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Da es ihm nun einmal angetan ist dass er sich nur in Seelen verlieben kann, so hätte ihm nichts Glücklicheres begegnen können, als so von ungefähr auf das sanfte Seelchen eines so ganz aus Lilienglanz und Rosenduft zusammengehauchten und von Amors zärtlichstem Seufzer beseelten Mädchens zu stossen; und ich freue mich für sie und uns, dass du geneigt bist, sie unter dem Schleier ihrer vermeinten Unsichtbarkeit ihr Wesen so lange forttreiben zu lassen, bis etwa natur oder Zufall dem empfindsamen Kinderspiel ein Ende macht.

Meine Bekanntschaft oder Freundschaft, wenn du willst, mit dem verführerischen Hippias steht noch in vollem Wachstum. Wir sehen uns beinahe täglich, und scheinen einander immer mehr Geschmack abzugewinnen. Es fehlt zwar viel, dass seine Philosophie auch die meinige sei. Sie geht nicht weiter als auf Lebensklugheit; dein Freund Aristipp hingegen (rümpfe deine schöne Nase nicht gar zu spöttisch, Laiska!) hat es dem Sohne des Sophroniskus zu danken, dass er sich kein geringeres Ziel als Lebensweisheit vorgesteckt hat. Zwar ist nicht zu läugnen, dass Hippias mit seiner Aufgabe bereits im Reinen ist, während ich noch ungewiss bin, ob ich jemals mit Auflösung der meinigen zu stand kommen werde: aber dafür wirst du mir zugeben, dass die seinige auch bei weitem nicht so schwer und verwickelt ist. Uebrigens, den einzigen Punkt, worin wir nie zusammentreffen werden, ausgenommen, haben wir eine unendliche Menge Berührungspunkte, und ich finde wirklich alles in ihm beisammen, was man sich an einem angenehmen, beinahe zu allem brauchbaren Gesellschafter wünschen kann. Bis jetzt ist mir noch niemand vorgekommen, der vielseitiger und mannichfaltiger, freier von Vorurteilen, behender in richtiger Auffassung fremder Gedanken und Meinungen, und weniger schwerfällig in Behauptung seiner eignen wäre als Hippias. Ueberdiess besitzt er eine unendliche Menge von Kenntnissen und Geschicklichkeiten aller Art, und ich bin noch nie in seiner Gesellschaft gewesen, ohne irgend etwas Wissenswürdiges oder Brauchbares von ihm gehört oder gelernt zu haben. Aber freilich interessirt mich auch beinahe alles in der Welt, und es gibt schwerlich ein so brodloses Künstchen, das ich nicht zu lernen versucht würde, wenn es irgends ohne grossen Zeitaufwand und gleichsam im Vorbeigeben zu lernen ist.

Sage indessen meiner edlen Base Anaximandra, sie würde mir grosses Unrecht tun, wenn sie glaubte, Sokrates werde nun gerade so viel bei mir verlieren als Hippias gewinne. Meiner Sinnesart nach kann diess nie der Fall sein; und wenn sich auch meine anfangs vielleicht allzuhohe Meinung von dem Atenischen Weisen um etwas herabgestimmt haben sollte, so hat wenigstens der Sophist von Elea nicht die geringste Schuld daran. Da ich einmal auf diesen Punkt gekommen bin, liebe Laiska, so will ich mich so aufrichtig gegen dich erklären, als ob ich, als blosser Zeuge dessen, was ich von der Sache weiss, vor deinem Richterstuhl stände. Ich werde nie aufhören den Sokrates zu ehren und mit Dankbarkeit zu erkennen, dass ich in seinem Umgang besser geworden bin. Auch kann ich dir, wenn du es begehrst, ziemlich genau sagen, worin, wodurch und wiefern ich mich durch ihn gebessert finde. Wenigstens glaube ich, dass ich ohne ihn nie zu dem Ideal der sittlichen Form meiner natur gekommen wäre, dessen Ausbildung und Darstellung im Leben immer mein angelegenstes Geschäft sein wird. Freilich würde mir Hippias sagen, diese Form wäre auch ohne hülfe des Sokrates in mir entwickelt worden, so gut als die Kinder, denen seine Mutter zur Geburt verhalf, vermutlich auch ohne sie in die Welt gekommen wären. Das könnte vielleicht sein, es kann aber auch nicht sein; ich streite nicht gern über Dinge die sich nicht aufs Reine bringen lassen: genug, ich hasse eine Vorstellungsart, die mir ein so humanes und angenehmes Gefühl, als die Dankbarkeit ist, raubt, wiewohl Sokrates selbst, durch den edlen Eigensinn, alles was er zu geben hat unentgeltlich zu geben, es mir unmöglich macht, sie ihm beweisen zu können. Aber auch ohne Rücksicht auf das, was ich ihm in diesen vier Jahren schuldig geworden bin, habe ich ihn in so langer Zeit hinlänglich kennen gelernt, um mit überzeugung zu sagen, ich kenne keinen weisern und bessern Mann als ihn; und wenn ich noch dreimal so lange mit ihm lebte, was könnt' ich mehr sagen? Wozu also sollt' ich noch immerfort wie sein Schatten hinter oder neben ihm her gleiten? Warum nicht auch andere merkwürdige Menschen aufsuchen, oder wenn sie mir von ungefähr begegnen, mich eine Zeit lang zu ihnen halten, um zu sehen, ob ich nicht auch durch diese besser werden kann? Denn, – da ich nun einmal im Bekennen bin, warum sollt' ich nicht auch diess gestehen, da es die blosse reine Wahrheit ist? – Sokrates ist für mich ein Buch, das ich schon lange auswendig weiss, eine Musik, die ich tausendmal gehört, eine Bildsäule, die ich tausendmal von allen Seiten betrachtet habe. Seit vier Jahren höre und sehe ich alle Tage ungefähr eben dasselbe bei ihm; und wiewohl ich ihn damit nicht getadelt haben will, so mag doch, dächte ich, ein für so vielerlei Schönes und Gutes empfänglicher, und (mit deiner erlaubnis) "das Vergnügen, wo nicht mehr als einem emporstrebenden Jüngling geziemt," doch gewiss nicht weniger, liebender junger Mann zu entschuldigen sein, wenn er es endlich müde wird, Tag vor Tag zu hören, an jedem Abend sich mit der Erinnerung, nichts anders den ganzen Tag über gehört zu haben