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, niederzulegen, und am folgenden Morgen mit der Gewissheit aufzustehen, dass er auch heute nichts anders hören werde, als "dass ein braver Mann seinem vaterland, seinen Freunden und seinem Hauswesen nützlich sein, den Feinden hingegen allen möglichen Schaden zufügen, und um dieses und jenes besser zu können, immer mässig, nüchtern und entaltsam sein, die Wollust fliehen, Hunger und Durst, Frost und Hitze leicht ertragen, keine Arbeit scheuen, keinen Schmerz achten, und aller Aphrodisischen Anfechtungen110, damit sie sich ja nicht etwa auf einen einzigen liebreizenden Gegenstand werfen möchten, durch den ersten besten Ableiter aufs schleunigste loszuwerden suchen müsse." – Diese (unter uns gesagt) aus einem etwas groben Faden gewebte Moral, deren Teorie man in einer Stunde weg hat, und bei welcher alles bloss auf einen derben Vorsatz und lange Uebung ankommt, mag zum Hausgebrauch eines Attischen Bürgers, zumal wenn er von zwei oder drei Obolen des tages leben muss, eben so zureichend sein, als sie unstreitig nach Zeit und Ort und Erforderniss der vorhabenden Sache, auch jedem andern Biedermann zuträglich ist: aber ein ehrlicher Weltbürger, der sich darauf einrichten will, überall zu haus zu sein, und, seinem eigentümlichen Charakter unbeschadet, in alle Lagen zu passen, und mit allen Menschen zu leben, langt damit nicht aus, und muss noch ein ziemliches teil mehr wissen und können, um seine Rolle gut zu spielen, und, wofern er es auch andern Leuten, ohne seine Schuld, nicht immer recht machen kann, wenigstens so selten als möglich sich selbst sagen zu müssen: das hättest du besser, klüger oder schicklicher machen können. Ueberdiess sehe ich nicht, warum ein Mann, dem seine Umstände erlauben, über das Unentbehrliche in Nahrung, Kleidung, wohnung und andern zum menschlichen Leben gehörigen Dingen, hinauszugehen, gerade nur seine Philosophie auf die blosse Notdurft einschränken müsste. Das Menschengeschlecht ist zu ewigem Fortschreiten, der einzelne Mensch zu möglichster Ausbildung seiner selbst, in der Welt. Diess sagt mir mein Dämonion, und ich glaube ihm wenigstens eben so sicher folgen zu können, als Sokrates dem seinigen.

Uebrigens steht, meines Bedünkens, dem Meister selbst manches wohl an, und verdient sogar alle achtung, was an seinen Nachahmern nicht die nämliche Grazie hat; zumal wenn sie der Sache nie zu viel tun zu können glauben, und noch sokratischer sein wollen als Sokrates selbst. Unter allen treibt es keiner weiter als Antistenes; denn gegen ihn ist Sokrates ein Stutzer. Seitdem ich mir die Freiheit nahm in meine gewohnte Lebensweise zurückzutreten, schien er (vermutlich um mich durch den Abstich desto ärger zu beschämen) von der Sokratischen Schlichteit bis zum schmutzigen Costume der königlichen Bettler in den Tragödien des Euripides111 herabsteigen zu wollen. Diess machte ihn eben nicht zum angenehmsten Nachbar; indessen wusste ich mir mit einem sehr einfachen Mittel zu helfen, und verbannte mich aus seiner Atmosphäre so weit ich konnte. Nun ward er, kraft der Vorrechte die ihm unsre ehmalige Vertraulichkeit gab, zudringlich, und weil die Gelegenheiten uns öffentlich zu sehen immer seltner wurden, suchte er mich sogar in meinem haus auf, um mich mit dem ziemlich grobkörnigen Attischen, oder vielmehr Piräischen Salze112 seiner Sarkasmen tüchtig durchzureiben. Da diess nicht anschlagen wollte, und er immer nur lachende Antworten von mir erhielt, kehrte er zuletzt die rauche Seite heraus, und machte mir ernstafte und bittere Vorwürfe, als ob ich der Sokratischen Gesellschaft durch meine Lebensweise und Sybaritischen Sitten (wie er zu sagen beliebte) Schande machte. Einsmals kam er dazu, da ich eben für ein rotes Rebhuhn funfzig Drachmen bezahlt hatte, d.i. ungefähr so viel als er selbst in einem halben Jahre zu verzehren hat, und in der Tat etwas viel für ein Rebhuhn. – Schämst du dich nicht, schnarchte er mich in Gegenwart vieler Leute mit dem Ton und der Miene eines ergrimmten Pädotriben an, du, der für einen Freund des Sokrates angesehen sein will, eine so grosse Summe für einen wenig Augenblicke dauernden Kitzel deines Gaumens auszugeben? Ich merkte leicht dass er mich reizen wollte, um dem volk, das in solchen Fällen immer Partei gegen den Fremden nimmt, eine Scene auf meine Kosten zu geben. Würdest du, sagte ich mit grösster Gelassenheit, das Rebhuhn nicht selbst gekauft haben, wenn es nur einen Obolus kostete? Das ist ganz ein anders, versetzte er. "Keineswegs, Antistenes; mir sind funfzig Drachmen nicht mehr als dir ein Obolus." – Die Zuhörer lachten; ich ging davon, und seitdem sahen wir uns nicht wieder.

Ich erzähle dir diese kleine Anekdote, schöne Lais, um dir einen deiner angenehmen Atenischen Tischfreunde wieder ins Gedächtniss zu rufen, und damit du dich nicht zu sehr verwunderst, wenn du etwa hören solltest, Aristipp von Cyrene und Sokrates seien auf immer mit einander zerfallen, weil besagter Aristipp seinem Lehrer funfzig Drachmen, um welche dieser ihn angesprochen, rund abgeschlagen, und doch zu gleicher Zeit fünfhundert um ein rotes Rebhuhn ausgegeben habe.

Hippias gedenkt in kurzem eine Reise nach Syrakus zu unternehmen, und macht mir den Antrag ihn dahin zu begleiten. Ausserdem, dass ich eben nicht weiss was mich in Aten zurückhalten sollte, habe ich grosse Lust das Land zu sehen, wo meine Freundin Lais geboren wurde, und, was mir noch angelegner ist, bei dieser gelegenheit vielleicht sie selbst in Korint wiederzusehen. Der Antrag wird also vermutlich angenommen werden.

33.

Lais an Aristipp.

Wiewohl ich nie