bedarf es einer Entschuldigung? Was ich geschrieben habe, steht nun einmal da, und ich komme noch immer früh genug dazu, dir ins Ohr zu sagen, dass du mir, wie es scheint, mit deinem Versuch, das Herz meines alten Chirons durch eine Kriegslist zu erobern, keinen sonderlichen Dienst bei ihm geleistet hast. Ich finde ihn seit meiner Zurückkunft noch merklich kälter als zuvor, und seine Vertrauten begegnen mir so fremd und vornehm, dass ich oft alle meine Urbanität zusammennehmen muss, um – ihnen nicht ins Gesicht zu lachen. Aber ich habe eine andere Manier sie zu ärgern; ich tue als ob ich nichts merke, benehme mich gegen Meister und Gesellen wie vorher, und sehe den erstern fast täglich an öffentlichen Orten, wiewohl selten in seinem haus. Um meine müssigen Stunden auszufüllen, übe ich mich mit einigen der besten Citaristen in der Musik, und lasse mir von dem berühmten Hippias Unterricht in der Redekunst geben. Er ist teuer; aber er könnte doppelt so viel fordern, ohne dass ich es zu viel fände, so gross ist das Vergnügen, ihn reden zu hören. Seine gewöhnliche Metode ist, heute für, morgen gegen einen Satz zu sprechen. Die Sokratiker nehmen ihm das übel; mit Unrecht, dünkt mich. Es gibt schwerlich ein besseres Mittel, die Urteilskraft zu schärfen, und sich vor Einseitigkeit und Unbilligkeit gegen anders Denkende zu verwahren, als wenn man jede Sache von allen ihren Seiten und im verschiedensten Lichte betrachtet. Noch eine Ursache, warum ich den Umgang mit Hippias liebe, und ihn so oft als möglich sehe, ist seine grosse Menschenkenntniss; versteht sich, der wirklichen Menschen, wie sie leiben und leben, und des Laufs der Welt, nicht wie wir ihn alle gern hätten, sondern wie er ist. Du kannst dir leicht vorstellen, Laiska, dass ich mich durch diese kleine Vorliebe für einen Sophisten, von welchem die Anhänger des Sokrates, besonders der junge Plato, mit der grössten Verachtung sprechen, schlecht bei den letzteren empfehle; zumal, da ich seit meiner Zurückkunft meine Art zu leben abgeändert habe, mich besser kleide, etliche Bediente und einen Sicilischen Koch halte, und wöchentlich ein oder zweimal die artigsten Leute, die ich hier kenne, zum Abendessen einlade. "Auch Hetären?" fragst du mit deiner eignen schelmischen Miene – Hetären? Nein, bei allen Grazien des weisen Sokrates und der schönen Lais! – Hoffentlich nimmst du das nicht so, als ob ich dir ein Compliment damit machen wolle. Ich würde mich selbst verachten, wenn mir eine solche Katachresis109 nur im Traum einfallen könnte. Nie, nie wird es mir möglich sein, mir das liebenswürdigste aller weiblichen Wesen anders als einzig in ihrer Art, geschweige unter einer Rubrik zu denken, die ich auch dann, wenn sie mit lauter Korinnen, Melissen und Aspasien besetzt wäre, ihrer noch unwürdig finden würde. Ich kenne dermalen keine dieses Standes in Aten, die eine Gesellschaft, wie diejenige, die ich zuweilen bei mir versammle, zu verschönern liebenswürdig genug wäre. Aber schicke mir nur diejenige unter deinen Nymphen, die es am wenigsten ist, und sie soll durch einen einstimmigen Beschluss zur Königin unsrer kleinen Symposien ernennt werden.
31.
Lais an Aristipp.
Ich habe Uranien zwei schneeweisse Täubchen und dem Wogenbändiger Poseidon einen Stör von der ersten Grösse für deine glückliche Wiederkunft geopfert. Ein schwarzer Stier mit vergoldeten Hörnern ist ihm auf den Tag gelobt, an dem wir uns in Aegina widersehen werden.
Es ist doch eine schöne Sache, Freund, so in der Welt herumzustreichen, und alles was gross, selten und sehenswert ist, mit seinen eignen Augen zu besehen. Die Beschreibung, die du mir von dem Gemälde des Parrhasius zu Mitylene gibst, könnte mich leicht dahin bringen, selbst nach Lesbos zu reisen, um mich gewiss zu machen, dass die Kunst binnen dreissig bis vierzig Jahren schon zu einer solchen Höhe hinaufgestiegen sei. Leontides sagte mir, sein Landsmann und Zeitgenoss Kleophant habe für einen grossen Maler gegolten, weil man einige Verschiedenheit in den Gesichtern seiner Figuren wahrgenommen; von Ausdruck der Leidenschaften, Gemütsregungen und Sitten hatte man damals noch keinen Begriff, und an die feinern Bezeichnungen der Gradationen in allem diesem war vollends gar nicht zu denken. Aber die sinnreichen Anmerkungen, die du über die verfehlte Absicht des Künstlers und über die Unmöglichkeit, den Charakter eines ganzen Volkes in einer historiirten Allegorie zu personificiren, machst, hättest du dir, dünkt mich, ersparen können, mein lieber Philosoph. Wer sagt dir denn, dass Parrhasius eine solche Absicht hatte? oder wie kannst du dir einbilden, ein Maler, der das alles, was du an seinem Werke rühmst, leisten konnte, habe etwas unternehmen wollen, das der Kunst unmöglich ist? Ich bin gewiss, es fiel ihm so wenig ein, das Attische Volk, insofern es sich als eine moralische person denken lässt, in diesem Gemälde darstellen zu wollen, als die Anwohner der Imaus, oder das Volk im Mond. Warum wollen wir ihm eine andere Absicht leihen, als die sich in seinem Werke selbst ankündigt? Warum soll es noch etwas andres sein als es augenscheinlich ist? Parrhasius wollte eine auseinandergehende Atenische Volksversammlung malen, und zwar so, dass wir erraten könnten was in derselben verhandelt worden, und wie es überhaupt darin zuzugehen pflege. Es war ein sinnreicher Gedanke, und, ihn auszuführen, unläugbar eine Aufgabe, an die sich nur ein grosser Meister