die Freiheit und Ruhe, die in seinen Jahren so wohltätig sind, oder (wie er selbst sich ausdrückt) auf die erlaubnis im Frieden auszuleben, beschränkt zu haben. Ich besuche ihn öfters; er scheint mich gern zu sehen, weil ich ihm immer etwas Angenehmes von dir zu erzählen weiss.
Ich danke den Göttern, dass ich zu unbedeutend bin, um in diesen gefährlichen Zeitläuften eine Rolle spielen zu müssen, und nicht ehrgeizig oder unruhig genug, um etwas bedeuten zu wollen. Meine Familie ist durch die goldene nie genug gepriesene Mittelmässigkeit vor Neid und Raubgier gleich gesichert; und so lange wir uns, wie bisher, des Schutzes deines edlen Bruders erfreuen können, ist der Anteil den wir an der allgemeinen Ruhe des Vaterlandes nehmen, das einzige was die unsrige stören kann. Leider fehlt noch viel, dass wir uns der Hoffnung bess'rer zeiten frohen Mutes überlassen dürften. Die demokratische Partei ist noch nicht gedämpft, und unsre dermalige Regierung, zu sehr mit der inneren Polizei beschäftigt, scheint den Bewegungen ihrer Feinde mit einer Gleichgültigkeit zuzusehen, die ich mir nicht wohl erklären kann. Gewiss ist, sie muss ihre Ursachen dazu haben; ungewiss, ob der Ausgang sie rechtfertigen wird.
29.
Aristipp an Ariston.
Das Glück hat deine Wünsche begünstiget, Ariston; du hast das höchste Ziel des menschlichen Ehrgeizes erreicht. Unglücklicher Weise sind die Stufen, auf denen du bis zum Tron hinauf gestiegen bist, mit Bürgerblut befleckt. Wenn du ihn nur durch Verbrechen ersteigen konntest, so glaube wenigstens den Schmeichlern nicht, die dich bereden wollen, unter dem Glanz des Trones würden auch Verbrechen schön. – Doch, das Geschehene kann kein Gott ungeschehen machen: aber das Andenken desselben im Gedächtniss der Menschen auslöschen, kannst du selbst. Je grösser die Opfer waren, die deine Erhebung dem vaterland kostete, desto grösser und ausgebreiteter ist das Gute, das es jetzt aus deiner Hand zu erwarten berechtigt ist, da du alles vermagst. Den Weg haben dir Gelon, Hieron, Pisistratus und Perikles vorgezeichnet. Möge das Volk, das dich mit jubel zu seinem König ausrief – und nicht wusste was es tat – Ursache finden, noch in funfzig Jahren den Tag zu segnen, da es sein Wohl oder Weh in deine hände legte; und möge Ariston der König nie vergessen, dass er einst seines Volkes Mitbürger war!
30.
Aristipp an Lais.
Nach einer Wanderung von mehr als fünf Monaten bin ich wieder wohlbehalten auf dem "öltriefenden Boden angelangt, den Pallas Atene beschützt;" in dieser Stadt von welcher der Dichter Lysippus107 sagt:
Hast du Atenä nicht gesehen, bist du ein Klotz,
Sahst du sie und sie fing dich nicht, ein Stockfisch;
Trennst du dich wohlgemut von ihr, ein Müllertier.
Ich hoffe diess letztere werde nicht im strengsten Sinn der Worte zu nehmen sein; denn ich sehe wohl, dass ich Aten noch mehr als einmal wohlgemut verlassen werde; aber dafür bin ich auch gewiss, ich werde eben so oft wieder zurückkommen; und ich müsste mich sehr irren, oder dieses wechselnde Kommen und Gehen ist das wahre Mittel, wie man der Vorteile und Annehmlichkeiten des Aufentalts in dieser Hauptstadt der gesitteten Welt geniessen kann ohne ihrer überdrüssig zu werden, oder sie von den übermütigen, naseweisen und wetterlaunischen Einwohnern gar zu teuer zu erkaufen. Nimm es nicht übel, klärten Liebhabern, mit so wenig Ehrerbietung rede. Ich läugne es nicht, ein Fremder, der sich eine Zeit lang unter ihnen aufhält, und, es sei nun durch persönliche Eigenschaften oder durch Geburt, Stand und glänzenden Aufzug, ihre Aufmerksamkeit erregt, muss von ihrer Liebenswürdigkeit bezaubert werden; aber lass' ihn nur so lange bleiben, bis sie es nicht mehr der Mühe wert halten Umstände mit ihm zu machen: ich wette, er wird den Unterschied zwischen dem Atener im Feierkleide und dem Atener im Caputrocke sehr auffallend finden. Das ist allentalben so, wirst du sagen. Ich gesteh' es; aber doch zweifle ich sehr, ob irgend ein anderes Volk dich die zuvorkommende Artigkeit und gefälligkeit, womit es dich Anfangs überhäuft, so teuer bezahlen lässt, als der Atener, von dessen Charakter einer der wesentlichsten Züge ist, dass er Andere gerade so viel unter ihrem wahren Wert schätzt, als er sich selbst über den seinigen würdigt.
Ich weiss nicht, ob du von einem Gemälde des berühmten Parrhasius gehört hast, worin er den schon vom Aristophanes so treffend personificirten Atenischen Demos108 in einer Art von allegorisch historischer Composition zu schildern unternahm. Seine Absicht, sagt man, war, die Atener von der schönen und hässlichen Seite, mit allen ihren Tugenden und Lastern, Ungleichheiten, Launen und Widersprüchen mit sich selbst, zugleich und auf einen blick darzustellen. Es war keine leichte Aufgabe, eben dasselbe Volk rasch, jähzornig, unbeständig, ungerecht, leichtsinnig, hartnäckig, geitzig, verschwenderisch, stolz, grausam und unbändig auf der einen Seite, und mild, lenksam, guterzig, mitleidig, gerecht, edel und grossmütig auf der andern, zu zeigen; oder vielmehr, er unternahm etwas, das seiner Kunst unmöglich zu sein scheint. Du bist vielleicht neugierig zu wissen, wie er es anfing? Das Gemälde stellt eine Atenische Volksversammlung vor, welche, nachdem sie in möglichster Eile irgend eine Ruhm und Gewinn versprechende Unternehmung beschlossen, eine summarische Rechnung über Einkünfte und Ausgaben des staates abgehört, und einen General etwas tumultuarisch zum tod verurteilt hat, eben im Begriff ist auseinander