zu gehen. Man zählt mehr als hundert halbe und ganze Figuren, von welchen die bedeutendsten in drei grosse Hauptgruppen verteilt sind. In der ersten ist der Demagog, der so eben irgend ein ausschweifendes Project (etwa die Eroberung von Sicilien oder Aegypten) durch seine rhetorische Taschenspielerkunst durchgesetzt hat, die Hauptfigur. Das hoffärtigste Selbstgefühl und der Vorgenuss des Triumphs über den glücklichen Erfolg seiner Vorschläge, den er als etwas Unfehlbares voraussetzt, ist in der ganzen person, im Tragen des Kopfs, im Ausdruck des Gesichts, und in der ganzen Haltung und Gebärdung des stolz einherschreitenden Projectmachers auf die sprechendste Weise bezeichnet. In den Gesichtern und Stellungen seiner ihn umgebenden Anhänger zeigt sich, in verschiedenen Schattirungen, Leichtsinn, Selbstgefälligkeit, Kühnheit und herausfordernder Trotz. Es ist als ob sie sagen wollten: "Das kann nicht fehlen! arme Schelme! wir wollen bald mit euch fertig sein! Wer kann den Atenern widerstehen? Was wäre Männern wie wir unmöglich?" Gleichwohl bemerkt man hinter jenen ein Paar Achselzucker, die dem Unternehmen einen unglücklichen Ausgang zu weissagen scheinen; ein dritter hängt den Kopf so melancholisch als ob schon alles verloren sei; ein vierter scheint mit einem schwärmerischen Beförderer des Projects in einem lebhaften Wortwechsel begriffen zu sein. Die zweite Gruppe drängt sich um den Schatzmeister der Republik, der seine Freude über die gefälligkeit, womit ihm das Volk seine Rechnungen passiren liess, unter einer sorgenvollen Finanzministermiene zu verbergen sucht. Ein Schwarm lockerer Brüder, im vollständigen Costume ausgemachter Kinäden und Parasiten, schlendern neben und hinter ihm her, und scheinen, in fröhlichem Gefühl, dass es weder ihnen selbst noch der Republik jemals fehlen könne, einen grossen Schmaus auf den Abend zu verabreden. Ein anderer, der sich durch die schlaueste Schelmenphysiognomie auszeichnet, und etliche hungrige zu allem bereitwillige Gesellen hinter sich her schleichen hat, nähert sich dem Ohr des Ministers, und scheint ihn durch Darbietung der halb offnen Hand der versprochnen Erkenntlichkeit für den geleisteten Dienst erinnern zu wollen. Aber auf der Seite sieht man ein paar ältliche heliastische Figuren, mit bedenklichen Gesichtern, deren einer dem andern die Fehler in der abgelegten Rechnung vorzuzählen scheint, während ein dritter allein stehender, den sein schäbiger Kittel und ein Gesicht, das einer mit Zahlen beschriebenen Rechentafel gleicht, für das was er ist ankündigt, auf einem Stückchen Schiefer nachrechnet, und durch die Miene, womit er seitwärts nach dem Schatzmeister schielt, den nahen Staatsbankrott weissagt. Die dritte Gruppe begleitet den verurteilten Feldherrn nach dem gefängnis. Einige, die ihn zunächst umgeben, drücken in verschiedenen Graden Teilnehmung, Schmerz und Mitleiden aus; während er selbst seinem Schicksal mit grossherziger Entschlossenheit entgegen geht. In einiger Entfernung sieht man einen Haufen Sykophanten und falsche Zeugen hinter etlichen Männern von Bedeutung, die sich durch ihre boshafte Freude über den gelungenen Streich als die Feinde des verurteilten Feldherrn ankündigen. Ein einzelner junger Mann, an eine Herme angelehnt, scheint durch seine Gebärde und einen wehmütig scheuen Seitenblick auf das schuldlose Opfer einer schändlichen Cabale seine Reue zu verraten, dass er die Anzahl der schwarzen Steine durch den seinigen vermehrt hat. Ausser diesen Hauptgruppen erblickt man hier und da einzelne oder in kleine Haufen verstreute Figuren, die, an dem Vorgegangenen keinen Anteil nehmend, nichts Angelegener's zu haben scheinen, als der Palästra, oder dem Bad, oder dem Prytaneon, wo eine wohlbesetzte Tafel ihrer wartet, zuzueilen. Alles das ist mit eben so viel Geist und Leben als Fleiss und Zierlichkeit ausgeführt, und gewiss ist dieses in seiner Art vielleicht einzige Meisterwerk die grosse Summe wert, für welche ein reicher Kunstliebhaber zu Mitylene es vor kurzem an sich gebracht hat. Indessen, wiewohl ich gestehen muss, dass Parrhasius wo nicht die einzige, doch die sinnreichste und verständigste Art, das, was er uns durch dieses Gemälde zu erraten geben wollte, anzudeuten, ausfindig gemacht habe, ist doch nicht zu läugnen, dass seine Absicht, – wenn es anders seine Absicht war, die Veränderlichkeit und Vielgestaltigkeit des alle mögliche Widersprüche in sich vereinigenden Charakters des Atenischen Demos allegorisch darzustellen – nur unvollkommen und zweideutig dadurch erreicht wird. Denn was er uns darstellt, ist nicht die personificirte idee, die man mit dem Worte Volk verbindet, insofern ihm ein gewisser allgemeiner Charakter zukommt; sondern eine Menge einzelner Glieder dieses volkes, in der besonderen Handlung, leidenschaft oder Gemütsstimmung, worein sie sich in diesem Moment gesetzt befinden. Die Arbeit, sich selbst einen allgemeinen Volkscharakter aus allen diesen Ingredienzen zusammenzusetzen, bleibt dem Anschauer überlassen; aber auch dieser kann doch, da alles das eben so gut zu Korint oder Megalopolis oder Cyrene hätte begegnen können, weiter nichts als den Charakter des volkes in einer jeden Demokratie darin aufsuchen; und der Maler hat diesen Einwurf dadurch, dass er die Scene auf den grossen Markt zu Aten setzte, höchstens aus den Augen gerückt, aber keineswegs vernichtet. Doch, wie gesagt, die Schuld, dass er nicht mehr leisten konnte, liegt nicht an ihm, sondern an den Schranken der Kunst; und, ausserdem dass dieses Stück, bloss als historisches Gemälde betrachtet, alle Wünsche des strengsten Kenners befriediget, gesteh' ich gern, dass man auf keine sinnreichere Art etwas Unmögliches versuchen kann.
Ich bin durch diese zufällige Abschweifung ziemlich weit von dem, was ich dir schreiben wollte, weggekommen; aber da ich diess treffliche Stück noch so frisch im Gedächtniss habe, und du eine so warme Liebhaberin der Kunst bist, so konnte ich, oder wollte ich – doch, wozu