so übel von meinem Freund Aristipp denken werde, um zu besorgen, dass er sich jemals ungerecht und undankbar gegen einen Sokrates zu zeigen fähig sei, so dünkt es mich doch hohe Zeit, dass du, mit oder ohne Hippias, je eher je lieber – nach Syrakus reisest. Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube wirklich in deinem letzten Briefe hier und da Spuren von dem Einfluss, den dein neuer Freund auf deine Vorstellungsart gewinnt, wahrzunehmen.
Die Anekdote hat mir den kleinen Triumph, den meine Reize zu Aten über die Runzeln des finstern Antistenes erhielten, nicht ohne gerechten Stolz wieder ins Gedächtniss gebracht. Uebrigens, wie wenig Amönität der gute Mann auch in den Ton seines Tadels gelegt hat, kann ich ihm doch in der Hauptsache nicht ganz Unrecht geben; und ich möchte dir wohl selbst raten, wofern funfzig Drachmen der gewöhnliche Preis der roten Rebhühner zu Aten sind, deinen Tisch nicht allzu oft mit einem so teuern Leckerbissen besetzen zu lassen. Denn, wenn dein übriger Aufwand mit diesem einzelnen Artikel in gehörigem verhältnis stehen sollte, so möchten wohl die Einkünfte einer Persischen Satrapie nicht zureichen, deine Wirtschaft im Gange zu erhalten.
Da ich schwerlich hoffen darf, dich in der nächsten Rosenzeit zu Aegina zu sehen, so ist es desto freundlicher von dir wenn du mich im Vorbeigehen durch einen Besuch in Korint entschädigest. Ich denke nicht, dass Hippias zu viel dabei sein wird, wiewohl ich dir für die Folgen der Erneuerung einer fünf Jahre unterbrochnen Bekanntschaft mit einem so liebenswürdigen mann, wie du ihn beschreibst, nicht stehen will. Ueberlege also wohl, wie viel du etwa zu wagen gesonnen bist; und vergiss auch nicht mit in den Anschlag zu bringen, dass meine eigenen Reizungen (wie mich glaubwürdige Personen versichern) noch immer in täglichem Zunehmen sind. Wir Schönen haben, wie du weisst, zuweilen gar wunderliche Launen.
34.
Aristipp an Lais.
Die gute Gesellschaft, die man gewöhnlich bei Hippias findet, hat sich seit kurzem um eine sehr interessante person vermehrt. Sie nennt sich Timandra113, und war die Gesellschafterin und Geliebte des schönen Alcibiades, in der letzten Zeit des herumirrenden Lebens dieses berüchtigten Abenteurers. Da ich so glücklich bin, eine Dame zu kennen, neben welcher jede andere erröten würde, wenn man sie schön nennen wollte, so sage ich bloss, dass diese Timandra eine der liebenswürdigsten Personen ist, die ich noch gesehen habe; und was sie in meinen Augen auch achtungswürdig macht, ist die anhänglichkeit und Treue, mit welcher sie jenem im Guten und im Bösen unübertrefflichen mann, auch im Unglück und bis in seinen Tod zugetan blieb. Die unaffectirte Wärme, womit sie noch jetzt von ihm spricht, scheint die Aufrichtigkeit der Trauer zu bestätigen, worin sie etliche Jahre nach seinem tod in einsamer Verborgenheit zugebracht haben soll. Nun hat sie sich mit dem, was sie aus den Trümmern der unermesslichen Reichtümer ihres unglücklichen Freundes retten konnte, nach Aten begeben, wo sie sehr eingezogen lebt, und nur mit vieler Mühe vermocht werden kann, zuweilen in einer ausgesuchten kleinen Gesellschaft die Tafel des Hippias zu zieren; der (wenn ich dir's nicht schon gesagt habe) in seinen Talenten und in seiner Gewandteit Mittel gefunden hat, sich zu einem der reichsten Sophisten in der ganzen Hellas zu machen, so wie er, mit deiner erlaubnis, einer der ersten Virtuosen in der Kunst gut zu essen ist. Er hat der schönen Timandra Anträge getan, die in ihrer Lage kaum zu verwerfen wären, wenn Hippias auch weniger von allem dem besässe, was sie über den Verlust eines Alcibiades trösten kann. Noch scheint sie unentschlossen; doch zweifle ich nicht, dass sie sich überreden lassen wird, uns auf der Reise nach Syrakus Gesellschaft zu leisten. Du siehst also, liebe Laiska, falls du etwa einen kleinen Anschlag auf meinen Reisegefährten gemacht haben solltest, dass du eine Rivalin zu bekämpfen haben wirst, die sich dermalen, wo nicht seines Herzens (und rate warum?) doch gewiss seines Geschmacks und seiner Phantasie gänzlich bemächtigt zu haben scheint.
Kleombrotus dauert mich. Er hat, als er hörte dass wir nach Korint gehen würden, alles versucht, um von der Gesellschaft zu sein: aber Hippias der mit einer natürlichen Antipatie gegen alle Arten der Schwärmerei und Schwärmer geboren ist, konnte nicht bewogen werden, seine Einwilligung dazu zu geben. Die Not des armen Jungen stieg endlich so hoch, dass ich, wenn wir allein waren, sein geheimnis schon mehr als Einmal, unter dem heftigsten Grimmen und Würgen, sich schon ganz nah an seine Lippen hinauf arbeiten sah; aber immer hatte er doch Stärke genug es mit Gewalt wieder hinunterzudrükken. Da ich ihm nun geholfen wissen möchte, so sann ich lange auf Mittel und Wege, bis mir endlich einfiel, ihn mit meinem edlen Freund Eurybates bekannt zu machen. Eurybates ist ein leidenschaftlicher Liebhaber der Dichter und der Kunst ihre Werke gut zu lesen; und Kleombrotus, ausserdem dass er selbst Dityramben von der ersten Stärke macht, declamirt so vortrefflich, dass er es beinahe mit dem grossen Rhapsodisten Ion114 aufnehmen könnte. Diese Talente haben ihn bereits in so hohe Gunst bei Eurybates gesetzt, dass ich gewiss bin, er wird ihn künftigen Frühling mit nach Aegina nehmen, und die beiden liebenden Seelchen werden sich dort unter deinem Schutze, wieder – nach Herzenslust anschauen, durchdringen, und in Eine hermaphroditische Seele zusammenfliessen können. Kleombrotus ist von seinem neuen Freunde ganz bezaubert. – Ich bedaure