wagen durfte. Deiner Beschreibung nach, hat er das, was er leisten wollte, wirklich in einem so hohen Grade geleistet, dass die Kunst in Andeutung dessen, was sie dem Scharfsinn des Anschauers überlassen muss, schwerlich weiter gehen kann. Was wollt ihr noch mehr?
Die Nachricht, die du mir von dem Benehmen der Sokratiker und des Meisters selbst gegen dich gibst, hat für mich nichts Unerwartetes. Alles, dünkt mich, ist wie es sein kann: wenn jeder bleiben soll, wozu ihn natur und Umstände gemacht haben, könnt ihr in keinem andern verhältnis mit einander stehen, und ich bin mit deinem Betragen gegen sie völlig zufrieden.
Dein neuer Freund Hippias ist mir nicht so neu als du zu glauben scheinst. Ich lernte ihn schon vor einigen Jahren bei meinem Alten kennen, und ich müsste mich sehr irren, wenn es ihn schwer ankommen sollte, bloss mir zu Gefallen nach Korint zu reisen. Wenn er's täte, so ist er bis jetzt vielleicht der einzige, der dir gefährlich werden könnte. Bei dieser gelegenheit fällt mir ein, dass ich dir eine vor kurzem gemachte Entdeckung mitzuteilen habe. Oder solltest du es vielleicht schon wissen, dass sich ein zärtliches Herzensverständniss zwischen meiner kleinen Musarion und deinem wundervollen Freunde Kleombrotus angesponnen hat, wovon wir beide (ich weiss nicht recht warum) während der ganzen acht Tage, die er, vor eurer Reise, in meinem haus zu Aegina mit uns lebte, nichts gewahr wurden. Wie hätt' es aber auch zugehen sollen? Sie hielten die Sache so geheim, dass die Hauptpersonen selbst, wenn es nur irgend möglich wäre, nichts davon gewahr worden wären. So lange sie einander alle Tage sehen und sprechen konnten so viel sie wollten, war die Sprache der Augen die einzige, wodurch ihre liebenden Seelen sich einander mitteilten. Gäbe es, um einen jungen Hercules, der lauter Geist ist, mit einer niedlichen kleinen Hebe, die lauter Seele ist, in Verbindung zu setzen, noch ein geistigeres Mittel als Blicke, so würden ihnen sogar Blicke noch zu materiell geschienen haben, um sich ihrer zu Unterhaltung dieser heiligen Flamme zu bedienen, die sich im Augenblick der ersten Annäherung, wie durch einen aus heiterm Himmel plötzlich herabfallenden Blitz, in ihren congenialischen Seelen entzündete. Diess ersehe ich aus einem Briefe des erhabnen Kleombrotus an meine kleine Muse, worin er unter andern sagt: "O Musarion! Warum können Seelen wie die unsrigen einander nicht unmittelbar berühren, unmittelbar umschlingen, durchdringen und in einzige zusammenfliessen! Warum muss ich Armer ein so dürftiges, kaltes, kraftloses, kümmerliches Mittel, als Worte sind, zu hülfe nehmen, um dir zu sagen, was keine menschliche Sprache, was die Sprache der Götter selbst nicht aussprechen kann, – wie ich dich liebe!" – Du fragst mich, Aristipp, wie ich zur Entdeckung dieses unsichtbaren und unaussprechlichen Liebeshandels gekommen sei? Wisse also, mein Freund, dass der arme Kleombrotus, wie er, nach seiner Abreise mit dir, die bisherigen einzigen Vermittler seines geheimen Verständnisses nicht länger gebrauchen konnte, sich endlich durch die höchste Not gezwungen sah, zu dem gemeinen Hülfsmittel zu schreiten, dessen wir andern gewöhnlichen Menschenkinder uns in solchen Fällen zu bedienen pflegen. Kurz, die kleine Musarion erhielt nach und nach einige grosse Briefe von ihm, die du lesenswürdig finden würdest, wenn ich Zeit, oder (aufrichtig zu sein) Dienstgeflissenheit genug gehabt hätte, sie für dich abzuschreiben. Zufälligerweise fand ich diesen Morgen, da das Mädchen eben anderswo beschäftiget war, ihr Schmuckkästchen, worin sie diesen Schatz verwahrte, unverschlossen; und so erfuhr ich denn mehr als die gute Seele glaubt dass ich wisse; denn ich schlich mich unbemerkt wieder fort, und bin entschlossen, mir nicht das Geringste von der gemachten Entdekkung gegen sie merken zu lassen. Wenn du es mit dem begeisterten Kleombrotus eben so halten wirst, so können wir uns von dem Fortgang und der Entknotigung dieses sublimen Liebeshandels noch manche Kurzweil versprechen.
32.
An Lais.
Ich werde mich künftig wohl hüten den Kunstrichter zu machen, wenn ich mit dir von dem Werk eines grossen Meisters spreche. Ganz gewiss hast du die idee des Parrhasius auf den ersten blick richtig gefasst, und ich begreife jetzt selbst nicht, wie ich dem Ansehen eines vorgeblichen Kenners, an dessen Seite ich den sogenannten Demos Atenäôn sah, mehr glauben konnte als dem zeugnis meiner eignen Augen, die mir eben dasselbe sagten was du. So kann uns die löbliche Tugend der Bescheidenheit – oder die Untugend des Misstrauens in uns selbst zuweilen irre führen!
Kleombrotus hat sein geheimnis besser in seinem Busen verwahrt als Musarion seine Briefe in ihrem Schmuckköstchen. Ich merkte zwar, dass seine Phantasie während unsrer ganzen Reise sehr hoch hinaufgeschraubt war; aber geschraubt war sie auch vorher gewesen, und was etwa das Mehr austragen mochte, setzte ich, den Regeln der Wahrscheinlichkeit gemäss, auf deine Rechnung. Denn wie konnte' ich mir einbilden, dass ein solcher Schwärmer die schöne Lais ungestraft hätte sehen können? Dass nur ein Schwärmer wie er es könne, fiel mir nicht ein – und ist doch so wahr! Desto besser für ihn dass er es konnte! Bei dir würde er schwerlich so wohl gefahren sein als bei der kleinen Musarion, und sie schickt sich freilich besser dazu, seiner phantastischen Art zu lieben (die er dem jungen Plato, einem noch grösseren Schwärmer als er selbst, abgelernt hat) zum Zunder zu dienen als du.