt; und nie dünkte mich einen solchen Triumph der weiblichen Schönheit und Anmut gesehen zu haben. Das Auge irrte geblendet und alles Auswählens vergessend um den weit ausgedehnten Kreis dieser Zauberschwestern umher, unvermögend auf Einer zu verweilen, weil schon im nächsten Augenblick eine vielleicht noch schönere ihre Stelle eingenommen hatte, um sie im folgenden gleich wieder an eine eben so reizende abzutreten. Du selbst, du einzige, hättest auf einmal mitten unter ihnen erscheinen müssen, um den Zauber zu vernichten, und hunderttausend Augen, die mit diesem lieblichen Reihen von mehr als hundert Grazien zugleich herumgedreht wurden, plötzlich an dich allein zu fesseln.
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